Lade Inhalte...

Römer bei Groß-Gerau Wer hier sucht, der findet

Archäologen graben im Hessischen Ried, wo zur Zeit von Claudius und Nero römische Legionäre den ersten Schritt über den Rhein machten.

Das Grabungsfeld bei Wallerstädten – und die am Donnerstag gefundene Terrakotta-Figur, die Minerva oder Mars darstellt. Foto: A. Arnold

Herr Maurer, Herr Maurer, kommen Sie schnell! Wir haben hier was gefunden!“ Ganz aufgeregt klingen Alicia Sosnowski und Per Versock. Er steht in einer kleinen Grube und reicht ihr den Kopf einer filigranen Terrakotta-Statue hoch – um gleich darauf in schallendes Gelächter auszubrechen. Aber nicht etwa, weil er den Ausgrabungsleiter uzen will. Sondern weil die beiden die Szene jetzt schon zum dritten Mal spielen müssen. Damit der Hörfunk etwas zu senden hat.

Doch was sie da nachstellen, hat sich wenige Minuten zuvor tatsächlich zugetragen. Die Statue haben sie aus dem Schutt herausgepult, den sie aus einem uralten römischen Brunnen bergen. Vorsichtig trägt Versock Erde von dem Grabungsschnitt ab und wirft sie in eine Schubkarre, seine Kommilitonin überwacht den Aushub und vermisst die Funde.

Das ist zurzeit das Tagwerk der Studenten vom Fach „Archäologie und Geschichte der römischen Provinzen“ der Goethe-Universität. Sie sind mitten in einer Grabungskampagne im Hessischen Ried – und Grabungsleiter Thomas Maurer sowie sein Chef, Professor Hans-Markus von Kaenel, sind hoch erfreut, sozusagen live einen „bemerkenswerten“ Fund präsentieren zu können.

Wobei: Das ist kein Einzelfall. Die Frankfurter Forscher wussten sehr genau, dass sie westlich von Groß-Gerau-Wallerstädten auf reichlich Material stoßen würden. „Wir erkunden seit mehr als zehn Jahren das Areal“, erläutert von Kaenel. Damals waren 23 Fundstellen bekannt, nun seien es 200. Die aktuelle Grabung verfolgt zwei Ziele: Zum einen natürlich die Kenntnisse erweitern – zum andern lernen die 24 beteiligten Studenten aus allen Semestern das archäologische Handwerk.

Die Forscher aus Frankfurt hegten einen bestimmten Verdacht

Bevor die Wissenschaftler mit Schaufel und Spachtel im Juli erstmals loszogen, wurde das Gelände in den Gemarkungen Biebelslache und Am Schafsteg genauestens „prospektiert“. Mit allen Mitteln der modernen Archäologie: Luftbild-Auswertung, Suche mit Metallsonden, geophysikalische Messungen, um magnetische Anomalien aufzuspüren. Eine Rolle spielte aber auch das Wissen, dass die ortsansässige Bevölkerung schon seit langem von umgepflügten Äckern römische Fundstücke geklaubt hat.

Fast wie Kriminalisten sind die Altertumsforscher vorgegangen. „Wir hatten da einen bestimmten Verdacht“, erzählt Maurer. Das Gebiet liegt an einem kleinen Wasserlauf, dem Landgraben. „Ein Kanal aus dem 16. Jahrhundert“ – aber der könnte auch noch älter sein, womöglich römisch. „Um Waren zu transportieren, war vor 2000 Jahren ein Wasserweg die einfachste Methode.“ Weitere Indizien lieferten die Gemarkungsnamen. Zum Grabungsareal führt eine Gasse, die „Am Häuserfeld“ heißt. Und Biebelslache weist im Mittelalter auf ein von Wasser umflossenes Stück Land hin. Genau in diesem etwa 2500 Quadratmeter großen Geviert stand, da sind sich die Frankfurter sehr sicher, das eigentliche Römerkastell. Eventuell umgeben von einem tiefen Graben, in dem später das Wasser stand. Wenn die Forscher nun drum herum auf einer Fläche von bald 50 Hektar um Funde wissen, dann stammen die von Siedlungen aus mehreren Jahrhunderten. Die breiteten sich, typisch für römische Armee-Einrichtungen, im Umfeld aus.

Römische und Germanische Keramik gibt es hier gleichermaßen

Ein Truppenlager innerhalb der wohl bekanntesten Grenze des römischen Reiches, dem Limes – das klingt für den Laien erst mal nicht so spannend. Doch Professor von Kaenel widerspricht: „Der Knüller ist der Zeitpunkt!“ Das befestigte Lager existierte in der Zeit von 40 bis 70 nach Christus – und sei damit wohl Vorgänger des schon lange bekannten und dokumentierten Kastells Auf Esch bei Groß-Gerau. Mehr noch: Mit den auf dauerhafte Besiedlung angelegten Fachwerkhäusern markierte es wohl schon zu Zeiten von Claudius und Nero den ersten ernsthaften Schritt der Römer über den Rhein auf hessisches Gebiet. Ausgangspunkt war das riesige Militärlager Mogontiacum (Mainz).

Als vielleicht spannendste Erkenntnis der Grabung, die sich auf drei Stellen mit rund 600 Quadratmetern konzentriert, nennt Maurer das gemeinsame Vorkommen von römischer und germanischer Keramik. Im Landstrich östlich des Rheins begannen sich die Kulturen zu mischen. „Wir wollen ja die Lebensweise der damaligen Bevölkerung rekonstruieren.“ Die Form der Keramik könnte sogar auf Menschen aus dem Elbe-Gebiet hinweisen. „Die wurden vielleicht von den Römern da angesiedelt“ – aber Genaueres lasse sich erst sagen, wenn die Funde der gesamten Grabung, die noch zwei Wochen dauert, ausgewertet seien.

Auf dem Weg zur zweiten großen Fundstelle, wo allem Anschein nach ein Ofen stand, liest er im Vorübergehen eine Scherbe auf: „Das ist römische Terra sigillata“, so haltbar, dass sie auch an der Oberfläche überdauert. Anders die Keramik aus germanischer Produktion. Die halte sich nur in der Erde. Deshalb hat Neuling Versock als Erstes gelernt: „Alles sammeln. Wegwerfen kann man später“ – und füllt fleißig die Schubkarre.

Öffentliche Führung: Am Montag , 12. September, kann ab 14 Uhr die Grabung besichtigt werden. Treff am Camp: Wallerstädten, verlängerte Gasse Am Häuserfeld, Vogelschutzgehölz Biebelslache.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen