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„Das Gegenteil von gut“ Linke streitet über Antisemitismus

Auf einer Tagung der Bildungsstätte Anne Frank diskutieren Linke über Antisemitismus. Noch immer stellen manche das Existenzrecht von Israel infrage.

"Marsch der Lebenden"
Ex-Politiker Volker Beck: „Als Linker denkt man eigentlich, linker Antisemitismus ist unmöglich.“ Foto: dpa

Sie sei jung gewesen, und ihr Herz habe weit links geschlagen, sagt Sabena Donath. Als sie in Frankfurt ihr Studium begonnen habe, sei sie mit linken Gruppen in Kontakt gekommen. Doch es habe schnell Probleme gegeben, etwa wegen der Haltung, die sie als Jüdin zu Israel einnahm. „Meine größte Enttäuschung war die Linke“, sagt Donath, die heute die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland leitet. Noch immer werde sie emotional, wenn sie sehe, dass in linken Strukturen Hass auf Israel herrsche, statt Kritik am Kapitalismus Verschwörungstheorien verbreitet würden. Die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in der Linken „vermisse ich in ihrer Radikalität bis heute“, sagt Donath.

Es ist Samstagnachmittag im Historischen Museum; draußen brennt die Sonne, drinnen wird auf dem Abschlusspodium der Tagung „Das Gegenteil von gut“ kontrovers diskutiert. Die Macher der Tagung von der Bildungsstätte Anne Frank haben sich einiges vorgenommen, wollen in Vorträgen, Workshops und Debatten Geschichte und Gegenwart antisemitischer Ressentiments in linken Zusammenhängen behandeln – und Gegenstrategien entwickeln. Die freundliche Atmosphäre und die vielen Gespräche unter den rund 150 oft jungen Teilnehmern zeigen, dass es inzwischen zumindest möglich ist, über dieses heikle Thema produktiv zu streiten.

Begonnen hatte die Tagung mit einem Vortrag des früheren grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck. Am Freitagabend begrüßt Beck die Gäste verschmitzt als „Genossinnen und Genossen“. Die Debatte um Antisemitismus habe seine Partei jahrelang geprägt, sagt Beck. Als Produkt der 68er-Bewegung und der K-Gruppen hätten viele Grüne gedacht, sie hätten den Nationalsozialismus bereits aufgearbeitet und seien gefeit vor Judenhass. „Als Linker denkt man eigentlich, linker Antisemitismus ist unmöglich.“

Doch der Antisemitismus und der christliche Antijudaismus hätten Europa über Jahrhunderte hinweg geprägt, seien nicht so einfach abzustreifen. Für Linke sei es daher wichtig, Antisemitismus in den eigenen Reihen zu erkennen und ernst zu nehmen, sagt Beck: „Klarheit geht vor Einheit“. Bei den Grünen sei es erst nach langen Kämpfen gelungen, dass etwa das Existenzrecht Israels nicht mehr in Frage gestellt werde. Die Partei „Die Linke“ habe diesen schmerzhaften „Klärungsprozess“ immer noch vor sich.

Scheinbare Opposition

Die Wiener Soziologin Karin Stögner fügt hinzu, dass der Antisemitismus abstrakte soziale Verhältnisse Einzelnen anlaste und sie so scheinbar kritisierbar mache. Weil der Antisemitismus vordergründig gegen „die Mächtigen“ wettere, erscheine er oft als „oppositionell und widerständig“ und könne so auch für Linke attraktiv sein.

Am Samstag, die Teilnehmer haben inzwischen in Workshops über den Zusammenhang des Antisemitismus etwa mit Rassismus und Geschlecht diskutiert, plädiert die Frankfurter Stadtverordnete Jutta Ditfurth (Ökolinx) für klare Kante gegen den Antisemitismus etwa der Israel-Boykott-Bewegung BDS, die sich derzeit in der linken Szene breitmache. Man müsse die Konfrontation suchen, auch wenn die Gefahr bestehe, „dass man damit auf die Nase fällt“. Der Streit um den Antisemitismus sei „einer der größten Konflikte innerhalb der Linken gegenwärtig“, sagt Ditfurth.

Olaf Kistenmacher, der in Hamburg in der Bildungsarbeit tätig ist, weist darauf hin, wie intim diese Auseinandersetzung schnell werde. Mit überzogener Kritik an Israel betrieben deutsche Linke nämlich oft eine Abwehr eigener Schuldgefühle wegen des Nationalsozialismus. „Das geht tief ins Persönliche hinein“, sagt Kistenmacher. Es seien noch viele Podien und Gespräche nötig; Aufklärung brauche eben Zeit.

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