Lade Inhalte...

Caricatura-Museum Cartoons über Haschisch

Cartoons von Gerhard Seyfried über Haschisch, Freaks und böse Bullen gehörten in den 1970er Jahren zur Pflichtlektüre in vielen WGs. Das Caricatura-Museum widmet dem Berliner Zeichner und Schriftsteller jetzt eine umfangreiche Werkschau.

Gerhard Seyfried im Caricatura-Museum.Alex Kraus Foto: Alex Kraus

Angela Merkel vertraut ihrem Tagebuch das Versprechen ihres Freundes Obama an. Ganz lieb findet sie, dass er ihr Handy nicht mehr abhören will, und malt dazu ein rosa Herzchen. Die Herren von der NSA, die ihr auf dem großen Monitor dabei zuschauen, schütten sich derweil vor Lachen aus. Der aktuelle Cartoon von Gerhard Seyfried zeigt, dass dem Karikaturisten dank Merkel, TTIP und der Groko die Themen nicht ausgehen. „Nur drucken will das keiner mehr“, sagt Seyfried.

Die linke alternative Szene, als dessen Chronist er Ende der 70er bekanntwurde, hat sich zerstreut. Für die Grünen, für die er in ihren Anfangsjahren mehrere Plakate zeichnete, arbeitet der 67-Jährige nicht mehr gern, seit sie ihr klares Nein zu Kriegseinsätzen über Bord geworfen haben. Für die Linke hat er in jüngster Zeit einige Cartoons gezeichnet. Mitglied ist er nicht, er hat noch nie einer Partei angehört. „Ich bin Anarchist und will mit Parteien nichts zu tun haben.“

Seyfried ist nicht nur Comiczeichner, sondern auch Schriftsteller und Historiker. Das Caricatura-Museum Frankfurt widmet allen Aspekten seines vielfältigen Werkes jetzt eine große Schau, „die schönste und umfangreichste, die ich je hatte“, lobt er bei der Pressekonferenz zur Eröffnung. Helmut Müller, Geschäftsführer des Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main, der die Schau unterstützt, geht davon aus, dass sie weit über die Region hinaus strahlen wird – schließlich sei Seyfried die „Ikone“ einer Generation, die große politische Umbrüche erlebte .

Es war das Jahr 1969, als Gerhard Seyfried die Münchner Akademie für das grafische Gewerbe verlassen musste, weil er einen Streik gegen die Notstandsgesetze mitorganisiert hatte. Erst zwei Jahre zuvor war er wegen besonderem Talent aufgenommen worden. „Dann bin ich plötzlich wegen mangelndem Talent rausgeflogen“, erinnert er sich. Sein Schaden war es nicht. Er arbeitete als Grafiker und Karikaturist für Werbeagenturen und Firmen, hauptsächlich jedoch für das erste alternative Stadtmagazin Westdeutschlands, „Das Blatt“, das immer wieder mit Strafverfahren wegen Verunglimpfung des Staats oder Aufforderungen zu strafbaren Handlungen zu kämpfen hatte.

Die Schikanen von Polizei und Justiz brachten Publicity und dem jungen Zeichner immer neue Ideen für seine Cartoons zu Wohngemeinschaften, dem Verhältnis von Staat und Bürger, Haschischkonsum und Polizei. „Soziologische Analysen und Illustrationen zur Zeitgeschichte“, beschreibt Achim Frenz, Direktor der Caricatura, Seyfrieds Werk.

In der Schau sind Comics aus 35 Jahren zu sehen, auch großformatige Wimmelbilder, mit denen man sich lange beschäftigen muss, um die Anspielungen zu verstehen, und die in der für ihn typischen Technik entstanden: „Seine pusselige, wuselige Linie, die sich um die winzigsten Kleinigkeiten kringelt“, hat F.W. Bernstein seinen Stil treffend gerühmt.

1978 wurden erstmals Zeichnungen, die für „Das Blatt“ entstanden, in seinem bis heute bekanntesten Buch „Wo soll das alles enden“ veröffentlicht. Mit dem Geld aus dem Verkauf flog Seyfried in die USA und arbeitete dort mit den damaligen Größen des amerikanischen Underground-Comics zusammen, Gilbert Shelton und Paul Mavrides – den Schöpfern der Freak Brothers. Im Katalog zur Ausstellung ist ein Wettstreit in San Francisco überliefert, bei dem Seyfried mit der perfekten Miniatur eines Straßenkreuzers nicht nur die beiden Freak-Brother-Zeichner, sondern auch ihren prominenten Kollegen Robert Crumb besiegen konnte.

Der Aufenthalt in Amerika änderte auch sein Selbstverständnis. „Dort habe ich mich zum ersten Mal als Künstler begriffen“, sagt Seyfried. Er begann, zusammenhängende Geschichten zu zeichnen, veröffentliche mehrere längere Comicbände wie „Freakadellen und Buletten“ oder „Invasion aus dem Alltag“, ein Band, der in einer Auflage von 300 000 erschien und in keiner Wohngemeinschaft fehlen durfte.

Dass Seyfried Zeichner wurde, war Zufall, sagt er, wie so vieles in seinem Leben. Er konnte es schon als Kind gut, hatte Lehrer, die ihn förderten, und blieb dabei, obwohl er 1967 vom Gymnasium flog, weil er auf seinen Heftrand die Miniatur einer nackten Frau gezeichnet hatte. Die Kaufmannslehre, für die er sich danach mehr oder weniger aus Ratlosigkeit entschied, war nichts für ihn, dann folgten Studium und 1976 der Umzug nach Berlin – auch der ein Zufall. Seine WG in Schwabing löste sich auf. In der Wohnung eines Berliner Freundes wurde ein Zimmer frei, also zog Seyfried um und holte sich seine Ideen fortan in der Kreuzberger Szene.

1990 lernte er die junge Berliner Künstlerin Ziska Riemann kennen und wechselte das Thema von Kreuzberger Freaks und ihrem Kampf mit den Bullen zu düsteren Science-Fiction-Comics. „Ich konnte ja nicht mein ganzes Leben damit verbringen, Polizisten hinter Freaks herrennen zu lassen und umgekehrt“, sagt er. Daneben widmete er sich immer mal wieder dem Hanf, ob auf Zeichnungen von benebelten Aktivisten oder in dem amüsanten Loblied-Ratgeber „Hanf im Glück“.

Als Zeichner beschäftigt ihn die Zukunft, als Schriftsteller die Vergangenheit. 2003 erschien der erste Roman, der sich mit dem Herero-Aufstand 1904 befasste, den die deutsche Kolonialmacht in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, niederschlug. Sein neuestes Buch „Verdammte Deutsche“, ein Spionageroman, der die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs erzählt, wird Seyfried bei vier Lesungen im Begleitprogramm der Ausstellung vorstellen. Ideen für weitere Bücher und Comics hat er einige, sagt er, „ nur noch keinen Verlag“. Aufhören kommt nicht infrage. „Was soll ich auch anderes machen?“ Also wird Seyfried weiter schreiben und zeichnen – „bis zum Happy End“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen