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„Das siebte Kreuz“ Lesefest führt zu Orten aus Seghers-Roman

Bei dem Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ führt eine Stadtbegehung an historische Nazi-Orte aus Anna Seghers’ fiktivem Roman „Das siebte Kreuz“.

Frankfurt. liest ein Buch
Führerin Silke Westerhoff erzählt am Kaiserplatz von Seghers’ Frankfurter Familie. Foto: Renate Hoyer

Auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs hat es Silke Westerhoff nicht ganz einfach, sich Gehör zu verschaffen. Nicht weil das, was die Führerin der Kulturothek zu Anna Seghers und deren Roman „Das siebte Kreuz“ zu erzählen hat, unspannend wäre. Ganz im Gegenteil. „Sie macht das richtig cool“, wird Teilnehmerin Ulrike Hofer eine Stunde später bestätigen. Aber ein Straßenmusiker klimpert am Sonntagnachmittag sehr laut und schräg auf seinem Keyboard, also muss die 25-köpfige Gruppe erstmal ein Stück weiter. Es ist die Stadtbegehung zum Roman, einer der vielen Programmpunkte zur Reihe „Frankfurt liest ein Buch“.

„Es ist das erste Mal bei ‚Frankfurt liest ein Buch‘, dass die Autorin, der Autor nicht in Frankfurt gelebt hat. Aber ein Großteil des Romans spielt in Frankfurt; außerdem hatte Seghers, die in Mainz aufwuchs, auch müttterlicherseits Familie in Frankfurt“, sagt Westerhoff. Dazu später mehr.

„Wahnsinn, wie viele Details Westerhoff kennt“

Bereits 1933 war die Jüdin und Kommunistin, die eigentlich Netty Reiling hieß – Anna Seghers war ihr Pseudonym –, nach Frankreich geflohen. Ihr Roman erzählt die Geschichte des Protagonisten Georg Heisler und sechs weiterer Gefangener, die aus dem KZ Westhofen fliehen und von den Nazis verfolgt werden.

Der fiktive Held Heisler findet Unterschlupf bei einem alten Schulfreund in Bockenheim, so Westerhoff. Und obwohl Anna Seghers ihren Roman 1938 bis 1940, also längst außerhalb Deutschlands, schrieb, waren die Inhalte fern von Fantasie, betont Westerhoff: „Sie hatte sehr viel Kontakt zu Flüchtlingen, und sie hatte ein Kindermädchen, das immer wieder nach Deutschland reiste und ihr von dort berichtete.“

1942 ist Seghers’ Roman erstmals veröffentlicht worden, und zwar beim Bostoner Verlag „Little, Brown“ auf Englisch, wenig später auch in Mexiko auf Deutsch. „Wahnsinn, wie viele Details Westerhoff kennt“, sagt eine Teilnehmerin, die jedes Jahr bei „Frankfurt liest ein Buch“ dabei ist. Und Ulrike Hofer notiert fleißig mit. Die frühere Krankenschwester ist seit Anfang der 1980er von Seghers und ihrem Schreibstil „fasziniert“ und will im November über sie im Club Voltaire ehrenamtlich einen Vortrag halten. „Dafür muss ich mich vorbereiten.“

Westerhoff betont, dass es Seghers gelang, den Querschnitt der Gesellschaft in Nazi-Deutschland in ihrem Roman widerzuspiegeln. Sie erzählt, dass das KZ Westhofen fiktiv sei, ein Nachbarort eines „frühen“ KZ Osthofen. Die Geschichte einer realen Flucht aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen, wo sieben Häftlinge geflohen waren und der Leiter aus Wut sieben Kreuze aufstellen ließ, sei Seghers’ eigentliche Grundlage gewesen. Nur eines der Kreuze blieb leer.

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