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Carin Müller Wenn der Vater Alzheimer hat

Die Frankfurter Autorin Carin Müller schreibt normalerweise Frauenromane. In ihrem neuen Buch „Tage zwischen Ebbe und Flut“ hat der Protagonist Alzheimer – so wie ihr Vater.

Carin Müller schreibt im Hinterhaus-Büro mitten im Bahnhofsviertel. Foto: peter-juelich.com

„Die Wellen sind mein Kopf. Alles ist da. Aber es bewegt sich. Ich kann es nicht festhalten“, sagt Felix. Felix ist 70 Jahre alt und hat Alzheimer. Er ist der Protagonist in dem gerade erschienenen Reiseroman „Tage zwischen Ebbe und Flut“. Geschrieben hat ihn die Frankfurter Autorin Carin Müller. In einem Hinterhaus-Büro in der Münchner Straße verfasst die 44-Jährige normalerweise Frauenromane mit Titeln wie „Problemzonen“ oder „Hundstage“.

Eigentlich kennt man Sie als Autorin von witziger bis erotischer Frauenliteratur. Auch bei Ihrem neuen Werk ist der Ton vorwiegend heiter. Aber diesmal hat der Opa der Familie Alzheimer. Warum so ein ernstes Thema auf einmal, Frau Müller?
Mein Vater leidet seit sechs Jahren an Alzheimer. Wenn man jemandem erzählt: „Mein Vater hat Alzheimer“ löst das im ersten Moment bei den meisten eine Art Schockstarre aus. Es will einfach niemand etwas damit zu tun haben. Ich habe den Eindruck, dass Familien und Betroffene, wenn sie die Diagnose bekommen, sich oft selbst in eine Art Isolation bringen. Dem wollte ich mit meinem Roman entgegenwirken. Ich habe nämlich gemerkt: Wenn man offen mit der Krankheit umgeht, reagieren die Menschen sehr verständnisvoll. Man soll sich ruhig trauen zu sagen: „Mein Vater leidet an Alzheimer. Es kann also sein, dass wenn wir im Restaurant sind, er plötzlich mit dem Löffel sein Steak essen möchte.“

Warum haben Sie kein autobiografisches Buch geschrieben?
Das wäre mir viel zu nah gewesen. Ich wollte keine Tränennummer daraus machen. In diese Richtung gibt es ja einiges an Literatur. So wie beispielsweise das Buch von Arno Geiger „Der alte König in seinem Exil“. Das ist stilistisch toll, aber eben sehr schonungslos. Das wollte ich weder mir noch der Öffentlichkeit zumuten. Das ist einfach auch nicht meine Art zu schreiben.

Gehen denn Lachen und Alzheimer zusammen?
Es ist nicht so, dass man in einer Alzheimer-Familie die ganze Zeit depressiv zusammensitzt und weint. Es gibt ja auch sehr viele lustige Situationen, die sich auch aus den Reaktionen der Patienten erschließen. Und Humor ist bei Alzheimer überlebenswichtig. Ich kann meinen Vater immer noch gut zum Lachen bringen und er hat auch so eine trotzige Selbstironie.

Wie geschockt waren Sie, als die Diagnose Alzheimer feststand?
Das war keine Diagnose, die vom Himmel gefallen ist. Mein Vater sagte schon lange: „Da stimmt was nicht mit mir.“ Er selbst wollte es lange nicht wahrhaben und wir als Familie auch nicht. Wir haben Entschuldigungen gefunden wie: „Ach, du bist bestimmt nur ein bisschen gestresst.“ Mein Vater war erst 68, also relativ jung. Dann als er zum Arzt ging, war die Diagnose nur noch eine Bestätigung einer schlimmen Befürchtung. Ein richtig fieser Schlag in die Magengrube.

Und die ersten Anzeichen?
Als erstes sind ihm die Zahlen abhanden gekommen: Wenn er also versuchte, halb drei zu sagen, dann konnte er nur noch zwei Uhr und dreißig sagen. Immer mehr sind auch Namen und Wörter weggefallen. Das hat ihm sehr zu schaffen gemacht, dass plötzlich alles nicht mehr so funktionierte.

In Ihrem Roman schreiben Sie oft aus Felix’ Sicht. Er ist oft verzweifelt, weil ihn keiner mehr versteht. Hat Ihnen diese Gefühlslage ihr Vater erzählt?
Anfangs war es ganz schwer, mit ihm darüber zu reden, weil er nie gerne über emotionale Dinge gesprochen hat. Sehr vieles ist meine Beobachtung. Zum späteren Zeitpunkt hat mein Vater dann doch ein bisschen erzählt, wie es sich anfühlt. Er sagte, Alzheimer sei wie Wellen im Kopf, die man nicht richtig greifen kann. Es ist zwar alles noch da, aber der Zugriff auf den richtigen Gedanken, auf das passende Wort wird einfach immer schwieriger.

Oft fangen die Angehörigen an, den Betroffenen wie ein Kind zu behandeln, nicht?
Ja man gleitet oft automatisch in die bevormundende Position rein. Weil es zu lange dauert, bis eine Entscheidung kommt, oder weil man ihm beim Hoseanziehen helfen muss. Also Dinge, die man eigentlich nur bei Kindern macht. Man muss sich selbst bewusst machen, dass man respektvoll wie mit einem Erwachsenen umgeht.

Ihr Romanheld Felix ist ein anderer Mann als früher. Wie ist das bei Ihrem Vater?
Man verändert sich total. Mein Vater war immer der Kopfmensch und sehr analytisch, sehr witzig, und das funktioniert jetzt einfach nicht mehr so gut. Dafür ist er jetzt viel emotionaler. Da kann ich mich nun auf eine ganz andere Weise annähern.

Und Sie beschreiben auch die Angst, dass der Mensch, den man kannte, irgendwann komplett weg sein wird …
Alzheimer ist ein Abschied auf Raten oder Trauern am lebenden Objekt. Mein Vater ist für mich in der Wahrnehmung ein ganz anderer Mensch, als er früher war. Das ist schon ganz erschreckend, natürlich habe ich Angst, wie es weitergeht und welche Formen es noch annimmt.

Wieso ist so wichtig, dass man den Betroffenen auch mal ihre Ruhe lässt?
Alzheimer-Patienten, die schon Probleme haben ihre Gedanken im eigenen Kopf zu navigieren, sind schnell von zu viel Input von außen überfordert. Mein Vater will einfach seine Ruhe haben, wenn wir beispielsweise alle gleichzeitig am Familientisch quatschen. Und ich denke, das ist etwas, was man als Angehöriger lernen muss ist: Einfach auch mal die Klappe zu halten!

Wie sehr hat sich die Tochter-Vater-Beziehung verändert?
Ich war immer das totale Papa-Kind. Die Starke war immer meine Mutter. Für sie, die mit ihm lebt, ist es katastrophal schwierig. Auch wenn sie das nicht gerne zugibt, weil sie immer die große starke Frau sein will ähnlich wie Ellen, Felix’ Frau im Buch. Mit meinen Vater konnte ich die lustigen Sachen machen. Außerdem hat er mich immer in meinen kreativen Ausbrüchen sehr unterstützt. Mein Vater hat meine Bücher gelesen und mit mir darüber diskutiert. Das kann er jetzt nicht mehr. Er hat auch immer mehr Schwierigkeiten zu lesen. Ich werde ihm aber, sobald ich wieder in München bin, aus „Tage zwischen Ebbe und Flut“ vorlesen. Und wir teilen jetzt andere Freuden. Wenn wir gemeinsam mit meinem Hund rausgehen und eine Stunde spazieren gehen ist er glücklich. Da muss auch gar nicht viel geredet werden.

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