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Interview Gib mir dein Wissen

Zwischen Mekka und Madrid: Ein Interview mit der Schriftstellerin Raja Alem, die am Samstag auf der Buchmesse den LiBeraturpreis 2014 bekommt.

10.10.2014 15:01
Von Andrea Pollmeier
Zwischen Mekka und Madrid: Ein Interview mit der Literaturpreisträgerin Raja Alem. Foto: dpa

Frau Alem, Sie wohnen in Mekka und in Paris, schreiben offen über Licht- und Schattenseiten der saudi-arabischen Gesellschaft und werden für Ihr Werk mit Preisen ausgezeichnet. Wie gelingt Ihnen diese Balance zwischen den beiden Welten?
Ich bin schon als Kind viel ins Ausland gereist. Mein Vater war sehr liberal, er hat uns auf Fahrten in die ganze Welt mitgenommen. Ich war also schon früh mit dem Leben im Osten und im Westen vertraut. Manchmal kritisieren mich Leute dafür, dass ich in meinem Roman „Das Halsband der Tauben“ auch von Prostitution und Drogenkonsum in Mekka schreibe. Dann frage ich sie: Leben in Mekka Engel oder Menschen? Wo Menschen sind, gibt es auch Schwächen, das ist auf der ganzen Welt gleich.

Eine zentrale Figur Ihres Romans, Nora, ist Gattin eines Scheichs und pendelt zwischen Mekka und Madrid. Auch sie lotet Freiräume aus, kehrt jedoch bewusst zurück und ordnet sich den ihr auferlegten Regeln unter. Warum entscheidet sich Nora für diese Unterwerfung?
Die meisten Frauen konnten, wenn überhaupt, erst spät das Ausland kennenlernen. Meist waren sie schon verheiratet. Sie haben die westliche Welt dann immer nur vom Rand aus erlebt und nie ihr Innerstes kennengelernt. Ihnen fehlte auf diesen Reisen immer ihr gewohnter Bezugsrahmen. Nora ist allerdings schon weiter. Sie hat über die Kunst schon westliche Denkweisen kennengelernt. Sie ist offen, entscheidet sich aber dennoch, in ihrer Welt zu bleiben.

Aischa ist ebenfalls eine wichtige, allerdings virtuelle Figur Ihres Romans. Als Leser lernt man sie nur durch die E-Mail-Inhalte kennen, die sie an einen fernen Geliebten in Deutschland geschrieben hat. Dieser E-Mail-Austausch ist für sie das Fenster zur Welt. Durch das Internet, sagt sie, dringt Licht in ihren fensterlosen Raum.
Aischa ist als Kind in einer Welt aufgewachsen, in der die meisten Menschen keinen Zugang zu Büchern hatten. Lesen war nicht üblich. Man sah islamische Gedichte an den Wänden im Haus, Bücher konnte Aischa nur hinter dem Rücken ihres Vaters lesen. Heute ist die neue Generation ganz anders. Im Internetzeitalter gibt es für niemanden mehr eine Entschuldigung, wenn er ein isoliertes Leben führt. Es gibt keine saudischen, chinesischen oder deutschen Bürger mehr, sondern nur noch globale Bürger, alle teilen eine ähnliche Kultur. Das „Halsband der Tauben“ beschreibt jedoch eine Zeit, in der es einen Bruch zwischen Vergangenheit und Moderne gab. In der Ära meine Großmutter waren die meisten Bewohner noch Analphabeten. Als König Abdallah in den 60er Jahren Schulen für Mädchen einführte, wurde er dafür von strengen Stammesvertretern kritisiert. In dieser Phase gab es einen Gedächtnisverlust, der eine Kluft zwischen Vergangenheit und Moderne entstehen ließ. Ich beschreibe im „Halsband der Tauben“ diese schwarze Zeit, um etwas aus dieser Phase in die Zukunft zu retten.

Warum haben Sie diesen historischen Verlust bewusst wahrnehmen können?
Mein Großvater war ein Sufi, einer der bestgebildeten Personen in seiner Gesellschaft. Auch mein Vater kannte den Koran auswendig, rezitierte Gedichte und spielte Laute. Ich bin also in einer kulturell aktiven Umgebung aufgewachsen. Außerdem habe ich immer sehr viel gelesen, darüber aber beispielsweise an meinem Arbeitsplatz kaum gesprochen. Dort wusste niemand, dass ich eine Schriftstellerin bin, solche Themen waren den anderen fremd, ich lebte wie in einem Kokon.

Sie führten mit Ihrem Vater auch Reisen zu den Beduinen in der Wüste. Hat diese Begegnung Ihr Denken beeinflusst?
Ich liebe die Geschichten und Gedichte der Beduinen. In ihnen lebt die Historie der arabischen Halbinsel fort. Immer, wenn ein Beduine in der Wüste einem Fremden begegnet, begrüßt er ihn mit den Worten „hat oloomak“, das bedeutet: „Gib mir dein Wissen“. Der Austausch von Geschichten gehört für sie ebenso zum Leben wie Wasser und Licht.

Die Suche ist ein zentrales Motiv Ihres Romans. Ein Schlüssel geht verloren, der die Tür der Kaaba öffnen kann. Was bedeutet diese Suche für Sie?
Vielleicht klingt es verrückt, doch glaube ich, dass man, wenn man sich tief genug konzentriert, Lebensgrenzen überschreiten kann. Wir können in das nächste Leben hinübergehen und auch wieder daraus zurückkehren. Von diesem Weg erzähle ich im „Halsband der Tauben“. Die Menschen glauben, sie können mit dem verlorenen Schlüssel alle Türen öffnen, auch die zwischen Leben und Tod.

Dieser Schlüssel taucht in Madrid auf, er liegt auf einem Friedhof für Geächtete. Er ist also in den Händen von Menschen gewesen, die die Gesellschaft verstoßen hat, warum?
Eine Gesellschaft oder ein Land duldet keine Regelverletzungen. Wenn wir diese Haltung akzeptieren, respektieren wir auch Grenzen und Absperrungen, dann unterziehen wir uns einer Gehirnwäsche und sind nicht mehr wir selbst. Erst, wenn wir diese Einschränkungen durchbrechen, sind wir freie Menschen. Die Geächteten haben Haus und Heimat verlassen, sie wurden staaten- und grenzenlos. Darum konnte man nur an diesem Ort den Schlüssel finden.

Eine allwissende Erzählerin, die „Vielkopfgasse“, führt durch Ihren Roman. Sie schildert eine bunte Welt skurriler Charaktere, beschreibt aber auch eine Hinrichtung, die Machenschaften international wirkender Baufirmen und die Folgen dieses Wandels für die Menschen. Warum haben Sie diese Schilderungen in eine Kriminalgeschichte eingebunden?
In Mekka geschehen drastische Veränderungen. Ich habe einen Detektiv in die Erzählung eingebracht, weil ich spüre, dass etwas Grundlegendes um uns herum passiert, wir jedoch nicht wissen, was vor sich geht. Diesen Wandel müssen wir untersuchen und klären, wie er sich auf die Menschen auswirkt.

Gibt es Optionen des Widerstands? In Ihrem Roman spiegelt das Milieu, in dem Nora sich bewegt, eine Welt wider, in der Korruption und Missbrauch von Frauen Alltag sind. Dennoch nutzt Nora während ihres Aufenthalts in Madrid nicht die Gelegenheit, diese Welt zu verlassen. Wäre eine solche Wendung zu provokativ gewesen?
Nein, Nora wollte sich nicht zur Flucht entscheiden. Die Personen entfalten im Roman eine Art Eigendynamik. Beim Schreiben denke ich nicht an eine mögliche Zensur. Meine Bücher erscheinen auch nicht in Saudi-Arabien, sondern im Libanon, da es dort viel professionellere Verlagshäuser gibt. Im „Halsband der Tauben“ spreche ich über zahlreiche andere kritische Themen. Die Grausamkeiten und Schmerzen, die die Menschen darin erleiden, entsprechen der Realität.

Interview: Andrea Pollmeier

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