Lade Inhalte...

Rotkehlchen Forschung Navi im Kopf

Menschen brauchen Technik, um sich zu orientieren. Rotkehlchen haben den Kompass im rechten Auge, Jungtiere sogar gleich in beiden, wie Frankfurter Forscher herausgefunden haben.

07.09.2012 21:02
Astrid Ludwig
Flügeltest: Der Jungvogel stammt aus Skandinavien.

Das kleine Kerlchen passt in eine Hand. Ganz vorsichtig umschließt Doktorand Dennis Gehring mit seinen Fingern den zarten Vogelkörper. Schwarze Knopfaugen blicken über den Rand des Daumens, das Herz pulsiert. „Das ist ein Jungvogel“, erkennt Roswitha Wiltschko, Professorin am Institut für Ökologie, Evolution und Diversität der Goethe-Universität, mit einem Blick auf das Gefieder. „Das ist das Kinderkleid.“ Die Färbung ist noch nicht stark ausgeprägt, richtig rot wird die Brust erst bei erwachsenen Tieren.

So kurz hatte sich der kleine Piepmatz seinen Flug in den Süden wohl nicht vorgestellt. In der Dunkelheit losgeflogen – die Tiere sind Nachtzieher –, hatte das Rotkehlchen am Tag mitten in Frankfurt eine Rast eingelegt. Am ehemaligen Biocampus der Uni hat das Forscherpaar Wolfgang und Roswitha Wiltschko Laborräume. Den kleinen Vogel haben sie am Morgen eingefangen. „Wir tun dem Rotkehlchen nichts. Im Gegenteil. Bei uns werden Sie den Winter auf jeden Fall überstehen und im März freigelassen“, beeilt sich die Professorin zu erklären.

Dennis Gehring holt das Flügelmaß, breitet ganz behutsam die Schwingen des Vogels aus. 74 Millimeter misst der Flügel. Damit ist klar: Das Jungtier hat schon einen weiten Weg hinter sich – aus Skandinavien ist es hergeflogen. Dort werden die Tage bereits erheblich kürzer, das Licht spärlicher. In der Vogelwelt das Signal für den Aufbruch nach Süden, ans wärmere Mittelmeer. „Die Tiere nutzen den Nordostwind, der derzeit herrscht. Das bedeutet Rückenwind“, erklärt sie. Mit bis zu 50 Kilometern pro Stunde ist so ein kleiner Vogel unterwegs.

Flügellänge zeigt Herkunft an

Woran erkennen die Forscher, dass das Rotkehlchen aus dem Norden stammt? "Die Flügel von heimischen Rotkehlchen sind in der Regel nur 68 bis 70 Millimeter lang. Sie ziehen nicht so weit in den Süden, die meisten bleiben sogar den Winter über hier“, erklärt die Zoologin. Ihre Flügel sind daher kürzer.

Der weit gereiste Vogel verschwindet in einem Stoffsack. „Du arbeitest jetzt bei uns mit“, freut sich Roswitha Wiltschko. Sachte transportiert Dennis Gehring Proband Nummer 1 ins Gebäudeinnere. Ende der Reise – zumindest bis zum nächsten Frühjahr. Stattdessen wird der kleine Kerl nun dazu beitragen, die letzten Reste der Rätsel zu entschlüsseln, die der Orientierungssinn von Vögeln den Wissenschaftlern noch aufgibt.

Rotkehlchen sind dafür gut geeignet. Sie kommen häufig in der Natur vor „und sie gewöhnen sich gut ein im Käfig“, erzählt die Forscherin. Gehalten werden sie in Einzelkäfigen. Die putzigen Gesellen mit der roten Brust sind nämlich gar nicht so nett wie sie aussehen. „Rotkehlchen sind Einzelgänger und können ganz schön bösartig zu ihren Artgenossen sein“, erzählt Roswitha Wiltschko. Daher müssen sie voneinander getrennt werden.

Die Untersuchungen der Forscher drehen sich alle um das Navigationsvermögen der Tiere. Roswitha und Wolfgang Wiltschko führen in einen Laborraum im Untergeschoss des alten Klinkerbaus der Zoologie. Dort steht das Modell eines Trichters, ausgekleidet mit einer Art Thermofolie. Die eigentlichen Versuche finden in Holzhütten in einem Garten statt, wo das Magnetfeld der Erde weitgehend ungestört ist. Dabei simuliert das Paar die Zeit, wenn im Süden die Tage länger werden und die Vögel zurück in ihre nördliche Heimat fliegen. „Ab Januar geben wir mehr Licht, nicht mehr nur acht, sondern 13 Stunden am Tag“, so die Professorin. Das stimuliert das Zugverhalten.

Die Rotkehlchen werden einzeln in den Trichter gesetzt. Aufgrund ihres Bewegungsdrangs kratzen sie an dem Papier und zwar in der Richtung, in der sie draußen ziehen würden. Im Frühjahr kratzen sie vermehrt an der Stelle des Trichters, die nach Norden zeigt, im Herbst am Rand, der nach Süden ausgerichtet ist.

Kompass im Auge

Sie orientieren sich dabei am Magnetfeld der Erde. Erwachsene Zugvögel besitzen einen Magnetkompass im rechten Auge. Das Forscherpaar hat zusammen mit Doktorand Dennis Gehring jetzt jedoch herausgefunden, dass bei Jungtieren dieser Kompass sogar in beiden Augen ausgebildet ist. Bei ihrem ersten Zug orientieren sie sich mit beiden Augen. Im darauffolgenden Frühjahr ist diese Fähigkeit schon mehr auf das rechte Auge verlagert. „Sie ist aber noch flexibel“, sagt Roswitha Wiltschko.

Das haben Versuche gezeigt. Sechs Stunden lang deckten die Forscher dazu das rechte Auge der jungen Rotkehlchen ab. Danach war der Kompass auch wieder im linken Auge aktiv. Beim Vogelflug im folgenden Herbst ist der Navigationssinn dann aber sehr stark auf das rechte Auge und somit die linke Gehirnhälfte festgelegt. „Wir wissen nicht genau warum, aber wahrscheinlich ist, dass auf diese Weise Areale in der anderen Gehirnhälfte entlastet werden und für andere Aufgaben genutzt werden können“, sagt Roswitha Wiltschko. Also eine Art Entwicklungsprozess, um die Gehirnleistung des Rotkehlchens zu steigern. Lateralisation nennen Wissenschaftler die Verlagerung bestimmter Leistungen auf die linke oder rechte Hirnhälfte. Auch das menschliche Gehirn arbeitet so.

Die Wiltschkos sind in der Vogelforschung Koryphäen. Wolfgang Wiltschko gilt als einer der Pioniere. Seit den 1960er Jahren arbeitet der heute 74-Jährige an der Goethe-Uni als Zoologe und Verhaltensforscher. Er hat als Erster nachgewiesen, dass sich Vögel am Erdmagnetfeld orientieren und über einen Magnetkompass verfügen. 1972 hat das Paar zudem entdeckt, dass dieser Kompass nicht auf die Polarität des Magnetfeldes reagiert, sondern dass Rotkehlchen sich nach den Feldlinien richten. Die Feldlinien verlaufen hier bei uns in Richtung Norden nach unten, zum Äquator hin nach oben.

Das Paar ist emeritiert, doch von der Forschung können sie nicht lassen. Sogar auf dem Weg zum Bäcker hat Wolfgang Wiltschko immer ein Fernglas dabei. Es könnte ja ein Vogel auftauchen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen