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Uni Frankfurt Semester-Start in vollen Hörsälen

Zum Beginn der Vorlesungen sind die Zustände an der Goethe-Universität prekär: Studierende drängen sich in Seminarräumen, es fehlt an Lehrpersonal und Mensaplätzen. Ganz zu schweigen vom Wohnraum.

„Gewöhnt euch daran, auf den Treppen zu sitzen“, lautet der Tipp des Asta-Vorsitzenden bei der Erstsemesterbegrüßung. Foto: Alex Kraus

Man erkennt es bereits an den Fahrradständern. So viele es vor dem PEG-Neubau (Psychologie, Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften) auf dem Campus Westend sein mögen – es sind viel zu wenige. Ein Semester nachdem das Gebäude im April dieses Jahres eröffnet wurde, stehen immer noch viele Fahrräder ohne Bügel da, gelehnt an die mit Travertin verkleidete Fassade. Einer von mehreren Mängeln an der Goethe-Universität zu Beginn der Vorlesungszeit des Wintersemesters.

„Besetzt mehr Uni Gebäude“, hat ein Unbekannter auf eine der weißen Wände im ersten Obergeschoss des PEG geschrieben. Im Seminarraum 1.G102 ist das bereits geschehen – wenn auch anders, als der Autor sich das vorgestellt haben mag: Dort sind nicht nur alle Tischplätze besetzt, sondern auch die Fensterbänke und Stehplätze, die Studierenden harren sogar im Flur aus, um sich mit den „Grundlagen feministischer Pädagogik“ vertraut zu machen. Die warme, stickige Luft, die herausströmt taugt nicht zum Atmen, geschweige denn zum Denken.

Auch in anderen Seminarräumen reichen die Sitzplätze nicht. Die Situation erinnert an den Beginn des Sommersemesters 2013, als das PEG den AfE-Turm in Bockenheim abgelöst hat. Noch immer sind die Wegweiser unbeschriftet, noch immer zeigen die Bildschirme für die Raumpläne nichts als einen blauen, informationsfreien Desktophintergrund an und verschwenden sinnlos Strom, während daneben Zettel hängen, die den Beginn von Lehrveranstaltungen für nächste Woche ankündigen.

Alle Plätze belegt

Die elektronischen Anzeigen im Café Dasein, einer Art kleiner Öko-Mensa im Erdgeschoss, funktionieren dafür einwandfrei – wenn man ein bisschen Geduld mitbringt. Denn angezeigt wird immer nur eines von zwei Tagesgerichten gleichzeitig, jeweils sieben Sekunden lang, dazwischen darf sich der Hungrige an einem Gandhi-Spruch erbauen. Der Student lebt eben nicht von Brot allein. Weil die Tafeln so hoch angebracht sind, kann einem beim Lesen der Nacken steif werden.

Bereits am Vormittag sind die meisten der 150 Sitzplätze im Café Dasein belegt. Nicht nur von Kunden. Viele tippen auf ihren Laptops herum oder lesen in Büchern. Jenseits der Arbeitsplätze der Bibliothek und der Sitzgelegenheiten in den Fluren fehlt es in dem Gebäude an Aufenthaltsräumen.

Eine Ausnahme stellt das TuCa dar. Eigentlich sollte für das selbst verwaltete studentische Turm-Café kein Platz im PEG sein, im vergangenen Semester haben einige Studierende eine der sogenannten offenen Kommunikationszonen in der ersten Etage in Beschlag genommen und das TuCa wiederaufleben lassen. Bisher hat die Uni-Leitung die Initiative geduldet. Einige Sofas lassen die Ecke etwas gemütlicher wirken als die übrigen Teeküchen.

Sterile Gebäude

Die Besucher Kevin und Jonas bedauern den „Flurcharakter“ des neuen TuCa. Die beiden angehenden Soziologen haben ihr Studium im AfE-Turm begonnen. Dort, so sagen sie, habe es mehr größere Seminarräume als im PEG gegeben. Hier seien die beiden größten Räume im vergangenen Semester immer voll gewesen. Weil die Kapazitäten vor Ort nicht reichten, mussten beide bereits zwischen Campus Westend und Bockenheim pendeln. „Das ist blöd, wenn man im Anschluss Seminare hat“, sagt der 21-jährige Kevin. „Dadurch kommt man zu spät.“ Außerdem habe es im Turm mehr studentische Räume gegeben. „Der Campus ist blöd fürs soziale Leben“, sagt Jonas, ebenfalls 21 Jahre alt. Die neuen Gebäude seien nicht funktional und steril. „Die weißen Wände erinnern eher an ein Krankenhaus als an eine Uni“, sagt er.

Im ehemaligen IG-Farben-Gebäude, wo die Geisteswissenschaftler beheimatet sind, erscheint der Engpass als Verteilungsproblem: Raum 254 bietet zwar nur Platz für 50 Personen, an der „Einführung in die Literaturwissenschaft“ zwischen 10 und 12 Uhr nehmen jedoch deutlich mehr Studierende teil. Ein Student sitzt im Türrahmen und lässt ein wenig frische Luft in das überfüllte Seminar hinein. Zur gleichen Zeit sind dafür die beiden Hörsäle 311 und 411 nebenan, in die jeweils 120 Menschen passen, höchstens zu einem Drittel belegt.

Die Universität baut bereits an einer Lösung für das Raumproblem: Bis zum Jahr 2015 soll das neue Seminargebäude im Norden des Campus Westend fertig sein. Bis dahin werden die Hörsäle in Bockenheim genutzt. Außerdem soll im Januar ein Provisorium bezogen werden: An der Hansaallee lässt die Uni einen Pavillon in Modulbauweise errichten.

Kein Lehrpersonal

Doch es fehlt an der Uni auch an Lehrpersonal. Wie aus einem Rundschreiben des Dekanats an die Studierenden der Erziehungswissenschaften hervorgeht, haben viele Studierende in diesem Semester keine oder zu wenige Plätze in Veranstaltungen bekommen. „Aus verschiedenen Gründen ist in diesem Semester ein extremer Engpass in der Lehrversorgung des Fachbereichs aufgetreten“, schreibt Studiendekan Ulrich Mehlem. Welche Gründe das sind, ist unklar. Das Dekanat war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Alle Lehrenden werden gebeten, ihre Veranstaltungen zu öffnen oder zu teilen und 14-tägig anzubieten. Es sei auch mit „kurzfristigen Ergänzungen des Lehrangebots“ zu rechnen.

Kapazitätsprobleme haben auch die Mediziner. Wegen eines Verwaltungsfehlers hat sich ein Achtel Erstsemester mehr für die Studiengänge eingeschrieben, als der Fachbereich bieten kann. Nun soll eine Arbeitsgruppe aus Präsidium, Fachbereich und Verwaltung Lösungen ausarbeiten. Die Mediziner haben auch so schon zu wenig Raum. Das Lernzentrum Medicum soll erst im Jahr 2015 fertig werden.

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