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Spielsucht Nächtelang im Internet

Gerade Internet- und Computerspielsüchtige zeigen häufig Entzugserscheinungen, spielen, um sich selbst zu beruhigen und schaffen es auch nach Bewusstwerden der Sucht nicht, dem Spiel fernzubleiben. Die Mainzer Universitätsmedizin therapiert erfolgreich Spielsüchtige.

31.03.2012 20:18
Moritz Zimmermann
Ständiger und süchtig machender Begleiter: der Computer. Foto: epd

Craving nennen Experten das unkontrollierbare Verlangen nach dem nächsten Spiel. Doch die Spielsucht hat viele Facetten. Die Ambulanz für Spielsucht der Universitätsmedizin Mainz untersucht die Symptome und bietet Spielsüchtigen eine spezielle kostenlose Therapie. Die ist Teil einer Studie, an der die Mainzer derzeit arbeiten.

Gerade Internet- und Computerspielsüchtige zeigen häufig Entzugserscheinungen, spielen, um sich selbst zu beruhigen und schaffen es auch nach Bewusstwerden der Sucht nicht, dem Spiel fernzubleiben. „Dabei geht es nicht um eine einzelne Verhaltensauffälligkeit, sondern um deren Masse“, sagt Michael Dreier von der Universitätsmedizin Mainz. Viele Betroffene leiden auch darunter, die Kontrolle zu verlieren. So werden aus geplanten fünf Minuten ganze Abende vor dem Computer.

Ein weiteres Sucht-Kriterium ist die Toleranzentwicklung, das heißt, dass dem Betroffenen immer mehr Spielzeit nötig erscheint, um die Freude am Spiel zu erhalten. Das beeinträchtigt häufig das persönliche Lebensumfeld, zum Beispiel die Leistungen in der Schule.

Im Rahmen einer überregionalen Studie bietet die Mainzer Ambulanz eine neuartige, speziell abgestimmte Verhaltenstherapie gegen die sogenannte substanzungebundene Sucht. Die Uni kooperiert dabei mit Behandlungszentren in Tübingen, Mannheim und Wien. „Die Therapie startet zu verschiedenen Zeitpunkten“, sagt Projektkoordinator Michael Dreier. Bis 2014 wird sie laufen.

Für die Behandelten ist die Therapie kostenlos. Die Ambulanz nimmt bei der Erforschung und Behandlung Spiel- und Internetsüchtiger in Deutschland eine Vorreiterrolle ein. Der Bund fördert die Therapie, die normalerweise deutlich über 2000 Euro kostet. Insgesamt können so an den vier Standorten 192 Patienten behandelt werden. Die Studie wird von Mainz aus koordiniert.

Die Verhaltenstherapie besteht aus 15 Gruppen- und acht Einzelsitzungen und soll dazu anregen, mehr Zeit für Hobbys, Sport oder das Treffen mit Freunden zu verwenden. Es sei nicht möglich, den Kontakt mit dem Internet ganz zu vermeiden, sagt Michael Dreier. Die Betroffenen erleben es dennoch als radikal, von ihrem Spiel oder den sozialen Netzwerken getrennt zu sein.

180 Tage nach Ablauf der viermonatigen Therapie gibt es eine Nacherhebung, auch währenddessen wird gemessen, welche Veränderungen bei den Patienten festzustellen sind. Anmelden können sich die Betroffenen selbst: „Es ist notwendig, dass die Leute selbstständig zu uns kommen“, sagt Dreier. Zwar entstehe der Erstkontakt oft über Eltern oder Freunde, doch anrufen müssten potenzielle Patienten selbst. Zwei Drittel zeigten nach der Therapie kein exzessives Nutzungsverhalten mehr. Dafür, dass die Sucht in Fachkreisen als neues gesellschaftliches Problem gilt, ein guter Prozentsatz, findet Dreier.

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