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DFB-Pokal Für fünf Mark ins Finale

Ein legendäres Tor, blutbesudelte Klamotten und eine Sternstunde im Café Kranzler: Erinnerungen an das DFB-Pokalendspiel 1988 in Berlin.

DFB-Pokal
Das waren noch Zeiten, als Endspieltickets fünf Mark (2,50 Euro) kosteten und Sitzplätze im Stadion unnummeriert waren. Foto: privat

Kopfschüttelnd hielt ich die grün-weiße Eintrittskarte in meinen Händen. Ich betrachtete sie in einer Mischung aus Ärger und Vorfreude. Wäre ich doch nur hingefahren. Für das DFB-Pokalhalbfinale gegen Werder Bremen hatte ich eine Karte gekauft und verfallen lassen. Zu groß schien mir die Zumutung, nach dem Spiel noch mit dem Nachtzug von Bremen nach Köln zurückzufahren, wo ich anderntags wieder Dienst tun musste; zu klein die Hoffnung, gegen die übermächtigen Bremer, die einen Monat später souverän Deutscher Meister wurden, gewinnen zu können. Doch am Ende behielt die Eintracht in einer Abwehrschlacht die Oberhand und in den Jubel mischte sich ein dumpfes Gefühl, nicht dabei gewesen zu sein.

Jetzt aber auf nach Berlin. Auch das war für den Angehörigen einer Spezialeinheit der Bundeswehr im Jahr 1988 nicht ganz einfach. Der Kalte Krieg züngelte noch ein wenig, die Transitstrecke war uns aus Sicherheitsgründen verboten. Also mit dem Flieger nach Berlin.

Keine Ahnung mehr, was ich vor dem Anpfiff gemacht habe, im Stadion selbst gab es zunächst mal eine kleine Enttäuschung. Die Überlegung, ein günstiges Ticket für fünf Mark - inklusive 20 Pfennig für die Sepp-Herberger-Stiftung - zu nehmen, weil im Oberrang wahrscheinlich die Stimmung sein würde, war falsch. Die Stimmung war im Unterrang.

Viel Grund zur Freude bot das Spiel zwischen dem Tabellenneunten der abgelaufenen Saison, Eintracht Frankfurt, und dem ein Punkt und drei Plätze schlechter platzierten VfL Bochum nicht. Die Partie war gelinde gesagt kein Leckerbissen. Doch der Freistoß von Lajos Detari war genug, um am Ende zu jubeln. Endlich mal wieder Pokalsieger, war ja schon sieben Jahre her, der letzte Titel.

Anschließend ging es zum Feiern auf ein Oktoberfest im Hinterland des Ku´damms. Im Mai. In Berlin. Bierselig auf einer Bierbank gestanden. Umgefallen. Nichts passiert. Ein Sossenheimer rappelt sich auf, hält sich an mir fest. Seine Hand hat er sich an einem Glas aufgeschnitten, meine Klamotten von oben bis unten mit Blut besudelt. Egal, Pokalsieger. Weitergefeiert bis zum Morgen. Dann der Vorschlag eines Mitstreiters, den alle „Zaster“ nannten. „Wir fahren jetzt rüber in den Osten und frühstücken bei meiner Tante.“ Gute Idee, jubelten die anderen, schlechte Idee dachte ich. Durfte ja nicht rüber. Alleine auf einer Parkbank am Zoo gedöst. Verkatert, ein bisschen müde, einsam, vielleicht auch kalt.

Irgendwann zum Café Kranzler geschlurft. Die Bestellung eine Mischung aus Trotz und Tribut: „Ein Pils, ein Croissant.“ Schmeckt nicht so recht. Bis ein paar Menschen in dem für diese frühe Stunde recht vollen Café ihre Stimmen und ihre Arme mit Schals erheben. „Olé schwarz-weiß, olé schwarz-weiß, olé schwarz-weiß, olé“, tönt es durch das Kranzler. Bis heute ein unvergessener Moment. Kein Blues mehr, sondern Partylaune und das nächste Bier wieder ohne krümelnde Teigware.

Die Energie war wieder da und reichte sogar noch, um wieder zum Flughafen zurückzukommen. Leider etwas spät, da ich die Ankunftszeit mit der Abflugzeit vermengt hatte, wie ich bemerke, als ich den Rucksack mit dem Ticket aus dem Schließfach hole. So stürmt ein verkaterter und mit Blutflecken besudelter junger Mann durch den Flughafen. Die Fluggesellschaft Panam war hart im Nehmen und nahm mich noch mit.

Keine Ahnung mehr, ob ich noch auf dem Römer war oder ob da überhaupt gefeiert wurde. Den Pokalsieg hat man mal so mitgenommen als 19-Jähriger, konnte ja keiner ahnen, dass es für die nächsten 30 Jahre der letzte Titel sein sollte.

Das Pokalticket von 1988 hängt heute mit vielen anderen Prunkstücken hinter Glas an der Wand, hat aber ganz oben links einen Ehrenplatz im Rahmen. Das grün-weiße Halbfinalticket liegt in irgendeiner Kiste.

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