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Unibibliothek Darmstadt Schlaflos zwischen Bücherregalen

Alles schläft, keiner wacht? Nicht in der neuen Unibibliothek der TU Darmstadt. Hier büffeln die Studenten auch schon morgens um vier Uhr. Unsere Autorin hat es mit eigenen Augen gesehen und gefragt, was Studenten dazu bringt, zu arbeiten - mehr oder weniger freiwillig - wenn alle anderen im weichen Bett liegen.

12.02.2013 20:30
Eva Marie Stegmann
Fast futuristisch sieht der Neubau nachts aus. Foto: Andreas Arnold

Vier Uhr in der Nacht. Der Morgen graut noch lange nicht. Die Innenstadt ist wie ausgestorben. Schwer liegt die Dunkelheit über dem Campus der TU Darmstadt. Allein die neue Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) überstrahlt die Düsternis. Zwischen Hauptgebäude, Audimax und Mensa leuchtet der ausladende Klinkerbau, dessen Haupteingang Säulen zieren, in die Nacht hinaus. Seit Januar hat die ULB 24 Stunden lang geöffnet. Und wer glaubt, dass die sechs Stockwerke mit Café, Abertausenden von Büchern und 850 Arbeitsplätzen um diese Uhrzeit leer sind, der täuscht sich.

Rund 50 Besucher hat die Security gezählt. Fünf Mitarbeiter des Unternehmens „TVS Schutz + Security“ halten in dieser Nacht in dem riesigen Bau die Stellung. Eine von ihnen ist die 28-jährige Jennifer Kullmann. Von Mitternacht bis acht Uhr morgens ist die dunkelhaarige Frau für die Ausleihe und Rückgabe im Erdgeschoss zuständig. Sie hat ihren Laptop dabei, ab und an scherzt sie mit den zwei Kollegen von der Eingangskontrolle genau gegenüber. Ob schon einmal etwas passiert ist zu so später Stunde auf sechs Geschossen? „Nein, noch nie“, sagt Kullmann. „Im Gegenteil. Hier ist es sehr, sehr friedlich.“

Inspiration braucht Raum

Vielleicht zwanzig Meter über ihr, im zweiten Stock an einem der Arbeitsplätze, die um den Treppenaufgang gruppiert sind, sitzt Amin. Für den Musikstudenten aus Mannheim ist vier Uhr morgens die ideale Zeit, um in der Bibliothek zu sein. „Ich habe Schlafstörungen“, gibt er lächelnd zu. „Und hier finde ich Inspiration.“ Auf sechzehn Quadratmetern an seinem Schreibtisch, das sei viel zu eng. „Es beengt den Geist, Inspiration braucht Raum, das haben schon die Künstler aus früheren Zeiten gesagt“, erklärt er. Sein Studienschwerpunkt ist Musik. Obwohl die Akustik aufgrund der offenen Bauweise nahezu genial wäre, singen wird Amin nicht. Das würde die anderen Besucher stören, die hier ebenfalls sitzen und pauken.

Etwa die drei Maschinenbauer im dritten Stockwerk. Paul, Nino und Danijel bilden eine Arbeitsgruppe. In weniger als fünf Stunden müssen sie ihr Projektergebnis vorstellen. „Es ist einfach klasse, dass man sich hier treffen und lernen kann“, sagt der 22-jährige Paul. Die Ringe unter seinen Augen zeugen von nächtelanger Arbeit. „Wir kommen extrem gut voran“, berichtet der junge Mann mit dem Lockenkopf. „Dass die ULB 24 Stunden geöffnet hat, ist genial“, findet sein Kommilitone, der 21-jährige Nino.

Mittlerweile ist es fast fünf Uhr in der Früh. Ganz oben im vierten Stockwerk büffelt die Soziologiestudentin Karina. Zahlreiche Bücher stapeln sich vor ihr, Blätter liegen überall verstreut auf dem Tisch herum. Sie beugt sich tief über ihre Texte. Ab und zu schreibt sie mit Bleistift Kommentare an die Ränder oder markiert Sätze und einzelne Wörter mit grell pinkfarbenem Textmarker. „Hausarbeit“, antwortet die blonde junge Frau knapp auf die Frage, was sie zu dieser frühen Stunde hierher verschlagen hat. „Von acht Uhr morgens bis etwa sechs Uhr abends ist es erstens schwer einen Arbeitsplatz zu finden, zweitens viel zu laut“, fügt sie noch an und wendet sich wieder ihren Notizen zu.

Bis acht Uhr am Morgen will Karina noch bleiben. Musikstudent Amin wird dann längst in seinem Bett liegen und vielleicht Schlaf gefunden haben. Jennifer von der Security-Mannschaft wird ihren Laptop einpacken und den Kollegen eine „gute Nacht“ wünschen. Und Paul, Nino und Danijel werden ihre Projekt-Präsentation halten.

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