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uni Frankfurt Pharmazie Chemie Musik statt Moralin

Pharmazeutische Chemie kann fesseln. Das beweisen Theo Dingermann und Dieter Steinhilber mit Vorlesungen über Michael Jackson, Elvis oder BAP.

05.12.2012 14:43
Von Astrid Ludwig
Theo Dingermann (li.) und Dieter Steinhilber bereiten die Weihnachtsvorlesung vor. Foto: Andreas Arnold

Laute Gitarrenriffs dröhnen durch den Hörsaal B1 im Biozentrum. Die beiden Typen auf der Bühne rocken voll ab. „Arsch huh“, röhrt BAP-Sänger Wolfgang Niedecken ins Mikro – was, etwas dezenter ausgedrückt, als Aufforderung zu mehr Tatendrang und Engagement gesehen werden kann. Theo Dingermann summt die Liedzeilen mit. Der Pharmazie-Professor an der Frankfurter Goethe-Universität stammt vom Niederrhein. Der kölsche Dialekt liegt ihm und er versteht auch, was da gesungen wird. „Wir hätten Wolfgang Niedecken gerne persönlich in unserer Vorlesung gehabt. Das wäre eine tolle Überraschung gewesen, wenn er den Hörsaal betreten hätte“, sagt der 64-Jährige.

Hat leider nicht geklappt. Obwohl Dingermann und sein Professorenkollege Dieter Steinhilber Niedeckens Büro angeschrieben hatten. „Die waren sehr nett, aber für solche Auftritte ist es wohl zu früh.“ Was mit dem Schlaganfall zusammenhängt, den der BAP-Sänger vor gut einem Jahr erlitten hat. Doch genau darum geht es in der Weihnachtsvorlesung, die Dingermann und Steinhilber im Dezember für ihre Studenten am Institut für Pharmazeutische Chemie der Goethe-Uni am Campus Riedberg halten werden.

Videos im Hörsaal

Seit sieben Jahren berichtet das Professoren-Duo bei dieser Gelegenheit über Süchte, Krankheiten und „die Verantwortung, die jeder Einzelne selbst für seine Gesundheit trägt“, sagt Dingermann. Könnte eine moralinsaure Veranstaltung sein – ist es aber nicht. Dingermann ist ein Dozent, der die Anschauung liebt. Nicht ohne Grund haben seine Studenten ihn 2009 zum „Professor des Jahres“ gewählt. Der 64-Jährige und sein Kollege ziehen ihre Vorlesungen anhand prominenter Biografien auf, sie spielen Musik ein, zeigen Videos oder Interviews.

„Wir suchen die Krankheit aus, über die wir sprechen wollen und wählen dann einen Musiker aus, der daran gelitten hat“, sagt Steinhilber. So haben sie schon über „Elvis Presley und den Weg ins metabolische Syndrom“ gesprochen, über den Queen-Sänger Freddie Mercury und ein Leben mit Aids, über Michael Jackson und Gehirndoping oder den Beatle Georg Harrison, Opfer des blauen Dunstes. Tragische Schicksale berühmter Menschen berühren, machen betroffen, genau das wollen Dingermann und Steinhilber erreichen. Erfolgreich: Die Weihnachtsvorlesung ist stets brechend voll. Es kommen auch Studenten anderer Fachbereiche und Gäste von außerhalb der Uni.

Mehr Verantwortung

Übergewicht, Alkohol, Nikotin, zu wenig Bewegung, falsche Ernährung, die Liste, was man alles falsch machen kann, ist lang. Das Dozenten-Duo lebt vor, wie es anders geht. Der 64-jährige Dingermann ist schlank, durchtrainiert, fit. Ebenso sein 53-jähriger Kollege. Sie joggen jede Woche, rauchen nicht, essen gesund und trinken mal ein Glas Rotwein. Beim alljährlichen Ausflug in die österreichischen Berge laufen sie ihren 22-jährigen Studenten teilweise davon. Mit ihren Vorlesungen mahnen sie zu mehr Verantwortung, aber eben ohne moralischen Zeigefinger. „Wir erzählen einfach die Geschichte der Musiker, die ja meist traurig endet, und verknüpfen das mit medizinischen Erklärungen“, sagt Steinhilber.

Der Schlaganfall-Patient Niedecken passt da nicht so ganz rein. „Er ist eigentlich die Ausnahme“, so Steinhilber, hat nicht geraucht, ist nicht zu dick. Aber auch genetische Faktoren spielen schließlich eine Rolle.

Das Dozenten-Duo will dem BAP-Sänger später einen Podcast der Vorlesung schicken. Damit Niedecken wenigstens im Nachhinein dabei sein kann.

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