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Demos in Frankfurt WOW Kein guter Tag für die Rechten

Proteste, Krawall und Platzregen: Die gerade einmal 180 Anhänger des „Widerstands Ost West“ verlassen den Roßmarkt mit schlechter Laune. Der Tag der Demonstrationen verläuft in Frankfurt glimpflich. Die Polizei zählt 30 Festnahmen und neun Verletzte.

Kein Durchkommen: Antifa-Gruppen demonstrieren gegen den Aufmarsch der Rechten. Foto: Peter Jülich

Als Ester Seitz schließlich gegen 14 Uhr ans Mikrofon tritt und ihre Anhänger begrüßt, ist sie vor lauter Lärm kaum zu verstehen. In der Luft über dem Roßmarkt dröhnt ein Polizeihubschrauber, hinter den Absperrgittern tröten linke Demonstranten mit ihren Trillerpfeifen und rufen „Haut ab, haut ab“. Doch Seitz lässt sich nicht beirren. Sie sei froh über jeden, der es heute nach Frankfurt geschafft habe, ruft die junge Anführerin von „Widerstand Ost West“ den gerade einmal 180 Rechten vor der Bühne zu. Sie freue sich ganz besonders, dass so viele Hooligans gekommen seien. „Ihr seid für mich alle Helden!“ Das versammelte Häuflein klatscht, aber so richtig will der Funke nicht überspringen. Und dann fängt es an zu regnen.

Dass es an diesem Samstag nicht besonders laufen würde für Ester Seitz und ihre Truppe, war schon am Morgen absehbar gewesen. Als die bayrische Aktivistin, die seit Wochen auf allen Kanälen für eine spektakuläre Großdemonstration gegen den Islam und die politische Linke geworben hatte, gegen halb elf mit einem Lautsprecherwagen und einigen Autos am Roßmarkt ankommt, muss sie sich zunächst mit der Staatsmacht auseinandersetzen. Denn die kontrolliert die Autos und beschlagnahmt sofort einige Dinge, die man auf keine Demonstration mitbringen darf: einen Benzinkanister, eine Schutzweste, ein Teppichmesser, sogar einen metallverstärkten Gesichtsschutz. Hektisch läuft Seitz zwischen den Autos hin und her, erst nach einer ganzen Weile kann ihr Konvoi weiterfahren.

Während Widerstand Ost West auf dem von der Polizei abgeriegelten Roßmarkt seine Bühne aufbaut, ist die Lage in der restlichen Innenstadt unübersichtlich. Seit den frühen Morgenstunden rennen mehr als 2000 Antifa-Aktivisten und andere Gegendemonstranten mit Transparenten und Fahnen zwischen Hauptwache und Willy-Brandt-Platz hin und her, um die Zufahrtswege zum Roßmarkt oder doch zumindest die geplante Demoroute der rechten Islamgegner zu besetzen. Zwischenzeitlich sitzen Hunderte von ihnen auf der Berliner Straße und legen den Verkehr lahm. Aus ihren mobilen Lautsprecherboxen dröhnt Musik, an manchen Stellen werden Rauchbomben gezündet. Bunter Qualm weht durch die Straßen. In einem Burger-Restaurant am Willy-Brandt-Platz gibt es sogar eine handfeste Prügelei, bei der eine Gruppe rechter Hooligans gegen ihre linken Gegner den Kürzeren zieht.

Die Polizei behält die Lage im Blick, greift aber zunächst nur selten ein. Vielerorts ist die Lage trotz der umherlaufenden Aktivisten entspannter, als viele Beobachter befürchtet hatten. Ab und zu verlieren die eingesetzten Beamten, die aus mehreren Bundesländern nach Frankfurt gekarrt wurden, aber auch die Nerven: An der Berliner Straße reißen sie um kurz nach neun mit großer Brutalität einen Mann von seinem Fahrrad, obwohl dieser offenbar überhaupt nichts verbrochen hat. Nach einer Personalienkontrolle lassen die Polizisten ihn ziehen.

Passanten und Geschäftsinhabern bleibt schon am Vormittag kaum etwas übrig, als das Gewusel staunend hinzunehmen. Er werde sein Restaurant heute trotzdem öffnen, meint ein leicht genervter Gastronom, der bei einem Bäcker in der Kaiserstraße drei Kisten frisches Brot abholt. „Wir sind völlig ausgebucht“, sagt er. „Aber ich habe keine Ahnung, ob unsere Gäste überhaupt zu uns kommen können.“ Viele Läden am Roßmarkt, in der Großen Gallusstraße oder in der Junghofstraße bleiben gleich geschlossen, einige Straßen sind bis auf Polizeiautos völlig leer. In der Kaiserstraße fragt ein Tourist aus Südamerika eine Gruppe Polizisten an der Absperrung, was hier überhaupt los sei. „Das ist so eine politische Sache“, erklärt ihm eine Polizistin auf Englisch. „Aha“, sagt der Tourist. „Dann kann ich wohl nicht durch, um Souvenirs zu kaufen?“

Gegen Mittag beruhigt sich die Lage, die Gegendemonstranten haben rund um den Roßmarkt feste Blockadepunkte bezogen. Auf dem Platz kommen unterdessen die Anhänger von Widerstand Ost West an: Einige ältere Herren mit Hut und Regenschirm sind dabei, vor allem aber Neonazis und martialisch aussehende Hooligans, die Gesänge wie „Antifa – Hurensöhne“ anstimmen und vor der Bühne sofort einen Fernsehreporter des Hessischen Rundfunks angehen. Beamte müssen eingreifen, um die aufgebrachten Rechtsradikalen von weiteren Attacken gegen den Journalisten abzubringen. Und dann werden Reden geschwungen. Silvio Rösler, einer der Chefs des rechtsradikalen Pegida-Ablegers „Legida“ aus Leipzig, regt sich über die „antideutschen“ Linken auf, die sich vom „System“ gegen ihre eigenen Landsleute aufhetzen ließen. Der rechte Blogger Michael Stürzenberger lobt die Hooligans für ihre ehrliche Kampfweise – „Mann gegen Mann“ – und vergleicht Widerstand Ost West mit den tapferen Spartanern, die damals an den Thermopylen schließlich auch mit wenigen Kriegern die persische Übermacht geschlagen hätten. Und Michael Mannheimer, auch er ein bekannter rechter Blogger, schreit mit sich überschlagender Stimme seinen Hass über linke Volksverräter, gewaltbereite Muslime und die „Verräter“ in Politik und Medien heraus.

Die Gegendemonstranten versuchen, die Reden mit Pfiffen und Rufen zu übertönen. Allein aufgrund der weitläufigen Absperrungen kann außerhalb des Roßmarkts kaum jemand ein Wort verstehen. Zu diesem Zeitpunkt kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Linken: An der Kaiserstraße und an der Goethestraße gehen die Einsatzkräfte mit Pfefferspray und Schlagstöcken gegen die Blockierer vor, zumindest an der Goethestraße gibt es mehrere Verletzte. In der Junghofstraße zieht die Polizei einen Kessel und überprüft die Personalien von 150 Menschen. Später wird es heißen, aus der Gruppe seien zuvor Steine und Flaschen geworfen worden.

Schließlich bildet die Polizei einen Korridor und lässt die 180 Teilnehmer von Widerstand Ost West im abgesperrten Bereich einige Hundert Meter um den Häuserblock ziehen – vorbei an der Hauptwache und durch den Steinweg. Die aggressiven Hooligans bedrohen dabei immer wieder Journalisten, sie rufen Parolen wie „Hasta la vista, Antifascista“ und „Uns’re Fahne, unser Land, maximaler Widerstand“. Ganz vorne läuft Ester Seitz, in eine Deutschlandfahne gehüllt, offenbar stolz darauf, überhaupt ein paar Meter marschieren zu dürfen. Ihre angemeldete Demoroute ist schließlich seit Stunden von der Antifa blockiert. Die linken Gegendemonstranten rufen von der Hauptwache wütende Parolen herüber, versuchen vergeblich, die Polizeiketten zu durchbrechen, werfen rohe Eier und Tomaten. „Nazis raus“, skandieren sie.

Am frühen Abend ist der Spuk dann vorbei. Rechte und Hooligans werden zur S-Bahn geleitet, Antifa-Aktivisten formieren sich noch zu einer Spontandemonstration. Die Hauptwache wird wieder von Shoppern und Passanten übernommen. Und plötzlich sieht Frankfurt in der Abendsonne wieder aus wie immer.

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