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Diskussion um Beschneidung Hass-Mails an den Rabbiner

Die Debatte um die Beschneidung von Jungen lässt den Frankfurter Rabbiner Andrew Steiman darüber nachdenken, in ein anderes Land auszuwandern. Er und seine Kollegen erhalten täglich Hass-E-Mails. Steiman spricht von „Pogromstimmung“.

30.08.2012 22:51
Martina Propson-Hauck
Andrew Steiman ist im Frankfurter Budge-Heim tätig. Foto: Rolf Oeser

Die Debatte um die Beschneidung von Jungen lässt den Frankfurter Rabbiner Andrew Steiman darüber nachdenken, in ein anderes Land auszuwandern. Er und seine Kollegen erhalten täglich Hass-E-Mails. Steiman spricht von „Pogromstimmung“.

Plötzlich bekommen Gedenken und Trauer, Mahnung und Entsetzen eine ganz gegenwärtige Dimension: Der Frankfurter Rabbiner Andrew Steiman – schon so oft geistreicher Redner bei vielen Gedenkstunden in Bad Homburg – tritt als letzter ans Rednerpult der Volkshochschule. Ein symbolischer Ort, stand dort doch vor den Novemberpogromen von 1938 die Synagoge und das jüdische Gemeindezentrum von Bad Homburg.

„Es ist kein Platz mehr für mich und meine Familie, hier zu leben“, hatte Steiman vor Beginn der Veranstaltung zum Gedenken an die Deportation Bad Homburger Juden vor 70 Jahren im Gespräch gesagt. Er trage sich mit Auswanderungsgedanken. Darum war er gebeten worden, das auszuführen. Und so berichtete Steiman, warum er und seine Frau gegenwärtig darüber nachdenken, Deutschland zu verlassen.

„Im Namen der Menschenrechte findet im Moment wieder eine Pogromstimmung statt“, sagte er. Eine Welle von Hass-E-Mails erhalten er und viele seiner Kollegen täglich, seit die Debatte um Recht und Unrecht von Beschneidungen in Deutschland tobt. „Ich bekomme Hass-Mails sogar vom Kinderschutzbund“, berichtet Steiman. Er solle endlich aufhören, Kindern weh zu tun.

Täglich bringt er seine zweijährige Tochter in den Kindergarten des Frankfurter Ignatz-Bubis-Gemeindezentrums, jeden Tag muss er dabei vorbei an Polizei und Sicherheitsabsperrungen.

Erhöhter Polizeischutz

„Seit zwei Wochen stehen dort nicht nur einzelne Polizisten, sondern ganze Mannschaftswagen mit Körperschutz“, berichtet Steiman. Pogromstimmung? Er ist im Exil geboren und zurückgekehrt „in das Land meiner Vorfahren, die hier väterlicherseits seit dem 13. Jahrhundert lebten“. Man könne sicher argumentieren über die medizinischen Vor- und Nachteile von Beschneidungen, über die religiösen Traditionen. „Doch der Hass, der mir jetzt guten Gewissens entgegenschlägt, macht es mir möglich, dass ich den Hass nachempfinden kann, der den deportierten Juden entgegenschlug“ sagte Steiman.

Betroffen und erschrocken reagierten die rund 60 Besucher der Veranstaltung auf diese Schilderungen. Eigentlich sollte es eine Gedenkstunde werden. In Erinnerung an die 18 Männer, Frauen und Kinder, die am 28. August 1942 aus Bad Homburg zunächst nach Frankfurt, dann nach Theresienstadt deportiert wurden. Weil sie Juden waren und nationalsozialistischer Rassenwahn beschlossen hatte, Juden systematisch zu vernichten und zu ermorden.

Befremdlich angestarrt

Margret Nebo von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (CJZ) und Angelika Rieber, die die Schicksale von Juden aus dem Hochtaunus seit vielen Jahren erforscht, hatten die Leidenswege der Familien Rothschild und vieler anderer eindrücklich nachgezeichnet. Bernd Vorläufer-Germer, Mitglied des Kreistags, erinnerte an die Zwangsarbeiterlager im Hochtaunus. Erinnerung an eine Vergangenheit, die durch solche Gedenkveranstaltungen ein Nie-wieder fest verankern soll. Und Aufmerksamkeit für das, was in der Gegenwart alltäglich geschieht.

In Bad Homburg ist gerade ein jüdisches Gemeindezentrum im Aufbau begriffen. Rabbiner Shalom Rabinowitz, der auf der Louisenstraße wohnt und dort im Straßenbild mit seinem schwarzen Hut und dem schwarzen Jackett durchaus auffällt, hat persönliche Anfeindungen aufgrund der Beschneidungs-Debatte bislang in der Kurstadt nicht erlebt, sagte er der FR. Nur gelegentlich werde er befremdet angestarrt.

Etwa 250 Juden aus aller Welt leben in Bad Homburg. In einer Seitenstraße der Louisenstraße sind für sie kürzlich Räume für ein Gemeindezentrum eingerichtet worden. Dass man als Journalist nun länger darüber nachdenkt, ob man die genaue Adresse nennen sollte oder besser verschweigt, mag für sich sprechen. Es würde für Bad Homburg und seine Kulturtradition sprechen, wenn dort niemand Wache stehen müsste.

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