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„Demo für alle“ Untergangsfantasien mit seriösem Anstrich

1. UpdateDie Referentenliste des Symposiums der „Demo für alle“ spiegelt das Weltbild des rechten Bündnisses wider

Protest gegen „Demo für alle“
Bunte Vielfalt auch beim Christopher Street Day 2017. Foto: Michael Schick

Lange Zeit wurde der Orts des Symposiums geheimgehalten.. Hingen stehen die Referenten schon lange fest, die das rechte Bündnis für die Veranstaltung unter dem Motto „Öffnung der Ehe - folgen für alle“ gewinnen konnte. Von „renommierten Rednern“ spricht die Bündnis-Frontfrau Hedwig von Beverfoerde. Und zumindest in den Kreisen, in denen sich Beverfoerde und ihre Anhänger bewegen, dürften die Referenten tatsächlich ein gewisses Renommee besitzen.

Dazu zählt - neben Dauergästen wie der Publizistin Birgit Kelle – etwa Christian Spaemann. Der gebürtige Westfale praktiziert mittlerweile als Facharzt für Psychiatrie in Österreich. Spaemann vertritt die These, dass „Homosexualität“ zumindest in den Fällen einer sogenannten „Ichdystonie“ – einer als „nicht stimmig empfundenen“ sexuellen Orientierung – therapierbar sei. Darüber hinaus bezeichnet er sexualpädagogische Ansätze, die vielfältige Formen von Sexualität und familiären Zusammenlebens propagieren, als „radikalisierte Emanzipationsideologie in neomarxistischer Tradition“. Am Samstag referiert Spaemann zur Frage: Brauchen Kinder Vater und Mutter?

Ebenfalls mit von der Partie sollte Tobias Teuscher sein, der sich bereits als strikter Abtreibungsgegner einen Namen gemacht hatte, ehe er auf Betreiben der AfD-Politikerin Beatrix von Storch zum Fraktionsgeschäftsführer ihrer Partei in Brüssel berufen wurde. Teilgenommen an der Veranstaltung hat er nicht, auch wenn er vorab angekündigt war.

Anfang 2014 sorgte ein Interview Teuschers im Deutschlandfunk (DLF) für einen Eklat. In der Sendung „Informationen am Mittag“ durfte er unwidersprochen erklären, dass die Grünen im EU-Parlament „pädophile Umtriebe“ fördern wollten und eine Mehrheit von Linken, Grünen und Liberalen daran arbeite, Homosexualität als „Leitkultur“ in der Europäischen Union festzuschreiben.

Teuschers Gesprächspartner war seinerzeit der inzwischen verrentete DLF-Journalist Jürgen Liminski - seines Zeichens auch Autor der „Jungen Freiheit“ und Mitglied der fundamentalistischen katholischen Laienorganisation Opus Dei. Liminski wird das Symposium moderieren.

Über den engen Kreis der Sympathisanten der „Demo für alle“ hinaus tatsächliches Renommee genießt der Rostocker Jura-Professor Jörg Benedict. Der 51-Jährige gehörte im September 2015 zu einer Gruppe von sieben Sachverständigen, die im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestags zur eherechtlichen Gleichbehandlung homosexueller Partnerschaften gehört wurden.

Benedict geht im Gegensatz zur Mehrheit der gehörten Experten davon aus, dass dafür eine Verfassungsänderung notwendig sei, da das Grundgesetz in Sachen Ehe ein „Heterosexualitäts-Prinzip“ beinhalte, das sich nicht durch einfach-gesetzliche Regelung umgehen lasse. Die Mehrheit im Bundestag folgte dieser Meinung nicht und ermöglichte die „Ehe für alle“ im Juni durch eine einfache Änderung des Bürgerlichen Gesetzbuches. Benedicts Vortrag wirft daher die Frage auf, ob es sich bei der Ehe für alle um einen „stillen Verfassungswandel“ oder „offenen Verfassungsbruch handelt.

Aus Sicht der „Demo für alle“ ist diese Frage längst beantwortet. Seit Juli 2017 hat das Bündnis in einer Online-Petition bereits mehr als 60 000 Unterschriften gesammelt, mit der die bayerische Landesregierung zu einer Normenkontrollklage gegen die „Ehe für alle“ gedrängt werden soll. Hauptargument ist das mit der Öffnung der Ehe einhergehende Adoptionsrecht für homosexuelle Paare, wodurch aus Sicht der Organisatoren das natürliche Recht des Kindes auf Vater und Mutter gefährdet sei. In der Petition prognostiziert das Bündnis zudem einen drohenden Dammbruch. Würde die Ehe für Schwule und Lesben geöffnet, würden angesichts des steigenden Einflusses des Islams bald Polygamie und Kinderehe folgen.

Das Symposium der Demo für alle zeigt so bei allem oberflächlichen Bemühen um Seriosität altbekannte Anknüpfungspunkte an den politisch äußerst rechten Rand: Untergangsfantasien, die sich an der vermeintlichen Zersetzung traditioneller Familienwerte festmachen, die indirekte Gleichsetzung von Homosexualität und Pädophilie und nicht zuletzt die Angst vor einer angeblich schleichenden Islamisierung.

Noch geheim ist der Referent zum Thema „Nächster Öffnungsschritt: Polygamie?“. Man kann allerdings jetzt schon davon ausgehen, dass es sich um einen einschlägig bekannten Protagonisten vom rechten Rand handeln wird.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Text um den Hinweis ergänzt, dass Tobias Teuscher nicht an der Veranstaltung teilgenommen hat, obwohl er vorab angekündigt war.

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