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Alte Kinos in Frankfurt Filmgucken auf Küchenstühlen

Als das Bieberbau-Lichtspieltheater 1947 eröffnet wurde, mussten die Besucher noch auf Küchenstühlen Platz nehmen. Doch dann entwickelte es sich zu einem der wichtigsten Erstaufführungskinos in Westdeutschland. Heute erinnern nur noch Fotos an das alte Kino.

16.01.2015 16:55
Hans-Ludwig Buchholz
Der Bieberbau in der Biebergasse in den sechziger Jahren. Foto: Deutsches Filminstitut - DIF

„Es wurde, wie ich finde, trotz allem ein schönes Kino“, sagte der inzwischen verstorbene Siegfried Lubliner einmal über sein Bieberbau-Lichtspieltheater. Lubliner gehörte einst zu den zentralen Figuren der Frankfurter Kinoszene, war in der Nachkriegszeit deutscher Direktor der amerikanischen Filmkontrolle in Hessen und besaß einige der größten Frankfurter Kinos der unmittelbaren Nachkriegszeit. Ihm und seinen Partnern gehörten so etwa der Turmpalast, das Zeil-Kino und eben der Bieberbau in der Biebergasse, nahe der Hauptwache.

„Trotz allem schön“, damit spielte Lubliner auf den schwierigen Wiederaufbau des Kinos nach dem zweiten Weltkrieg an. Mit zwei Partnern hatte er beschlossen, das völlig ausgebrannte Kino wiederherzustellen. Zwar seien die Behörden damals sehr aufgeschlossen gewesen, denn „Kino war das einzige Unterhaltungsmittel“, erinnerte sich Lubliner. „So lange die Leute im Kino saßen, hatten sie auch keinen Hunger.“ Der allgegenwärtige Mangel im Jahr 1947 habe ihm und seinen Mitstreiter dennoch das Leben schwer gemacht. „Ein eklatantes Beispiel, wie es einem gehen konnte, war die Bestuhlung im ‚Bieberbau‘“, erzählte Lubliner.

Für die 600 Kinostühle seien eine Menge Bezugsscheine nötig gewesen. Als die endlich beisammen waren, fehlte der Leim für die Verstärkung der Armlehnen. In der amerikanischen Besatzungszone hätte es den nirgends gegeben. Und so habe man „über rheinische Kohle gegen Schuhe aus Pirmasens den Kauritleim aus Ludwigshafen organisiert.“ Für die Eröffnungsfeier kam der Leim dann dennoch zu spät. Den Trümmerfilm „Und über uns der Himmel“ mussten sich die Frankfurter auf eilig herbeigeschafften Küchenstühlen ansehen. Was nichts daran änderte, das sich der Bieberbau schnell zu einem der wichtigsten Erstaufführungskinos in Westdeutschland entwickelte.

In der Geschichte des Bieberbaus ist das jedoch nur das letzte Kapitel. Schon 1908 nutzte ein Theater den Saalbau als Kleinkunstbühne, ab 1915 gab es die ersten kinematografischen Vorstellungen. Ein richtiges Kino entstand in der Biebergasse dann 1924. Die Architekten Stich und Levy schufen in diesem Jahr ein Kino mit 400 Sitzen.

Schon bald reichten die nicht mehr aus. Nur zwei Jahre später kam es zum grundlegenden Umbau. Aussehen, Design und Architektur waren in den goldenen Zwanzigern natürlich sehr viel wichtiger als sie es später beim Wiederaufbau in der Nachkriegszeit sein würden.

Neben der Schaffung eines Mittelbalkons, seitlicher Galerien, neuer Ausgänge und ähnlichen notwendigen Dingen zur Vergrößerung legte der Architekt daher besonderen Wert auf ein modernes Aussehen. Der Frankfurter Kulturjournalist Siegfried Kracauer erkannte das mit Begeisterung an und lobte anlässlich der Neueröffnung den Architekten: „Prof. Mangold hat den Schmuck beiseite gelassen, der uns nicht mehr gemäß ist, und mit einem leichten Fingerdruck die Baustoffe selber dazu bewogen, sich richtig zu ordnen.“

Heute ist das alles nur noch auf einigen Fotos zu bestaunen. Nicht nur, weil der Krieg den Wiederaufbau und eine komplette Neugestaltung des Kinos nötig gemacht hatte. Sondern auch, weil der Bieberbau Anfang 1965 aus dem Frankfurter Stadtbild verschwunden ist. Die Besitzer Lubliner und seine Partner hatten das Kino nach dem Auslaufen des Pachtvertrages aufgeben müssen. Das Gebäude wurde anschließend abgerissen und durch ein neues Geschäftshaus ersetzt. Unter anderem ein Schuhgeschäft betreibt hier heute eine Filiale.

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