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Denkmal für Fritz Bauer Ein Eisberg auf der Zeil für Fritz Bauer

48 Jahre nach seinem Tod wird der frühere hessische Oberstaatsanwalt und Jurist Fritz Bauer mit einem Denkmal am Justizzentrum gewürdigt.

Gedenkstein: Künstlerin Tamara Grcic, Oberbürgermeister Peter Feldmann und Generalstaatsanwalt Helmut Fünfsinn bei der Einweihung des Denkmals zu Ehren von Fritz Bauer. Foto: dpa

Vielleicht wird das Denkmal für Fritz Bauer erst 48 Jahre nach seinem Tod enthüllt, weil der Jurist seiner Zeit so sehr voraus war. Der Sozialdemokrat unterstützte bereits Willy Brandt, als diesen noch niemand kannte und schrieb ein Referat über „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“, als dies noch niemand hören wollte. Der junge Landtagsabgeordnete Helmut Kohl begründete die Absage an das Ansinnen, aus dem Aufsatz eine Broschüre für Schulklassen zu machen 1962 mit den Worten: Der zeitliche Abstand vom Nationalsozialismus ist zu gering, um sich darüber ein abschließendes Urteil bilden zu können.

Für Bauer waren solche Aussagen nichts Ungewöhnliches. Er schlug sich mit einer Justiz herum, die zu großen Teilen noch aus den Zeiten des Nationalsozialismus vorhanden war wie etwa der Vorsitzende Richter im Auschwitz-Prozess, Hans Hofmeyer. „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich Feindesland“, ist eines der viel bemühten Zitate des Frankfurter Generalstaatsanwalts, das auch der Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth am Freitag bemühte. Für das nun geschaffene Denkmal vor dem Oberlandesgericht an der Zeil 42 hat die Künstlerin Tamara Grcic ein anderes Zitat Bauers gewählt. „Sie müssen wissen, es gibt einen Eisberg und wir sehen einen kleinen Teil und den größeren sehen wir nicht“, sagte Bauer 1964 während einer Podiumsdiskussion. Das Gleichnis stand für das viele Unrecht im Nationalsozialismus, das später ungesühnt blieb.

Das Denkmal ist daher eher ein Mahnmal und soll die Spitze eines Eisbergs darstellen. Künstlerin Grcic habe „ein Denkmal geschaffen, das sich in den Weg stellt“, sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann über den 4,5 Tonnen schweren Metamorphit für den eigens noch die Decke der darunter liegenden Tiefgarage auf ihre Tragfähigkeit geprüft werden musste. Auf der dazugehörigen Tafel wird darauf hingewiesen, dass von den 8000 an den Verbrechen in Auschwitz beteiligten Deutschen nur 40 strafrechtlich belangt wurden. Insofern hat das Mahnmal am Justizzentrum durchaus einen selbstkritischen Ansatz. Der Präsident Roman Poseck lobte Bauer denn auch als „leuchtendes Gegenbeispiel für das Schlussstrichdenken“.

Der Initiator für das Denkmal war Raphael Gross. Für den ehemaligen Leiter des Fritz-Bauer-Instituts und den Jüdischen Museums dürfte der gestrige Tag eine kleine Genugtuung gewesen sein. Denn sein Ansinnen vor einigen Jahren, Fritz Bauer an zentraler Stelle in Frankfurt eine Straße zu widmen, hatte die Stadt noch eher stiefmütterlich behandelt. Seit 2011 gibt es am Riedberg in verkehrstechnisch eher ruhiger Lage eine Fritz-Bauer-Straße.

Bleibende Spur hinterlassen

Am Justizkomplex selbst hat Bauer schon zu Lebzeiten eine bleibende Spur hinterlassen. Während seiner Amtszeit ließ er im heutigen Gerichtsgebäude C den ersten Artikel des Grundgesetzes auf einer Tafel anbringen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Bauer war stets der Auffassung, dass man das Individuum vor dem Staat schützen müsse und habe sein juristisches Handeln immer in den gesellschaftlichen Kontext gestellt, wie es Poseck am Freitag formulierte.

Auch zahlreiche Filme haben sich mit Fritz Bauer befasst, zuletzt das Anfang des Jahres von der ARD ausgestrahlte Polit-Drama „Die Akte General“, das Bauers Rolle bei der Verschleppung Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst Mossad in den Mittelpunkt stellt. Der Film zeigt auch die Zerrissenheit Bauers, der Jude war und sich als bekennenden Atheisten bezeichnete, der homosexuell war ohne dies offen zu leben und der 1966 mit ansehen musste, wie die zwei Jahre zuvor entstandene NPD mit knapp acht Prozent in den hessischen Landtag einzog. Die Zeit vor Bauers Arbeit als Generalstaatsanwalt blendet der Film aus.

Bauer wurde 1903 in Stuttgart als erstes Kind einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Als 17-Jähriger trat er der SPD bei, 1930 wurde er der jüngste Amtsrichter in der Weimarer Republik. Drei Jahre später wird er aus dem Staatsdienst entlassen, wieder drei Jahre später muss er wegen seiner politischen Aktivitäten und seiner jüdischen Herkunft mit seiner Familie erst nach Dänemark und dann nach Schweden fliehen, wo er 1943 Willy Brandt kennenlernt.

1949 kehrt Bauer nach Deutschland zurück und wird ein Jahr später Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht Braunschweig. Dem damaligen hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn (SPD) ist es zu verdanken, dass Bauer 1956 als Generalstaatsanwalt nach Frankfurt kommt. Als Bauer 1959 Auschwitz-Dokumente über die Erschießungen von Häftlingen auf der Flucht erhält, setzt er sich beim Bundesgerichtshof dafür ein, dass die Ermittlungen zum Gesamtkomplex Auschwitz zentral dem Landgericht Frankfurt übertragen werden. Die Voraussetzungen für Bauers größten Verdienst waren geschaffen auch wenn die wirkliche Größe erst Jahrzehnte später wirklich klar wird.

Die späte Renaissance Bauers hat auch mit der damaligen Rechtssprechung des Bundesgerichtshofs zu tun, der das Auschwitz-Urteil bestätigte, wonach bei einem Verdächtigen der Nachweis geführt werden musste, dass dieser an einer räumlich und zeitlich ganz eng gefassten Tötungshandlung tatsächlich beteiligt war. Der Ansatz Bauers, wonach jeder Beteiligte in Auschwitz für den systematischen Massenmord mitverantwortlich war, wird erst 2006 wieder aufgegriffen und hat die Rückbesinnung auf die Pionierarbeit Bauers zur Folge.

Bauer starb 1968. „Desillusioniert“, wie OB Feldmann betonte. „Es war an der Zeit, Fritz Bauer so zu ehren“, sagte der heutige Generalstaatsanwalt Helmut Fünfsinn. Bauer werde heute mehr denn je wahrgenommen. Dazu wird auch der viereinhalb Tonnen schwere Stein an der Zeil beitragen, 48 Jahre nach Bauers Tod.

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