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Christopher Street Day in Frankfurt Der CSD als politische Party

Nicht nur Homosexuelle und Transgender feiern in Frankfurt den Christopher Street Day. Die dreitägige Veranstaltung wird immer mehr massentauglich.

CSD 2017 in Frankfurt
Teilnehmer der CSD-Demo. Foto: Rolf Oeser

Und dann schlägt die Stimmung um. Kurz nach 18 Uhr steigen auf der Konstablerwache schwarze Luftballons in den mittlerweile blauen Himmel. Die Freudenschreie sind verstummt. Die Teilnehmer des Christopher Street Day (CSD) gedenken am Samstagabend jenen Menschen, die im vergangenen Jahr an Aids gestorben sind.

Das HI-Virus war zu der Zeit in den Fokus geraten, als sich auch in Frankfurt die erste CSD-Veranstaltung vor dem Lesbisch-Schwulen-Kulturhaus formierte. Auch heute noch will der Verein CSD Frankfurt eine Stigmatisierung von HIV-Infizierten verhindern.

Und so ist der von Trompetenmusik begleitete Moment des Innehaltens ein fester Bestandteil des dreitägigen Programms. Er kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Innenstadt am Wochenende ein farbenfrohes Fest gefeiert wurde.

Passanten beklatschen CSD-Teilnehmer 

Sechs Stunden vor den Schweigeminuten: Auf dem Römerberg weht die Regenbogenflagge am Rathausbalkon. Unzählige Lesben und Schwule, und Transgender positionieren sich, tanzen und trinken ausgelassen. Gleich beginnt der Demonstrationszug durch die Innenstadt. Bis zur Töngesgasse ziehen Menschen auf großen Wagen, in schrillen Outfits und mit plakativen Äußerungen. An den Straßenseiten stehen Passanten Spalier, beklatschen und fotografieren die Vorbeikommenden.

Obwohl: Demozug ist in diesem Jahr etwas hochgegriffen. Denn anders als in den Jahren zuvor freuen sich die Teilnehmer zunächst einmal: über das Erreichte. Kürzlich votierte der Deutsche Bundestag für die Homo-Ehe (siehe nebenstehender Bericht). Deshalb halten die Menschen Schilder hoch, auf denen es heißt: „Habemus Homo“ und „Danke Brigitte“. Bei einer Veranstaltung der Frauenzeitschrift hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Diskussion über die gleichgeschlechtliche Ehe zu einer „Gewissensentscheidung“ erklärt – und den Ball damit ins Rollen gebracht.

Politisch ist der Festumzug trotzdem, nichts desto weniger weil im September Bundestagswahl ist. „Jetzt erst recht. Kämpferisch. Solidarisch. Vielfältig.“, plakatiert die SPD auf einem Banner, das Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen mit weiteren Mitstreitern hoch hält. Auf dem Zugwagen der Genossen prangt das Kopfbild von Kanzlerkandidat Martin Schulz. Ein Mann in Lack-Outfit hält ein Schild der Jungsozialisten hoch: „Ganz ehrlich: Danke für nichts, Frau Merkel“, steht darauf.

Der Bundesverband Lesben und Schwule in der Union (LSU) dankt den vier hessischen CDU-Bundestagsabgeordneten, die für die Homo-Ehe votiert haben, darunter auch Generalsekretär Peter Tauber. Als der LSU-Wagen auf der Brauchachstraße vorbeirollt, fragt ein Schaulustiger süffisant: „Hat man denn mit drei Nebenjobs überhaupt die Zeit zu heiraten?“

Besonders viel Stimmung herrscht an der Hauptwache, als sich ein großer Festwagen nähert. „Frankfurt, macht mal eure Hände nach oben! Willkommen im CSD!“, brüllt eine Frau ins Mikrofon. „Seid ihr bereit? Seid ihr bereit, seid ihr bereeeit?“ Ihre Botschaft lautet: „We are free today!“ Und, im besten Denglisch: „Die Message ist immer noch Liebe“.

Zum Ausdruck bringt das jeder Demonstrant auf seine Weise. Eine Gruppe trägt orangene Morph-Suits. Drei Männer haben sich als Piloten der Fluglinie „Gayjet“ verkleidet. Ein junger Mann trägt ein Football-Outfit. Auf der Rückseite, wo eigentlich der Spielername stehen sollte, heißt es: „Let’s play ball(s)“. Mitglieder des Vereins Jugend gegen Aids halten Schilder mit markanten Sprüchen hoch: „Privatparty zu dritt?“ und „Magst du Muschi?“

Die Schaulustigen sind amüsiert. „Bänderriss vorprogrammiert“, sagt ein Familienvater, als Travestiekünstler in Stöckelschuhen über das Kopfsteinpflaster am Liebfrauenberg ziehen. Zwei andere Väter, die ein T-Shirt mit der Aufschrift „Regenbogen-Papa“ tragen, schieben ihre Kinderwagen auf der Zugstrecke mit sich. Vom Trubel bekommen die Heranwachsenden aber nicht viel mit. Sie sitzen schlaff im Wagen und tragen Ohrenschützer.

Nachdem der Festumzug auf der Konstablerwache angekommen ist, wird der CSD offiziell eröffnet. „Ich bin in den vergangenen Tagen immer wieder gefragt worden: Ist der CSD größer geworden“, brüllt der Sprecher des CSD Frankfurt, Joachim Letschert, auf der Hauptbühne ins Mikrofon. Er hat das jedes Mal verneint, wie er erklärt. Jetzt die Kehrtwende: „So viel Leute habe ich auf diesem Platz noch nie gesehen. Toll, dass ihr alle da seid.“

Vor 25 Jahren wäre es kaum einem heterosexuellen Menschen eingefallen, auf die „Homolulu“ oder „Gay Pride“ zu gehen. Inzwischen ist das Publikum bunt gemischt und die Veranstaltung auf drei Tage ausgedehnt. So feiern auch am Sonntag Menschen jeder sexuellen Orientierung rund um die Hauptbühne auf der Konstablerwache und die Kulturbühne in der angrenzenden Großen Friedberger Straße. Dort unterhält um 18 Uhr Travestiekünstler Bäppi La Belle das Publikum.

„Wir sind jedes Jahr hier“, sagt Sandra Lehr, die mit ihrer besten Freundin aus Wölfersheim im Wetteraukreis angereist ist. „Hier lernt man unheimlich tolle Menschen kennen.“ Ihr Alkoholpegel ist bereits ein wenig angehoben, Berührungsängste hat sie daher wenig. „Jetz geht’s los! Paaaarty“ ruft sie und nippt an ihrem Getränk.

Tatsächlich herrscht Volksfeststimmung: Die Besucher schauen sich interessiert die Künstler an, essen oder trinken. Etwa an der Bar „Feuchte Träume“. Aus dem türkisfarbenen Holzhaus verkauft eine Frau acht verschiedene Cocktails, serviert auf einer „Morgenlatte“ oder einem „Busenwunder“. Zum Sortiment gehören „Dirty Talk“ und „Popoklaps“. Bei letzterem handelt es sich um Erdbeer-Limes gepaart mit Erdbeer-Sahne-Likör. „Leider geil“, sagt ein Besucher und kippt das Getränk in einem Zug runter.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Christopher Street Day in Frankfurt

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