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Deutschlandweite Premiere Klinik Höchst baut in Passivhausbauweise

Das Klinikum Höchst will in den nächsten Jahren das erste deutsche Hospital in Passivbauweise errichten.

09.12.2010 18:39
Anita Strecker

Von ihrem Büro im zwölften Stock des Mitscherlich-Hochhauses schaut sie auf die schlammbraune Brache der Windthorststraße. Im Frühjahr sollen die Bagger anrollen und bis 2015 das neue Herzstück des Klinikums Höchst errichten – das erste deutsche Hospital in Passivhausbauweise. Zwei Herausforderung für Projektleiterin Rosemarie Heilig: der Zeitplan und die Pioniertat, eine Niedrigenergie-Klinik zu planen.

Auf ihrem Schreibtisch steht die Klinik schon handtellergroß als Modell aus grünem Plexiglas vor ihr. Das Frankfurter Architekturbüro Wörner und Partner hat den achtgeschossigen, kompakten Raster-Bau mit vielen kleinen Innenhöfen geplant, sich eigens mit der Frankfurter Aufbau AG wegen deren Erfahrung mit Passivhäusern zusammengeschlossen, das Darmstädter Passivhaus-Institut sitzt mit im Boot und Heilig tourt seit Monaten durch die Lande, besichtigt Pflegeheime in Passivhausbauweise, verhandelt mit Herstellern über energieeffiziente medizinische Geräte. Es wird gelingen, ist sie überzeugt. „Wir müssen nur schnell anfangen.“ Bis Jahresende sollte die Baugenehmigung vorliegen.

Wobei der Neubau nur der erste große Schritt sein wird. Ist er bezogen, werden das alte Hochhaus des Zentralbaus samt OP-Anbau, Innerer und Kinderklinik abgerissen. Nur die Notaufnahme bleibt, wird aber zur Augenklinik umgebaut. Vorerst bleiben auch die Psychiatrie-Gebäude zwischen Windthorst- und Hospitalstraße und alle Tageskliniken, langfristig sollen sie aber in Neubauten am 29000 Quadratmeter großen alten Standort des Zentralbaus ziehen. Für die frei werdenden 16000 Quadratmeter will die Kommune einen städtebaulichen Wettbewerb ausloben, die Wohnungsbaugesellschaft ABG Holding soll die Kliniklandschaft mit den alten Parkbäumen dann als neues Wohngebiet planen.

Noch ist das Zukunftsmusik. Bisher steht die Finanzierung nur für den Neubau: 100 Millionen Euro hält die Stadt im Haushalt vor, 50 Millionen gibt das Land, 23 Millionen muss das Klinikum aufbringen. Es wird ein Passivhaus der besonderen Art, sagt Heilig. Ein Stilmix zwischen Passivhaus- und konventioneller Bauweise, denn Operationssäle, Intensivstation und Sterilisation bleiben wegen spezieller Auflagen vom Passivhausprinzip mit Frischluftzufuhr und Abluftabgabe über Wärmetauscher ausgeschlossen. Die speziell isolierte Außenfassade wird aber den gesamten Neubau umschließen und auch dreifach isolierte Fenster kommen überall rein.

Zurzeit sieht das alles ganz anders aus. Heilig führt ins heruntergekommene Foyer der Kinderklinik, wo die Heizung unter der einfach verglasten, eiskalten Fensterfront bullert. „Wir heizen Höchst.“ Nur ein Beispiel, weshalb es „höchste Zeit“ für den Neubau sei. Heilig zeigt auf die Fenster in der verwaschenen Betonfassade des Hochhauses. „Bei Sturm rennen alle und machen die Fenster zu, aus Angst, dass sie aus der Verankerung fliegen.“

Sie führt hinunter in die Katakomben der Klinik, in ein Labyrinth aus Gängen, das das ganze Areal durchzieht. Ein Gewirr aus Kabeln und Versorgungsrohren hängt von der offenen Decke, vom Weiß der Wände ist kaum noch was zu sehen, und der alte Fliesenboden ist allenthalben mit schwarzem Kunststoff ausgebessert. „Wer hier reinschaut, glaubt nicht, dass er in einem deutschen Krankenhaus ist.“

Zwischen Transportwagen, die Mitarbeiter durch die Katakomben steuern, geht die Projektleiterin weiter, vorbei an der Großküche, wo Frauen aus der Umgebung an Fließbändern Teller füllen, vorbei am Bettenlager und weiter in die vergilbte Wäschezentrale mit ihren deckenhohen vollgestopften Regalen. Das Reich von Antje Krück, die in einem stickigen, verglasten Kabuff die Arbeit von Wäscherei und Näherei managt. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Krück bei Kunstlicht in den Katakomben. In all der Zeit sei nichts gemacht worden, sagt sie. Und wie viele ihrer Kollegen glaubt sie noch nicht so recht, dass sich was ändert.

Rosemarie Heilig wirbt um Vertrauen, will Mitarbeiter wie auch alle Abteilungen am Neubau beteiligen. „Die Leute wissen am besten, was sie für optimale Abläufe brauchen.“ Jeder soll auch seine Arbeit behalten, versichert sie: die Frauen, die als Teilzeitkräfte in der Küche arbeiten, die Näherinnen, die Arbeiter, die Transporter steuern und die unterirdische Versorgung der einzelnen Kliniktrakte sichern.

Von Outsourcing oder computergesteuerten Transportrobotern wie in der Klinik in Offenbach will Heilig nichts wissen. „Gerade in Höchst brauchen wir solche Arbeitsplätze.“ Und sie weiß auch, dass gerade die langjährigen Mitarbeiter, „die sich total mit der Klinik identifizieren“, den Betrieb selbst unter katastrophalen Bedingungen am Laufen halten.

Die Mitarbeiter und „hervorragende Ärzte“ sind für die Projektleiterin auch der Trumpf, der den guten Ruf des Hauses trotz maroder Hülle aufrecht erhält. Eine Gratwanderung sei das, zumal bei den Pflegekräften bis zur Schmerzgrenze Stellen gestrichen wurden. „Wir brauchen dringend mehr Personal.“

Das Engagement der Klinikleute ist sichtbar: Mit bunten Wänden und kindgerechten Accessoires kämpfen sie gegen die triste Bahnhofshallen-Optik im Eingang der Kinderklinik. Die Wahlarztstation wurde mit Terrakotta-Tönen, passenden Vorhängen in den Zimmern und dunklen Ledersesseln aufgepeppt. Großer Aufwand für ein bisschen Wohlgefühl im Abbruchhaus.

Und obwohl der Altbau in fünf Jahren abgerissen wird, müssen auch noch Brandschutzauflagen erfüllt werden. Zehn Millionen Euro Kosten, die schmerzen, sagt Heilig. Es geht aber nicht anders. Dafür hilft die Aussicht auf eine bessere Zukunft, die dem Haus „alle Entwicklungschancen“ offen halten soll. Platz bietet der jetzige Zentralbau, wo neben Psychiatrie und Tageskliniken noch Platz für neue Angebote wäre – ein Pflegeheim vielleicht, weitere Geriatrieplätze oder Reha. Rosemarie Heilig denkt auch an ein „Patientenhotel“, ideal für Menschen, die nach der Behandlung nicht in der Klinik bleiben, aber ein, zwei Tage Nachsorge brauchen. Den Bedarf will sie schon mal in leeren Wohnungen im Mitscherlich-Hochhaus testen. Die ABG Holding macht da mit. Es geht voran.

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