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Frankfurt-Innenstadt Filmwelt inmitten von Trümmern

Die Zeil-Kinos lockten sonntags Kinder, die sonst im Kriegsschutt spielten. Das Zeil-Filmtheater wurde 1952 eröffnet und umfasste insgesamt sechs Säle in den Kellern. Die Frankfurterin Gabriele Ewald erinnert sich an das Ensemble, das 2004 schloss.

Gabriele Ewald erinnert sich an das Zeil-Filmtheater. Foto: christoph boeckheler*

Wenn Gabriele Ewald an ihre Kindheit in der Frankfurter Innenstadt denkt, kommen ihr vor allem zwei Dinge in den Sinn: „Trümmer und Kino“. Wenn die 65-Jährige das sagt, muss sie schmunzeln und sofort sprudeln die Erinnerungen los.

Zuallererst an das Zeil-Filmtheater, das Ewald schon als Sechsjährige sonntags ganz alleine zur Matinee besuchen durfte. Für 60 Pfennige schaute sie sich „Emil und die Detektive“, Märchenfilme oder US-amerikanische Streifen à la „Bambi“ an. „Da habe ich damals fürchterlich geweint“, erinnert sich Ewald noch heute an die Szene, in der Bambis Mutter von der Kugel eines Jägers getroffen wird.

Das Zeil-Filmtheater wurde 1952 eröffnet. Wo heute in dem schlichten Hauseingang auf der Zeil 85 - 93 die Treppen hinab in den modernen Gibson-Club führen, bildeten sich früher lange Warteschlangen.

Im Keller fanden die Kinobesucher einen Saal mit 800 rotgepolsterten Klappstühlen vor, einen gelb gefütterten Balkon und Wände, die mit Kunstleder verkleidet waren. Eine kleine, abgeschottete Welt also. In den 80er-Jahren wurden weitere Keller rund um das Kino zu insgesamt sechs Sälen umgebaut. 2004 machte das Ensemble dicht.

Hier erlebte Ewald episch lange Römerfilme oder sah auf der Leinwand dem Schauspieler David Cameron zu, in den sie „ganz verliebt“ war. Einmal habe sogar ein Mann neben ihr gesessen, der plötzlich einen Revolver aus der Tasche zog, an dessen Trommel drehte und die Waffe vor Ende des Films wieder in der Tasche verschwinden ließ. Am einprägsamsten sei aber die Begegnung mit einem Spatz gewesen, der der Jugendlichen beim Verlassen des Kinos auf der Zeil entgegenflog. „Ich duckte mich und lief weg“, erzählt sie und muss lachen: Kurz zuvor hatte sie „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock gesehen.

Als Ewald jung war, fuhren Straßenbahnen die Zeil entlang, ragten Skelette ausgebombter Häuser in die Höhe und konnte man unter persönlicher Ansprache bei „Radio Diehl“ seinen ersten Fernseher kaufen – womit das Kinosterben seinen Anfang nahm. Es war auch eine Zeit, in der es keine Spielplätze gab. Gabriele Ewald und andere Kinder aus der Elefantengasse spielten auf der Straße „und die Trümmer waren unser Abenteuerspielplatz“.

Eine beliebte Mutprobe war es, so Ewald, auf den hohen Brandwänden zu balancieren. „Meine Mutter hatte das verboten, aber wenn sie einkaufen ging, sprang ich einfach aus dem Fenster auf die Straße hinaus.“ Ins Kino indes durfte sie regelmäßig gehen. „Ich glaube, dass meine Eltern mal ihre Ruhe haben wollten.“

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