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Schreibwerkstatt Nachts in der Bibliothek

An der Goethe-Uni können Studenten bei der "Langen Nacht der Hausarbeiten" durchmachen und Büchern näherkommen.

Die mit den Hausarbeitern heult: Stephanie Dreyfürst. Foto: Boeckheler

An der Goethe-Uni können Studenten bei der "Langen Nacht der Hausarbeiten" durchmachen und Büchern näherkommen.

In der Nacht von Freitag auf Samstag (2./3. September) bleiben im Bibliothekszentrum Geisteswissenschaften (BZG) die Lichter an: Erstmals gibt es an der Goethe-Uni eine „Lange Nacht der Hausarbeiten“. Stephanie Dreyfürst, die Leiterin des Kompetenzzentrums Schreiben, stellt das Projekt vor. Die Einrichtung ist eine die Fachbereiche 6 bis 10 übergreifende Schreibwerkstatt.

Lange Nacht der Hausarbeiten – das klingt ungewöhnlich und lässt erst einmal an ein Bespaßungsprogramm für gelangweilte Studenten denken – oder eine besonders subtile Folter für angehende Wissenschaftler. Klären Sie uns auf: Was ist es?

Weder das eine noch das andere. Wir wollen den Studierenden einen inspirierenden Ort bieten, um Liegengebliebenes aufzuarbeiten, und ihnen mit einem Event einen positiven Anschub vermitteln. Wir wollen, ganz einfach gesagt, sie wieder mehr an die Bücher heranführen.

Studenten trauen sich nicht mehr an Bücher heran – ernsthaft?

Ja. Wir beobachten seit einiger Zeit, dass der Uni-Nachwuchs signifikant weniger mit Büchern arbeitet und weniger oft in Bibliotheken geht. Bei der Mediennutzung hat sich viel geändert, Buchbesitz ist nicht mehr so üblich wie früher. Damit geht auch eine ganz wichtige Voraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten verloren: Wie benutze ich Bücher professionell? Viele können schon nicht mehr mit einem Schlagwortverzeichnis umgehen oder kennen nicht einmal die verschiedenen Bucharten, etwa Lexika, Einführungen oder Handbücher zu bestimmten Wissensgebieten.

Da ist ein Abend oder eine Nacht in einer Bibliothek gewiss sinnvoll. Aber muss man dann auch noch gleich Hausarbeiten schreiben?

Wir verfolgen damit mehrere Ziele. Zum einen wollen wir die Uni als attraktiven Arbeitsort darstellen. Deshalb haben wir gezielt das BZG zum gemeinsamen Arbeiten ausgesucht. Das Motto dabei: Zusammen ist man weniger allein. Denn viele Studierende klagen über die anonyme Massenuni, gerade auf einem so großen Campus wie unserem. Zum anderen wollen wir mit so einem fixen Termin der „Aufschieberitis“ entgegenwirken. Das ist für viele Studierende ein großes Problem. Sie schlagen sich durch den Alltag, müssen Geld verdienen – und am Ende bleibt die wissenschaftliche Arbeit liegen.

Das heißt für den 2. September: Sie sperren die Studenten abends in die Bibliothek und schauen am Morgen, was herausgekommen ist?

Nein, da lassen wir sie natürlich nicht allein. Wir sind mit einem halben Dutzend Mitarbeitern vom Kompetenzzentrum und vom Internationalen Studienzentrum dabei. Die erklären zum Beispiel ganz konkret, wie man besser schreibt. Wissenschaftssprache kann durchaus korrekt und schön sein. Oder sie geben Tipps zum gelungenen Aufbau einer Hausarbeit oder Bachelor-Arbeit. Außer diesen Schreibtutoren haben spontan auch – und darüber habe ich mich besonders gefreut – eine Handvoll Professoren für die Lange Nacht zugesagt.

In Frankfurt ist es die erste dieser Art. Woher stammt die Idee?

Erstmals trafen sich 2010 in der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder Studierende, um gemeinsam zu arbeiten. Damals kamen zirka ein Dutzend Studierende zusammen. Bei uns waren die 40 Plätze für die Nacht jetzt flott überbucht. Ich habe schon zehn Tage vor dem Termin 70 Anmeldungen. Ein Zeichen, dass unser Angebot einen Nerv trifft.

Woher kommt dieses immense Interesse?

Ich denke, da steckt ein grundsätzliches Problem dahinter. Über das Schreiben, das Produzieren von Texten zu reden, ist selbst für Profis schwer. Mir hat vor Jahren, als ich mit dem Projekt Schreibberatung angefangen habe, mal ein emeritierter Professor gesagt: Wo liegt denn das Problem? Man liest sich einen Text durch – und weiß, wie es geht. Natürlich spielt der Imitatio-Gedanke auch heute eine Rolle. Aber viele schauen nur auf den inhaltlichen Aspekt. Das Formulieren, die gelungene Rhetorik, das kommt zu kurz. Viele merken erst beim Gegenlesen: Es ist sehr schwer, einen Gedanken unfallfrei aufs Papier zu bringen.

Und das schaffen die Teilnehmer nach dieser Nacht-Session?

Es gibt eine Studie, die besagt: Es braucht zehn bis zwölf Jahre, um perfekt wissenschaftlich schreiben zu können.

Das Interview führte Alexander Kraft

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