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Konstantin Wecker zu Blockupy "Ein angenehm anarchistischer Versuch"

Eigentlich wollte Liedermacher Konstantin Wecker am Donnerstag in Frankfurt im Rahmen der Blockupy-Aktionstage auftreten. Die Stadt aber hat das Konzert untersagt. Warum er dennoch nach Frankfurt kommt, erklärt er im FR-Interview.

Wird nach Frankfurt kommen. Ob er auch spielt steht noch nicht fest: Konstantin Wecker. Foto: dapd

Konstantin Wecker befindet sich an diesem Mittwochabend auf dem Sprung. In knapp einer viertel Stunde möchte er den Zug nach Frankfurt erwischen. Dort soll er eigentlich am Donnerstag im Rahmen der Blockupy-Aktionstage ein Konzert mit anderen Künstlern geben. Doch wie die meisten anderen Veranstaltungen wurde auch dieser Auftritt von den Gerichten untersagt.


Herr Wecker, eigentlich sollten Sie am Donnerstag auf dem Opernplatz auftreten. Das ist nun gerichtlich untersagt worden. Am Montag haben Sie noch angekündigt, trotzdem auftreten zu wollen. Bleibt es dabei?

Ich werde auf jeden Fall kommen. Natürlich werde ich nicht auftreten, wenn überhaupt keine Möglichkeit gegeben ist, mit einer Anlage oder so etwas. Aber ich werde auf jeden Fall kommen. Es besteht ja, soweit ich weiß, immer noch die Möglichkeit, dass über das Verfassungsgericht die Verbote noch aufgehoben werden. Oder wissen sie mehr?

Im Moment gibt es aus Karlsruhe noch keine Ansage…

Viele sagen, dass am Donnerstagvormittag die Würfel neu fallen könnten. Ich will auf jeden Fall dabei sein, auch wenn ich nicht auftrete. Natürlich bin ich eigentlich zum Auftreten gekommen, weil ich die Blockupy-Bewegung unterstützen wollte. Ich habe schon ziemliches Magengrummeln über diese Ungeheuerlichkeit, alle Veranstaltungen zu verbieten. Anscheinend ist es wirklich so, dass, wenn es um das Eingemachte, also um die Finanzmärkte, geht, alle rechtstaatlichen Masken fallen gelassen werden.

In Ihrem Aufruf von Montag fordern Sie auch andere dazu auf, „massenhaft“ zu erscheinen. Haben Sie keine Angst, am Ende als „Rädelsführer“ belangt zu werden?

Nein, das werde ich sicher nicht. Immerhin berufe ich mich auf die Versammlungsfreiheit. Bis jetzt gibt es noch kein wirkliches Argument, diese Versammlungsfreiheit einzuschränken. Soweit ich weiß ist es nur legitim, die Versammlungsfreiheit einzuschränken, wenn es sich bei dabei um einen Angriff auf die Demokratie handelt. Einen solchen habe ich bislang noch nicht ausmachen können. Natürlich lassen sich solche Angriffe, wie ich es von anderen Demonstrationen her kenne, auch steuern. Oder es kann sein, dass es wieder ein paar gibt, die meinen, unbedingt Steine schmeißen zu müssen. Kann alles sein. Ich persönlich bin immer für zivilen Ungehorsam und absolute Gewaltfreiheit eingetreten.

"Rassismus wieder Gang und Gäbe"

Wären Sie denn im Zweifel bereit, sich bei so einer Veranstaltung von der Polizei räumen zu lassen?

Das gehört ja wohl zum zivilen Ungehorsam dazu.

Ihr Aufruf vom Montag trägt den Titel „Empört euch!“. Den Titel haben Sie sich von Stéphane Hessel geliehen. Wie empört sind Sie denn momentan und worüber?

Ich habe ihn mir nicht nur für den Aufruf, sondern auch für ein Lied ausgeliehen. Ich hatte leider noch keine Möglichkeit, es Stéphane Hessel persönlich vorzutragen.

Ich bin schon seit ein, zwei Jahren empört, weil ich Angst habe, dass nach den ganzen schrecklichen Diktaturen, die wir im vergangenen Jahrhundert gehabt haben, mit dem Neoliberalismus als Nachfolger solcher Ideologien, wieder Gefahr laufen, der Demokratie verlustig zu gehen. Das ist etwas, das man, wenn man etwas feinfühlig ist, auch ganz deutlich spüren kann. Die Frage ist: Wie weit sind wir eigentlich noch wirklich demokratisch, wenn Geld in einer Art und Weise transferiert wird, dass nur ein bestimmter Prozentsatz der Menschheit überhaupt etwas davon hat. Und dafür werden die Grundrechte und alle sozialen Errungenschaften immer mehr eingegrenzt.

In Deutschland geht es noch. Aber ich war am 1. Mai in Griechenland und hatte die Möglichkeit nicht nur mit Theodorakis, sondern mit ganz vielen Griechen zu sprechen. Ich kann die Empörung der Griechen sehr, sehr gut verstehen. Und ich kann auch gut verstehen, dass sie die Leute abgewählt haben, von denen sie so lange belogen und betrogen wurden.

Und dann kommt noch eine weitere Gefahr hinzu. Je ärmer die Leute werden, je bedrohter sie in ihren sozialen Rechten sind, umso mehr neigen sie rassistischen, faschistischen Ideologien zu. In Griechenland sieht man es deutlich. Und ich habe auch in Deutschland das Gefühl, das bestimmte Formen von Rassismus plötzlich wieder Gang und Gäbe sind. Das ist etwas, wo wir höllisch aufpassen müssen. Das haben wir natürlich dieser völlig wildgewordenen Finanzwirtschaft zu verdanken.

Lesen Sie weiter: Was Wecker von den Zielen der Occupy-Bewegung hält

Das Blockupy-Bündnis ist sehr breit ausgelegt. Dazu gehören Anhänger einer reformierten sozialen Marktwirtschaft ebenso wie linksradikale Gruppierungen, die den Kapitalismus überwinden wollen. Wo verorten Sie Sich selbst in diesem Spektrum?

Ich bin der Meinung, dass wir jetzt versuchen müssen, in unserer Empörung unsere ganze Vernunft zusammenzunehmen und durch die Vernetzung von verschiedenen Gedanken und Ideen an einem neuen System zu arbeiten. Ich lass mir von keinem Einzelnen mehr erklären, dass er wissen würde, wie die Welt zu retten sei. Ich glaube, das geht nur in der Gemeinschaft. Und so etwas wie die Occupy-Bewegung ist ein für mich sehr angenehm anarchistischer Versuch, verschiedene Gruppen und Denkmuster zusammen zu bringen.

Wir sind am Anfang. Wir merken, dass es so nicht mehr geht, dass der Kapitalismus am Ende ist. Also brauchen wir etwas Neues. Und an diesem Neuen müssen wir gemeinsam arbeiten. Es gibt ein paar tolle Ideen, auch ganz konkrete. Vielleicht schafft man es ja die Politiker durch Proteste dazu zu bringen, dass sie endlich mal Finanztransaktionssteuern einführen – zum Beispiel.

Wie muss Protest Ihrer Meinung nach aussehen, um in dieser Zeit erfolgreich zu sein?

Ich kann mir vorstellen, dass, wenn man hier merken würde, dass wirklich sehr, sehr viele Menschen, sich gemeinsam empören, dann wird man auch irgendwann Politiker dazu bringen, darüber nachzudenken. Zumindest eher, als wenn man stillhalten würde. Aber es ist eine Tatsache, dass man im Moment einfach nicht mehr stillhalten kann.

"Blockupy sind keine Spinner"

Aber macht man es sich nicht zu leicht, wenn man, wie ein Großteil der Occupy-Bewegung, die Schuld an der Misere dem „oberen einem Prozent“ zuschiebt und so tut, als wäre man nicht selbst in das System eingebunden. Sowohl als Akteur als auch als Opfer?

Aber dieses eine Prozent hat eine unglaubliche Macht in der Hand. Mein Problem ist nicht, dass jemand einen Swimmingpool, eine Villa und drei Autos hat. Aber ab einer bestimmten Summe Geldes, die ein Mensch oder ein Konzern zur Verfügung hat, entsteht ein Machtverhältnis, das nicht mehr zu ertragen ist. Insofern ist dieses eine Prozent schon gefährlich und da kann man auch eine konkrete Schuldzuweisung treffen.

Es wurden völlig zu Recht den schrecklichen Ideologien, dem Faschismus, dem Stalinismus, die Toten aufgerechnet. Millionen von Toten. Aber noch niemand hat es gewagt, die Toten der neoliberalen Ideologie aufzuzählen. Daran sind Unmengen von Menschen gestorben – an Hunger und Verelendung. Allein die Lebensmittelspekulation hat Hundertausende wenn nicht Millionen Leben gefordert. Und das ist nur ein kleines Beispiel.

Was müsste vor diesem Hintergrund passieren, damit Sie von erfolgreichen Blockupy-Aktionstagen sprechen können?
Erfolgreich wären sie dann gewesen, wenn ganz viele Menschen darauf aufmerksam wurden, dass das keine Spinner sind, die Blockupy machen, sondern dass das Menschen sind, die sich Gedanken um die Zukunft der Welt und ihrer Mitmenschen machen.

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