Lade Inhalte...

Professor mit Handicap Ich hatte es leicht im Leben

Der Marburger Politikprofessor Thomas Noetzel kommt immer zu zweit: Ein Mobilitätsassistent ist stets bei ihm - denn Noetzel kann nur Kopf und Hände bewegen.

Immer nahe am Mobilitätsassistenten: Thomas Noetzel. Foto: Rolf K. Wegst

Für die 300 Studierenden im Hörsaal der Marburger Philipps-Universität ist Thomas Noetzel ein fast normaler Professor: Kenntnisreich und amüsant spricht er über das Problem der individuellen Freiheit bei Jean-Jacques Rousseau. Doch der Politikwissenschaftler hat eine schwere Behinderung. Er kann nur seinen Kopf und seine Hände bewegen. Fast rund um die Uhr helfen ihm Mobilitätsassistenten wie Iuza Murghulia, seinen Alltag zu bewältigen.

Der 29-jährige BWL-Student aus Georgien sitzt in der Vorlesung unauffällig neben ihm. Er angelt die Unterlagen aus der Tasche des Professors, stellt das Mikrofon ein, rückt Noetzels Arm zurecht und bedient den Computer. Bei den Veranstaltungen ist der Student besonders gern dabei: „Er macht seriöse Themen so lustig“, sagt der 29-Jährige.

Noetzel leidet seit seiner Geburt unter Muskeldystrophie. Das bedeutet, dass ihm ein Enzym fehlt, so dass sich seine Muskeln kaum zusammenziehen können. Richtig laufen hat er nie gelernt, konnte sich in der frühen Kindheit aber noch mit Krücken fortbewegen. Ein trauriges oder verzweifeltes Kind sei er aber nicht gewesen, versichert Noetzel. Er sei nur mehr auf die Familie angewiesen gewesen: „Den Freiraum in der Peergroup hatte ich nicht.“

Für seine Eltern – eine Krankenschwester und ein kaufmännischer Angestellter – war es jedoch selbstverständlich, dass auch das jüngste ihrer vier Kinder auf eine normale Schule ging. In den 60er Jahren, als die schulische Integration von Behinderten noch weitgehend unbekannt war, besuchte Thomas Noetzel Volksschule, Realschule und schließlich die gymnasiale Oberstufe. Dort war er jeweils der erste Behinderte. Doch die Eltern förderten ihn sehr, und er konnte seinen Rollstuhl damals noch selbst antreiben. Er wurde das erste Mitglied seiner Familie, das studierte.

Psychiatrie hätte ihn auch gereizt

Nach Marburg verschlug es ihn, weil die Universitätsstadt damals das bundesweit einzige Studierendenwohnheim hatte, das auch für Rollifahrer zugänglich war. Er engagierte sich in der Juso-Hochschulgruppe und studierte schnell. „Ich habe Interesse am Verstehen“, erklärt Noetzel. Wäre er nicht Politikwissenschaftler geworden, hätte ihn der Beruf des Psychiaters gereizt. „Wenn man sich mit Politikern beschäftigt, muss man Verrückte verstehen“, sagt er.

Der Nordirlandkonflikt sei so eine verrückte, eigentlich nicht zu begreifende Angelegenheit. Noetzel ist Experte für die politischen Systeme Großbritanniens und Irlands. Er promovierte über britische Spione der 30er und 40er Jahre. Er schrieb über die Geschichte Irlands und die Ära Thatcher.

In England gewesen ist er jedoch nie: „Das ist ein Nachteil der Behinderung“, sagt Noetzel: „Mein Radius reicht nur etwa 900 Kilometer.“ Die Fluggesellschaften bestehen darauf, dass er den Rollstuhl verlässt, und die Autoreise über den Kanal ist für ihn zu anstrengend. Aber: „Im Kopf war ich oft da“, sagt der Professor.

Bei seiner wissenschaftlichen Karriere habe er das Glück gehabt, auf Menschen zu treffen, die ihn förderten. Noetzel stieg relativ schnell zum wissenschaftlichen Mitarbeiter, Assistenten, Hochschuldozenten und schließlich zum Professor in Marburg auf. Seit 2002 hat er die ordentliche Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte inne. „Zufall“ nennt er die wissenschaftliche Karriere: „Ich sitze gern und denke nach.“

„Er arbeitet viel und ist ein ganz kluger Mensch“, sagen die Kollegen. Zwölf Bücher und zahlreiche Aufsätze hat er in den vergangenen Jahren geschrieben. Dabei schreckt er auch vor Themen wie „Zombies“ und „Befreite Sexualität“ nicht zurück.

Die Behinderung macht anderen Angst

Wer ihn in seinem Büro in der Philosophischen Fakultät besucht, trifft ihn nie allein an. Ob Studierenden-Sprechstunde, Arbeitsgespräche mit Professoren oder Kolloquien – einer der drei Mobilitätsassistenten ist immer dabei. „Ich komme immer zu zweit“, sagt Noetzel lächelnd.

Und er braucht – vor allem morgens – mehr Zeit, um sich auf seinen Arbeitstag vorzubereiten. Lehrveranstaltungen legt er sich daher ungern vor 14 Uhr. „Barrierefreiheit ist immer noch eine Utopie“, sagt der 53-Jährige. Wenn seine Kollegen aus der Soziologie eine Sitzung in ihrem Institut in der Ketzerbach anberaumen, muss sie ohne ihn stattfinden. Die engen Treppen sind für ihn unüberwindlich.

Wenig Verständnis hat er auch dafür, dass die Behindertenparkplätze vor der Philosophischen Fakultät während des vergangenen Winters nicht geräumt wurden. Als Rollifahrer blieb er im Schnee schlicht stecken.

Doch die zuständigen Abteilungen schoben sich die Verantwortung gegenseitig zu. Das Problem wurde erst durch die Schneeschmelze gelöst.

Immer wieder begegnen ihm auch „ignorante Menschen“. Er trifft sie oft auf Wissenschaftlerkongressen. Sie wagten aus Verunsicherung mitunter kaum, ihn anzusprechen: „Behinderung konfrontiert Menschen mit der eigenen Verletzbarkeit“, erklärt Noetzel: „Das macht Angst.“

Er selbst möchte seiner Behinderung nicht mehr Bedeutung als nötig beimessen. „Man kann die Krankheit nicht überwinden. Man muss mit ihr leben“, sagt der 53-Jährige.

Das gelte oft auch für gesellschaftliche Probleme, ergänzt der Experte. Wer sie ein für alle Mal lösen wolle, richte oft besonders viel Unheil an. Auch da plädiert er dafür, mit Unvollkommenheit zu leben.

Grund zur Verzweiflung sieht er nicht. Seit 14 Jahren ist er mit einer Ärztin verheiratet. „Ich hatte es leicht im Leben“, sagt Noetzel: „Ich hatte Liebe, Zufall und Glück. So viel Glück, dass ich schon deshalb nie im Lotto gewinnen werde.“ Trotzdem spielt er manchmal.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen