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Paulo Scott: "Unwirkliche Bewohner" Im Zickzack

Unwirkliche Liebe, unmündige Gesellschaft: Der Roman "Unwirkliche Bewohner" von Paulo Scott.

Das Leben will gesteigert sein: Jurist, Aktivist, Trotzkist. Welch ein Dreischritt, aber auch die Synthese? In der individuellen Entwicklung sieht Paulo die allgemeine Misere kompensiert, zumal im Epochenjahr 1989.

Da war die Revolution auf dem absteigenden Ast, auch an der Peripherie, in Brasilien. Kompensation also, und die Clubs, durch die die Weltveränderer ziehen, heißen Peter Pan und Taj Mahal, wie auch bei uns. In Porto Alegre, der Leser wird Zeuge, wird gekifft und gekokst, die Zeitlupenexistenz ist ebenso gefragt wie die im Zeitraffer. Und wenn sich die Aktivisten sicher sind, dass Brasiliens Demokratie enorm labil ist (stabil allein die alten Mächte, Militär und Geheimdienst), dann tut der Protagonist Paulo vielerlei für eine frei flotierende Existenz.

Ob das alles der Grund für den offenbar großen Erfolg des Romans "Unwirkliche Bewohner" ist, den Paulo Scott vor zwei Jahren in Brasilien veröffentlichte? Einen Roman über eine, wie es heißt, unmögliche Liebe, die an unterschiedlichen Kulturen scheitert, die an den unüberbrückbaren Konventionen zerbricht. Aber welchen? Hilfsbereitschaft ist anfangs im Spiel, auch Mitleid, Fürsorge sogar gegenüber der benachteiligten Maína, einer 14-jährigen Indianerin.

Doch Paulo, die Figur Paulo Scotts, wäre nicht Paulo, wenn er nicht, verwöhntes Bürschchen aus gutem Haus, ein ausgeprägter Lustprinzipienreiter wäre. Unvereinbar ist die Beziehung zwischen der aufgelesenen Autostopperin und dem politisch engagierten Sohn, weil dessen Leidenschaft so groß wie seine Verantwortung unwahrhaftig ist. Der Gesellschaftsveränderer ist Außenseiter und zugleich Repräsentant (in) einer Gesellschaft der Unmündigen.

In Interviews hat Paulo Scott, der heute Abend in der Romanfabrik, Frankfurt, lesen wird, den Rassismus in Brasilien beklagt und vehement attackiert, den legalisierten, den bürokratischen, den strukturellen. Im Roman nennen die Indianer "es Krieg, wenn die Nicht-Indianer sie möglichst weit weg haben wollen." Sinnbildlich (und womöglich eindrucksvoller) ist es das Flechtwerk, das die am Straßenrand kauernden Guaraní-Indianer anbieten, denn die Alteingeborenen Brasiliens sind Heimatvertriebene, radikal Entwurzelte, und die bittere Ironie ist die, dass die Geschichte der unmöglichen Liebe weniger die einer Konfrontation mit der Realität zweier Kulturen ist, sondern der Ignoranz ihrer Verschiedenheit. Paulo, mit der Minderjährigen von einer Fete auf die andere ziehend, ist ein netter Realitätsflüchtling.

Paulo hält die Haltlosigkeit hoch. Wenn es heißt, Paulo fühle sich "wie in einer mit Treibsand gefüllten Senke, aus der er nie wieder rauskommen wird", dann ist nicht einmal das "nie wieder" wirklich unangebracht. Maína bringt Donato zur Welt, an wen aber, an was soll sich der Kleine halten, zumal in einem Roman, in dem niemand einen Halt findet, Maína nicht, die sich, furchtbare Ironie, an einem Baum erhängt, auch Paulo nicht, dem der erste Satz des Romans gilt. Darin bereits zieht er ein Resümee als politischer Aktivist, der vor allem ein moralischer Vagabund ist, der das Pech hat, dass er an dubiose Bekannte gerät, noch mehr Pech, dass ihn ein nervöser Polizist stellt und ins Bein schießt.

Der nächste Sprung in diesem Roman der Sprünge durch Raum und Zeit zeigt den Vagabunden in London, dort in einer militanten Szene von Squattern. Animiert von einer geheimnisvollen Französin bricht er in leerstehende Wohnungen ein, um sie Bedürftigen zu übergeben; in der Ferne Englands maßt er sich militant die Bereitstellung von eigenen vier Wänden an, das, was die Guaraní in ihrer Heimat, die längst keine mehr ist, vergeblich anstreben.

Paulo wird bei seiner großen Kompensation von Gangstern erwischt, Libanesen, wie der Roman versichert, die Paulo erpressen und ausbeuten. Währenddessen hat Maína Donato zur Welt gebracht, der Leser ist dabei, wenn er drei ist, fünf Jahre, in die Schule kommt, wenn das Adoptivkind, eines im doppelten Sinne, einen Spitznamen bekommt, Curumim, Indianerjunge. Der wird das Kind, Spitznamen tun das, verfolgen.

Es ist Curumim, der sich eine Holzmaske aufsetzt, auf die Straße geht, unter der Maske einen Trauergesang für seine Mutter, für seine Leute, die Guaraní, anstimmt, befremdend und betörend zugleich, mit so etwas fällt er auf. Catarina heißt die junge Frau, deren Enthusiasmus ansteckend ist, deren Sprunghaftigkeit sich nicht allein damit erklärt, dass sie eine Tänzerin ist. Bei der Geisterbeschwörung, misstrauisch verfolgt von den schwarzen Sheriffs im öffentlichen Raum, nimmt sie von dem seltsamen Ritus Take auf Take, in den Videoclipsequenzen findet die Unruhe der Romankonstruktion zu sich selbst. Umtriebig, wohl wahr, löst Scott die lineare Erzählung auf, und wenn an einer Stelle der Performance die Frage gestellt wird, warum "man sich eigentlich "im Zickzack" durch die Stadt bewege, dann hat Scott listig eine rhetorische Frage eingeflochten, hat er doch den Leser von Anfang an für seinen Romanzickzack an die Hand genommen.

Aufgelöste Erzählnormen über eine Gesellschaft in Auflösung, so darf es der Leser wohl kombinieren. Schließlich bittet eine Frau, Rener (eine weitere, eine andere, jeder Roman hat seine Geheimnisse) Donato, Taufpate ihres Kindes zu werden, "Pate für ein Kind von zwei verantwortungslosen Menschen". Die kokette Selbsterkenntnis trifft die Sache im Kern.

Eine Gesellschaft der Unmündigen, denn kaum eine halbe Seite später heißt es (aber was heißt schon halbe Seite, wenn der Zeitsprung zurück ins Jahr 1995 rund 15 Jahre umfasst), dass Paulo, dem der Tod Maínas von einem unbekannten Indianer eröffnet wird, gegen diesen ausfällig und handgreiflich wird.

Paulo, heißt es dann noch, nimmt sein Jurastudium auf, "so vergingen die Jahre". Er kommt mit neuen Leuten zusammen, die Gleichgültigkeit setzt sich fort, das "Leben verging". Scotts ethnografischer Einspruch wird überlagert von einem zutiefst existentialistischen Ton, Zug um Zug, und auch wenn Paulo als Jurist wieder Fuß fasst, bleibt die Uninteressiertheit ein ebenso hervorstechender Charakterzug wie seine Ungeduld, sein Phlegma ebenso ausgeprägt wie sein Ekel, weshalb er vieles "unerträglich" findet, und das in sehr kurzen Ekelattacken.

Womöglich gerade selbstgerechte Aktivisten sind groß im Verwenden des Wortes "unerträglich". In gewisser Weise, nicht direkt (aber was geschieht in diesem Roman schon direkt?) antwortet der Roman auf den monströsen Ekel durch Verstummen. Am Ende, auf den beiden vorletzten Seiten, steht die Widmung "für maína" sowie, gegenüber, "und für donato". Beides geschieht auf einem ansonsten jeweils weißen Blatt.

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