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Buchmesse und Iran Der iranische Kulturminister schweigt

In einer spektakulären Geste kündigt der Iran an, die diesjährige Frankfurter Buchmesse zu boykottieren. Der Grund: Salman Rushdie hält zur Eröffnung eine Rede. Die Reaktionen im Iran zeigen ein gespaltenes Land.

Salman Rushdie, in der vergangenen Woche im Oscar-Niemeyer-Kulturzentrum im nordspanischen Aviles. Foto: REUTERS

Siebenundzwanzig Jahre nach der Veröffentlichung der „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie droht sich der Konflikt um das Buch neu zu entzünden. In einer spektakulären Geste kündigte der Iran am Donnerstag an, die diesjährige Frankfurter Buchmesse zu boykottieren, weil Rushdie die Rede auf der Eröffnungspressekonferenz halten soll. „Dies überschreitet die roten Linien unseres Systems“, sagte Vizekulturminister Abbas Salehi, der offenbar die Rückendeckung von Revolutionsführer Ali Khamenei hat.

Den Veranstaltern warf Salehi vor, sie hätten die Meinungsfreiheit als Motto gewählt und dann jemanden eingeladen, „der unseren Glauben beleidigt“. Buchmessen-Direktor Juergen Boos dagegen verteidigte den geplanten Auftritt Rushdies. „Seine Biographie und sein literarisches Werk verleihen ihm eine gewichtige Stimme in der weltweiten Diskussion über Meinungsfreiheit im Publizieren“, erklärte er. In seinem neuen Buch „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ befasst sich der 1947 geborene Schriftsteller erneut mit religiösem Fanatismus und der Frage, was das Geschichtenerzählen dagegen ausrichten kann.

Irans früherer Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini hatte 1989 wegen der „Satanischen Verse“ zum Mord an dem indisch-britischen Autor aufgerufen, der danach jahrelang an geheimen Orten und unter Polizeischutz leben musste. Erst 1998 nach der Wahl des reformoffenen Präsidenten Mohamed Khatami wurde der Skandal politisch aus der Welt geschafft, ohne jedoch das religiöse Verdikt für nichtig zu erklären. Und so bekräftigte Vizekulturminister Salehi jetzt erneut die Gültigkeit der Khomeini-Fatwa und erklärte, sie „spiegelt unsere Religion wieder und wird niemals verschwinden“. Im vergangenen Jahr nahmen 282 iranische Verlage an der Buchmesse teil. Gastland der Bücherschau ist in der kommenden Woche Indonesien, das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt.

Anders als der wortführende Vizekulturminister jedoch schweigt sich die Regierungsspitze der Islamischen Republik, Präsident Hassan Rowhani und Außenminister Mohammad Javad Zarif, bisher aus. Rowhani hatte im Juni 2013 auf Anhieb die absolute Mehrheit errungen, weil er versprach, den Iran aus seiner internationalen Isolierung herauszuführen und eine Grundrechtecharta für alle Bürger einzuführen. Erst kürzlich unterstrich der gelernte Kleriker erneut, sein Land wolle nach den erfolgreichen Atomgesprächen beginnen, „ein Klima der Freundschaft und Kooperation mit verschiedenen Ländern zu schaffen“.

Auffällig ist auch das Schweigen des eigentlich zuständigen Kulturministers Ali Jannati. Der 66-Jährige ist Sohn des ultrakonservativen Wächterratschefs Ahmed Jannati, vertritt persönlich jedoch ausgesprochen liberale Ansichten. So wurden unter seiner Regie wieder Konzerte, Modeschauen und Kabarettveranstaltungen zugelassen.

Bisweilen meldet er sich auch mit bissiger Kritik an den Windmühlenkämpfen der Konservativen gegen die globale Medienwelt zu Wort. Früher hätten sie das Faxen verteufelt, dann das Videofilmen, heute Twitter und Facebook. „Kultur braucht Offenheit, wenn sie Bewegung und Kreativität schaffen soll“, erklärte er 2014 vor einheimischen Wirtschaftsvertretern. In einem abgeriegelten Milieu könne keine Kultur gedeihen. Kultur heiße auch Widerspruch und Austausch von Ideen. „Wir jedoch haben noch immer nicht die Toleranz, uns Ansichten anzuhören, die unseren Überzeugungen widersprechen oder sich von unserem Geschmack unterscheiden.“

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