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Demenz Lachen hilft

Ulrich Fey ist Clown und arbeitet in Heimen und Krankenhäusern mit demenzkranken Menschen. Mit Gesang und Witz erreicht er sie besser als andere – und hat sich damit in vielen Einrichtungen unverzichtbar gemacht.

Lächeln, umarmen, zuhören: Ulrich Fey als Albert bei der Arbeit. Foto: dpa

Was für einen Unterschied ein Lied machen kann. Kaum hat Albert, der Clown, das Wanderlied „Im Frühtau zu Berge“ angestimmt, dringt mit der Morgensonne neues Leben in den Speisesaal des Cronstetten-Stifts im Frankfurter Westend. Vier Bewohnerinnen, die vor kurzem noch still vor sich hingedämmert haben, singen voller Begeisterung mit und legen eine erstaunliche Textsicherheit an den Tag. Wer die Strophen nicht so recht zusammenbekommt, schmettert dafür das wiederkehrende „Fallera“ mit umso größerer Inbrunst. Eine der alten Frauen klopft im Takt auf den Tisch und strahlt Albert an, selbst die Küchenhilfe trägt den Besteckkasten auf einmal mit etwas mehr Schwung in den Saal. Und plötzlich wird klar, was Ulrich Fey meint, wenn er sagt: „Die Atmosphäre im gesamten Haus ändert sich, wenn ein Clown da ist.“

Und so ein ist Clown Ulrich Fey. Seit fast zehn Jahren arbeitet der 55-Jährige in Krankenhäusern und Altenheimen und kümmert sich als Figur Albert besonders um Demenzkranke – wie im Cronstetten-Stift. „Ich schenke Zeit und Aufmerksamkeit“, erklärt er seinen Beruf, während er sein Kostüm anlegt – etwas zu große Schuhe, karierte Hose mit Hosenträgern, Mütze und die unvermeidliche rote Nase. Jeder andere in einem Pflegeheim, sagt Fey, wolle etwas von den alten Menschen. „Die sollen aufessen, trinken, mitmachen oder ruhig sein. Bei mir sollen sie gar nichts.“

"Der Einzige"

Dem Clown, sagt Fey, gehe es einzig um den Kontakt zu seinem Gegenüber. Das können Gespräche oder Lieder sein, manchmal aber auch gemeinsames Schweigen. „Das Ziel der Begegnung ist die Begegnung“, sagt Fey. Die Frage, was das für die Pflege bringe, beantwortet er mit Beispielen. „Wenn jemand alle Strophen von ,Kein schöner Land‘ singen kann, der sonst nicht einmal seinen Namen weiß, ist das schön“, sagt er. „Und es hilft auch den Pflegern, die sehen ihre Bewohner wieder mehr als Menschen.“

Um diese Wirkung erzielen zu können, brauche er die Rolle und die Verkleidung des Clowns. „Es ist wichtig, dass ich als etwas anderes erkennbar bin.“ Viele Menschen, selbst manche Pfleger, begegneten den alten Menschen mit Angst. „Demente signalisieren Hilfsbedürftigkeit, Verfall, all das, was in unserer Gesellschaft keiner will“, erklärt Fey. Ein Clown kenne derartige Bedenken nicht. Wie die Dementen sei er gefühlsbetont und direkt, er lebe im Augenblick und könne den Alten daher auf Augenhöhe begegnen – und mit Würde. „Neulich hat eine Bewohnerin zu mir gesagt: ,Sie sind der Einzige hier, mit dem ich vernünftig reden kann‘“, sagt Fey. „Das ist doch super, oder?“

Im Speisesaal kniet sich Albert neben eine Frau im Rollstuhl. „Hallo“, sagt er. „Oh, hallo“, sagt die Bewohnerin erfreut. „Ich dachte, Du kommst heute nicht.“ – „Doch, weil ich Freitag nicht kann.“ – „Ach, wie schön.“ – Eine tolle neue Frisur haben Sie.“ – „Für Dich, weil ich Dir gefallen wollte.“ So charmant verlaufen alle Gespräche, die Albert an diesem Tag führt. Für jede Bewohnerin hat er ein Lächeln, ein Winken, eine Umarmung. „Der Clown ist die ideale Projektionsfläche“, erklärt er. „Für manche bin ich hier der Liebhaber, für manche der verstorbene Mann, der Sohn, die Enkelin.“

"Eine Herzensangelegenheit"

Eine Frau sieht Albert, als er sich zu ihr setzt, einige Sekunden zweifelnd an. Ihr Gesicht ist düster. Plötzlich hellt es sich schlagartig auf. „Schön sehen Sie aus“, sagt sie. „Sie lachen ja so.“ – „Weil ich mich freue, Sie zu sehen“, sagt Albert. „Das ist aber schön. Dabei geht es mir heute gar nicht gut, mein Mund ist so komisch steif.“ – „Ach je. Aber haben Sie schon die Sonne gesehen?“ Plötzlich ruft jemand von hinten. „Singen Sie heute gar nicht mit uns? Das vermisse ich nämlich.“ Sofort nimmt Albert sein Liederbuch heraus und beginnt ein neues Lied: „Nun will der Lenz uns grüßen.“

Zur Clownerie ist Fey über einige Umwege gekommen. Nach seinem Sport- und Geschichtsstudium war er Lehrer und Sportredakteur bei der FAZ. Über eine Tanztheater-Gruppe kam er dann in seinen ersten Clownskurs. „Das war Liebe auf den ersten Blick“, erzählt er, und unter seinen dichten Augenbrauchen leuchtet es. Als sein Beruf als Journalist unter seiner neuen Leidenschaft mehr und mehr litt, entschloss Fey sich – mit immerhin schon 39 Jahren – ganz neu anzufangen: Er gab sein festes Gehalt plus Dienstwagen auf und ging auf die Clownschule in Hannover.

Heute ist Fey, der mit seiner Frau und drei Kindern in Friedberg lebt, mit voller Begeisterung Clown. „Es ist eine Herzensangelegenheit“, sagt er. Er habe übrigens, betont er, kein Helfersyndrom – „null Komma null“ – seine Arbeit mache ihm einfach Spaß. Und er profitiere selbst davon: „Durch die Clownerie bin ich viel entspannter geworden. Und wir haben mehr Spaß zu Hause.“

Zudem dürfe er jeden Tag Regeln und Konventionen brechen. „Der Clown ist eine subversive Figur, nicht weil er das System bekämpft, sondern weil er es schlicht nicht kennt“, sagt Fey. Nur ein Clown dürfe ungestraft auf den Tisch klettern oder den Heimleiter veralbern. „Und von so einem Schuss Subversion träumt doch eigentlich jeder.“

"Vergessen Sie uns nicht"

Neben der Clownerie hält Fey Vorträge, bildet Journalisten und Nachwuchsclowns aus. Und er hat gerade ein Buch veröffentlicht – über die Möglichkeiten von Clowns bei der Betreuung von Demenzkranken. Die seien kaum bekannt, sagt Fey. Denn viele hätten nur Klischees im Kopf, von albernen Zirkus-Typen, die sich mit Torten bewerfen. Das könne man doch alten Menschen nicht zumuten, dächten viele.

Auch Michael Graber-Dünow, Leiter des Cronstetten-Stifts, hatte zuerst Sorgen, ob ein Clown seine Bewohner nicht wie Kinder behandeln würde. „Ich dachte: Ist das nicht vielleicht würdelos?“, erzählt er. Heute sei Albert für ihn ein wichtiger Baustein in der täglichen Betreuung – für viele Bewohner sei er goldrichtig. „Der Humor und das Singen wirken als Türöffner“, ergänzt Pflegedienstleiter Peter Barnitzki. „Albert kann viele Menschen damit sehr gut erreichen.“

Im großen Speisesaal naht derweil die Essenszeit. Albert klappt sein Liederbuch zu und verabschiedet sich. „Tschüss“, sagt er zu der Frau mit der tollen neuen Frisur. „Tschüss“, sagt sie und hält seine Hand einen Moment lang fest. „Aber vergessen Sie uns nicht.“ – „Keine Sorge“, sagt Albert. „Wie sagen meine Kinder immer: Großes Indianerehrenwort.“

Das Buch „Clowns für Menschen mit Demenz“ von Ulrich Fey ist im Mabuse-Verlag erschienen, hat 183 Seiten und kostet 16,90 Euro. Mehr Informationen auf www.clownsundmehr.de

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