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Denkmalschutz in Frankfurt "Für den Erhalt der Gebäude gibt es nur eine kleine Lobby"

Stefan Timpe ist Vize-Amtsleiter im Denkmalamt und kümmert sich um Bauten der Nachkriegszeit. Er verrät: Am Römerberg soll der Denkmalschutz erweitert werden.

30.11.2011 15:30

Stefan Timpe ist Vize-Amtsleiter im Denkmalamt und kümmert sich um Bauten der Nachkriegszeit. Er verrät: Am Römerberg soll der Denkmalschutz erweitert werden.

Stefan Timpe ist Vize-Amtsleiter im Denkmalamt. Gemessen an den Aufgaben ist diese „Untere Denkmalbehörde“ unterbesetzt: „Wir arbeiten hier“, meint Timpe, „bis zum Umfallen“. Besonders bei dem Bau-Bestand aus der Nachkriegszeit gibt es Recherchebedarf. Gegenwärtig werden jene Gebäude auf ihren Wert untersucht, die den Römerberg im Westen und Norden rahmen.

Herr Timpe, überall sind die Bauten der Nachkriegsjahrzehnte bedroht, am liebsten reißt man sie ab. So wie bei Degussa, ein Haus, an der Weißfrauenstraße, bleibt aber stehen. . .?

Wir können uns nur um die als Denkmale ausgewiesenen Häuser kümmern, dazu gehört das Degussa-Haus von 1952, das ein besonderes Treppenhaus hatte, aber nicht. Trotzdem bin ich mit dem Investor durchgegangen. Jetzt wird das Haus entkernt.

Am Goetheplatz wird wieder fast eine ganze Häuserzeile der 50er Jahre abgerissen. . .

Die ist nicht geschützt, dazu müssen Häuser schon gewissen Qualitätskriterien genügen. Sie sind an den hochrangigen Kulturdenkmalen der Zeit zu messen, etwa dem Junior-Haus am Kaiserplatz, dem Bayer-Haus am Eschenheimer Turm oder dem Chemag-Haus an der Senckenberganlage. Oft stehen hinter dem Verlangen nach Denkmalschutz eher städtebauliche Gründe, man fürchtet um die Maßstäblichkeit im Stadtbild und um den Erinnerungswert.

Der Geist der Wiederaufbauzeit wird bei den Gebäuden gern beschworen, einen Geist kann man aber nicht schützen. . .

. . .nach wie vor haben die Häuser eine sehr kleine Lobby – im Gegensatz zu den Design-Produkten, wie etwa den Tütenlampen. Wegen einer verwitterten Gründerzeit-Fassade würde niemand gleich das ganze Gebäude in Frage stellen. Bei einem Haus wie dem Philosophikum in Bockenheim, wo sich überall die rostigen Armiereisen zeigen, passiert das aber. Genauso beim Bundesrechnungshof – schlecht saniert und nicht gepflegt. So ist schon die alte Farbgebung in Schwarz-Rot-Gold heute verloren. Ich kenne aber kein anderes Gebäude mit so einem prägnanten Bezug zu den nationalen Idealen.

Was ist denn das Besondere, Prägende und Typische der Bauepoche in Frankfurt?

Es waren Architekten tätig, die sich der klassischen Moderne verpflichtet fühlten, die Büros hatten schon vor dem Krieg hier gearbeitet. Typisch war, dass man das Konstruktionssystem offen zeigt und nicht verkleidet. Man hatte asymmetrisch geteilte Fenster, oder sogenannte Schwebe- und Schwenkfenster. Bemerkenswert sind auch die transparente Leichtigkeit der Flugdächer, die geschwungenen Treppen . . .

. . . eine solche Treppe ist mit dem „Haus Leonhard“ der Caritas an der Buchgasse erst kürzlich wieder abgerissen worden.

Das Landesamt für Denkmalpflege wollte das Haus Leonhard nicht auf die Denkmalliste nehmen, das war lange vor meiner Zeit. Das Führen der Denkmalliste ist ja per Gesetz beim Land Hessen angesiedelt. Da kann ich mich noch so weit aus dem Fenster lehnen, wenn das Landesamt abschlägig entscheidet, kann ich auch nichts machen. In der ersten Denkmalliste für Frankfurt 1986 waren gerade mal 25 Bauten der Nachkriegszeit verzeichnet und damit war Frankfurt anderen Städten schon voraus. Beim Nachtragsband von 2000 sind 100 weitere Häuser dazugekommen. Ich weiß aber nicht: Was ist eigentlich beim Rundschauhaus passiert?

Der frühere Denkmalamtsleiter Heinz Schomann hatte argumentiert, das Gebäude sei nicht denkmalwert, weil es in den 80er Jahren durch neue große Fenster zerstört worden sei.

Das hätte man doch revidieren können! Aber bei den ersten Begehungen seinerzeit waren die Objekte nur von außen beurteilt worden, mehr konnte man mit dem Personal nicht schaffen. Es muss einen Anlass geben, um ein solches Urteil zu überprüfen. Etwa Baupläne nahe dem Römerberg. So prüfen wir an der Westseite des Platzes gerade den Bestand; bisher gilt dort nur Umgebungsschutz für das Platz-Ensemble.

Das zeigt, dass die Platz-Fassung beim Wiederaufbau nur als Provisorium angesehen wurde.

Dabei lässt sich dort eine Kernaussage der damaligen Zeit ablesen. Südlich der Berliner Straße haben die Häuser ein flaches Satteldach und geschmückte Fassaden. Etwa das auf dem alten Sockel aufgebaute Salzhaus an der Ecke Braubachstraße, mit dem Phönix aus der Asche an der Fassade, ist als zentrales Mahnmal anzusehen. Nördlich der Berliner Straße dagegen erkennt man eher das städtebauliche Ideal der Zeit: Kammstruktur und flache Ladenzeilen. Jetzt wird die Denkmalliste dort ergänzt – auch vor dem Hintergrund, dass die Stadt in ihrem Innenstadtkonzept eine größere Verdichtung plant. Das widerspricht dem Konzept der lockeren Bebauung der 50er Jahre.

Interview: Claudia Michels

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