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Catering in Schulen „Essen ist ein soziales Ereignis“

Für Pädagogik-Professorin Rose soll die Mensa ein Lernraum sein.

Schüler-Demo
Schüler und Eltern der IGS Nordend demonstrieren am Römer für den Erhalt ihrer Mensa. Foto: Christopf Boeckheler

Frau Rose, die IGS Nordend protestiert gegen den Wechsel ihres Caterers. Für die Schulgemeinde ist das Catering keine austauschbare Dienstleistung, das Schulessen ein wesentlicher Teil der kulturellen und sozialen Bildung. Ist es nicht ausreichend, wenn Kinder am Mittag in der Schule mit Essen versorgt und satt werden?
Nein, das reicht nicht aus. In einem reichen Land wie unserem würden wir da eine große Bildungschance vertun. Wir haben große Debatten über Ernährungsbildung. Die Essenssituation in Familien hat sich geändert, es wird weniger gekocht, Convenience-Food kommt auf den Tisch, die Kinder wissen nicht mehr, wo das Essen herkommt. Auch über ein Unterrichtsfach Ernährung wird diskutiert. Das zeigt, dass es einen Problemdruck gibt. Von daher müsste die einfache Konsequenz sein, dass wir in einem kompensatorischen Sinn bei der täglichen Essenversorgung an Schulen die Lernerfahrungen zugänglich machen, die in Familien nicht mehr zugänglich sind.

Wie sieht das Mittagessen an den meisten Schulen aus?
In der Regel wird außerhalb der Schule gekocht. An einem Ort, den kein Schüler kennt. Mit den Köchen kann nicht kommuniziert werden. Der Vorgang der Essensherstellung ist von der Schule abgeschnitten. Die vorherrschende Praxis bei der Schulverpflegung entspricht dem Convenience-Konzept, das wir doch eigentlich kritisieren. Die Kinder bekommen irgendwas Fertiges vorgesetzt, das keine Geschichte hat, zu dem sie nichts wissen, das für sie fremd bleibt. Und dann muss im Unterrichtsfach Ernährung erklärt werden, was eine Möhre ist und wie die gekocht wird. Das ist paradox.

Wie sollte denn das Schulessen am besten aussehen?
Das Schulessen kann zu einem Raum für Partizipation, der kulinarischen und politischen Bildung werden. Schüler und Schülerinnen müssen sehen, erleben, riechen können, dass und was gekocht wird. Sie müssen Einblick nehmen können, die Menschen kennen, die kochen, mit ihnen kommunizieren können. Essen ist immer auch Beziehung zwischen denen, die Essen machen, und denen, die Essen erhalten. Sie müssen auch selbst Hand anlegen, mitplanen können. Wunderbar wäre es auch, wenn die Themen, die bei der täglichen Verpflegung anfallen, im Unterricht aufgenommen würden. In Mathe kann berechnet werden, wie viele Kartoffeln gebraucht werden, um Reibekuchen für alle zu machen. In Kunst kann thematisiert werden, wie der Kantinenraum ästhetisch gestaltet werden kann und wie Essensräume zu anderen Zeiten gestaltet waren. In Chemie kann geklärt werden, was beim Kochen passiert. In Biologie kann Wissen zum Gartenbau vermittelt und angewandt werden.

Könnte ein Großcaterer das leisten?
Nein, auch dann nicht, wenn er vor Ort kocht. Ein Großcaterer muss nach betriebswirtschaftlichen, ökonomischen Kriterien arbeiten. Da gibt es nicht viel Spielraum dafür, die Mittagsverpflegung als Bildungsraum zu nutzen. Wenn Schule jedoch nicht nur Unterricht macht, sondern auch Mittagessen, dann hat sie ganz andere Möglichkeiten, diese Versorgungsleistung als Teil von Schulkulturentwicklung und als Lerngelegenheit zu gestalten. Klar, es braucht gastronomische Expertise fürs Schulessen, aber der entscheidende Punkt ist, ob sie integraler Teil der Schule ist oder nicht.

Was kann der Staat beitragen, um einen solchen Bildungsauftrag zu erfüllen?
Es ist bisher ungeklärt, ob Essen ein Element der schulischen Bildung sein soll oder nur Sättigung ist, die schlicht sachlich notwendig ist. Es gibt zwar immer wieder die Forderung nach Ernährungsbildung, aber diese wird abgekoppelt von der täglichen Mittagsverpflegung. Sie wird vorzugsweise als zeitlich begrenztes Unterrichtsformat und Projekt gedacht. Schulessen und Ernährungsbildung zusammen zu denken, das wird nicht gewagt. Zudem werden Schulen ziemlich alleingelassen mit der Bewältigung der Verpflegungsaufgabe. Ressourcen, Hilfen, Konzepte sind spärlich. Alle halten sich bedeckt, die Länder, die Schulträger.

Und wer leidet darunter?
Am Ende haben es die Schulen als die Schwächsten in der Kette zu erledigen. Wir brauchen eine klare bildungspolitische Aussage dazu, ob die Mensa ein Ort zur Sättigung sein oder zu einem Raum des ganzheitlichen Lernens werden soll. Und wenn Letzteres gewünscht wird, dann muss man sich auch Gedanken machen, wie pädagogische Standards fürs Mittagessen aussehen sollen. Im Moment bleibt das alles Zufällen überlassen. Hochgradig verregelt sind demgegenüber nur Fragen der Nährstoffe, der Hygiene und der Kosten. Dass Essen ein soziales, sinnliches Ereignis ist, bleibt dabei völlig außen vor.

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