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Uni Frankfurt „Frankfurt du Opfa ...“

Albert Schmude sammelt die Sprüche von den Wänden des AfE-Turms. Er begann während seines Studiums an der Frankfurter Goethe-Uni damit. Vor dem Abriss des markanten Uni-Gebäudes geht er zum letzten Mal auf Streifzug.

Andere klopfen Sprüche, Albert Schmude sammelt sie seit seiner Studienzeit. Foto: M. Schick

Als Albert Schmude Ende der 70er Jahre zum Soziologiestudium an die Frankfurter Uni kam, war er „negativ fasziniert von der Hässlichkeit“ und den bekritzelten Wänden des AfE-Turms. „Ich hatte zuvor in den USA studiert und war von dort ein völlig anderes Umfeld gewohnt“, erzählt der heute 60-Jährige.

Nach einer Weile stellte er aber fest, dass einige der Sprüche „ganz pfiffig“ waren – vor allem in Kombination mit den Kommentaren anonymer Kritiker. „Außerdem mag ich Selbstironie, deswegen gefielen mir vor allem Sätze wie ‚Wer kein Kapital hat, liest es‘ oder auch ,Freiheit für Grönland – weg mit dem Packeis‘ – geschrieben in einer Zeit, in der Freiheit für alles und jeden gefordert wurde.“

Über 200 Sprüche von den Wänden des AfE-Turms sammelte Schmude im Laufe seines Studiums. Nach seinem Diplom ließ er seine Sammlung zunächst ohne größere Ambitionen in fünf „Büchlein“ binden und reichte sie im Bekanntenkreis herum.

Schmudes Vater war derart begeistert, dass er seinen Sohn überredete, das Sammelsurium zu publizieren. Über eine Anzeige in der Zeitschrift des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels fand der junge Mann den kleinen R. G. Fischer-Verlag, der 1981 „Freiheit für Grönland – weg mit dem Packeis“ veröffentlichte.

Für Schmude völlig überraschend wurde der Band ein Erfolg und gehörte in den frühen 80ern zum Hausstand vieler Frankfurter Studierenden-WGs. Das Beste aber sei gewesen, dass sein Lieblingsdichter Robert Gernhardt ihn im Nachwort eines seiner Bücher erwähnt habe, meint Schmude. Gernhardt hatte die Sprüche-Sammlung in die Hände bekommen und war darin über eines seiner Zitate gestolpert: „Der Geier fraß die Wanderratte, bevor er sie geschändet hatte.“ Doch Gernhardt fühlte sich bemüßigt, den anonymen Schreiberling zu korrigieren: Nicht Geier müsse es heißen, sondern Adler.

Respekt vor dem Elfenbeinturm

Beflügelt vom Erfolg des Büchleins machte sich Albert Schmude noch im selben Jahr an eine Gesamtdokumentation der Turmsprüche. „Fünfmal bin ich die 33 Stockwerke hoch und runter gelaufen und habe jeden einzelnen Spruch aufgeschrieben – sogar in den Frauentoiletten“, erinnert sich Schmude. Für Schmude auch eine Art soziologische Feldforschung. Spiegelten die Kritzeleien doch jene Themen, die die Studierenden bewegten. „In gewisser Hinsicht zeichnen diese Sprüche das Bild einer Generation von Studenten.“ Ein Gros der „Graffitis“, wie Schmude sie nennt, habe sich um Politik gedreht: „Es ging um die Umgestaltung der Gesellschaft – da wurde die Räterepublik gefordert und bisweilen schon einmal zur Gewalt aufgerufen.“ Viele Sprüche beschäftigten sich aber auch mit ganz anderen Themen wie Liebe, Sexualität und Kunst. Manche Studierende schrieben sogar Gedichte auf die Wände des AfE-Turms.

Doch die Sprüche-Sammlung landete in der Schublade, als Schmude im selben Jahr seinen ersten 40-Stunden-Job antrat, und in der Schublade blieb sie 32 Jahre lang. Ihr Schöpfer machte derweil Karriere als „Berater für internationale Aus- und Weiterbildung“.

Doch vor dem Abriss des AfE-Turm fühlte sich der Sprüche-Chronist Albert Schmude noch einmal bemüßigt, seiner Alma Mater einen Besuch abzustatten. Wieder schleppte er sich durch das verwirrende Stockwerksystem des Turms. 125 Sprüche nahm er von diesem Streifzug mit – seine Favoriten darunter sind „Frankfurt du Opfa, gib Wohnraum“ und das riesige „Elfenbeinturm“-Graffiti an der Außenwand des obersten Stockwerks. In einem neuen Buch will er sie 125?Sprüchen von 1981 gegenüberstellen. „Im Gegensatz zu ‘81 scheinen die Studenten, heute außer der Politik nur noch ein Thema zu kennen: den Turm selbst.“

Auch wenn Schmude selbst kein Fan des 70er-Jahre-Baus ist, fühlt er sich dem AfE-Turm emotional verbunden, und das nicht nur, weil er ihm während seiner Schulzeit am Goethe-Gymnasium durch das Klassenzimmerfenster beim Wachsen zuschauen konnte, sondern auch, weil er so etwas wie „Respekt“ empfindet: „Vielleicht konnte die Kreativität, die sich in vielen der Sprüche zeigt, nur in einer so hässlichen Umgebung entstehen.“

Albert Schmudes Sprüchesammlung soll bis Ende des Jahres als Publikation des Universitätsarchivs erscheinen.

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