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"Outing"-Aktion Ruhr-Universität Bochum (RUB) Mein Kommilitone, der Neonazi

Rund 20 junge Leute in Weihnachtsmann-Kostümen betraten kürzlich einen Hörsaal der Ruhr-Universität Bochum. Mit solchen Aktionen, meist „Outings“ genannt, versuchen Antifa-Aktivisten, Neonazis in ihrem Wohn- oder Arbeitsumfeld bloßzustellen.

Aktivisten machen im Hörsaal auf Nazis aufmerksam. Die Aktionen sind umstritten (Symbolfoto). Foto: picture alliance / dpa

Rund 20 junge Leute in Weihnachtsmann-Kostümen betraten kürzlich einen Hörsaal der Ruhr-Universität Bochum. Mit solchen Aktionen, meist „Outings“ genannt, versuchen Antifa-Aktivisten, Neonazis in ihrem Wohn- oder Arbeitsumfeld bloßzustellen.

Der Auftritt kam unerwartet. Rund 20 junge Leute in Weihnachtsmann-Kostümen, teilweise mit Masken vorm Gesicht, betraten kürzlich einen Hörsaal der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Zum Erstaunen der Studierenden und ihres Professors begannen sie damit, Flugblätter zu verteilen und einen Redebeitrag zu verlesen. Ihr Ziel: Auf Michael Brück hinzuweisen, Student der RUB, bekannter Rechtsextremer und Kader der Neonazi-Partei „Die Rechte“, der ebenfalls im Hörsaal saß. Mit solchen Aktionen, meist „Outings“ genannt, versuchen Antifa-Aktivisten, Neonazis in ihrem Wohn- oder Arbeitsumfeld bloßzustellen. Mittlerweile tun sie das auch an Hochschulen – für die Unis eine schwierige Situation.

In Bochum hat die Aktion einigen Wirbel erzeugt, zumal sie in einem regelrechten Handgemenge mündete. Die Polizei ermittelt wegen Landfriedensbruch und Körperverletzung gegen die linken Aktivisten. Diese betonen, ihre Intention sei die „kreative und friedliche Aufklärung über einen bekannten Neonazi-Kader“ gewesen. Die Handgreiflichkeiten seien von dem Juraprofessor Georg Borges ausgegangen, der die Aktivisten aggressiv angebrüllt und dann versucht habe, sie aus dem Hörsaal zu schubsen.

Eine Grenze überschritten

Das Rektorat der RUB spricht dagegen von einem „tätlichen Angriff“ auf Borges und vom „gezielten Anprangern eines Jura-Studenten in der Vorlesung“. Beides verurteile man aufs Schärfste. „Jedwede Form von Gewaltanwendung ist absolut inakzeptabel“, sagte Rektor Elmar Weiler. „Wir tragen als Universität die Verantwortung dafür, dass sich jeder auf dem Campus sicher fühlen und frei bewegen kann.“ Rechtsextreme Gedanken hätten an der RUB keinen Platz, so Weiler – „aber unsere Methode in der Auseinandersetzung damit ist der Diskurs und nicht Menschenhetze und Gewalt.“

Auch Borges selbst berichtet der Frankfurter Rundschau, die Gewalt sei von den Aktivisten ausgegangen. Als er versucht habe, deren Sprecher aus dem Saal zu drängen, sei er von einem anderen Mann ins Gesicht geschlagen worden, so der Professor für Bürgerliches Recht und Wirtschaftsrecht. Er verurteile Neonazis eindeutig. „Ich bemühe mich, den Studenten das internationale Recht und die Vorteile einer offenen Gesellschaft nahezubringen.“ Aber die Antifa habe durch das Angehen eines Einzelnen eine Grenze überschritten.

Den betreffenden Studenten kenne er übrigens nicht näher, so Borges. Der Mann sei vorher nie aufgefallen. Was Brück außerhalb seiner Lehrveranstaltungen tue, gehe ihn nichts an, sagt Borges. Es sei seine Dienstpflicht als Hochschullehrer, ihn zu unterrichten: „Wenn dieser Mensch als Student eingeschrieben ist, darf er da sitzen.“

Dass Professor und Hochschulleitung sich von Nazis distanzieren, ihren Studenten Michael Brück aber gegen Proteste in Schutz nehmen, ist nicht unproblematisch: Brück ist kein Mitläufer, sondern ein Strippenzieher der rechtsextremen Szene. Er gilt als einer der Köpfe der 2012 verbotenen Kameradschaft „Nationaler Widerstand Dortmund“. Für Die Rechte, die Partei des Hamburger Nazifunktionärs Christian Worch, tritt er im Mai 2014 zur Kommunalwahl in Dortmund an – neben Siegfried Borchardt, genannt „SS-Siggi“, berüchtigter Kopf der gewaltbereiten Kameradschaftsszene. Und das Wahlprogramm der Partei ist deutlich: Die „Überfremdung Dortmunds“ durch die „Invasion aus Osteuropa“ müsse gestoppt werden, Homosexuelle verdienten keine Gleichstellung. Zudem fordern die Neonazis: „Volksgemeinschaft statt Ellenbogengesellschaft“.

Wie solche Aussagen mit den Werten einer Hochschule vereinbar sein sollen, fragt nicht nur das bekannte Weblog „Ruhrbarone“, das von mehreren Journalisten aus dem Ruhrgebiet betrieben wird: „Zur eigentlichen Frage, ob und wie man mit aktiven Neonazikadern auf dem Campus umgehen will, äußert sich die RUB gar nicht“, kritisiert das Portal – eine Frage, die etwa im Hinblick auf ausländische Studierende in der Tat brisant ist.
Eine ähnliche Kritik war schon im November in Hannover zu hören, nachdem die Verantwortlichen der dortigen Universität sich von einer Outing-Aktion gegen die Studentin und NPD-Funktionärin Christina Krieger distanziert hatten. „Wir werden nicht zulassen, dass in der Universität oder anderswo Personen wegen ihrer politischen Gesinnung gebrandmarkt werden“, hatte der Dekan der Philosophischen Fakultät der Uni Hannover, Harry Noormann, Medienvertretern gesagt – und sich damit den Vorwurf der SPD-Ratsfraktion eingehandelt, NPD-Frau Krieger in die „Opferrolle“ zu bringen.

Hochschule kann nichts unternehmen

Wie schwer es den Hochschulen fällt, mit Outing-Aktionen gegen rechtsextreme Studierende umzugehen, zeigt sich auch an der Uni Gießen: Mitte November hatten Unbekannte dort großflächig Plakate verklebt, auf denen mit Porträtfotos und vollem Namen auf ein Mitglied der Neonaziszene im mittelhessischen Lumdatal hingewiesen wurde – der junge Mann studiert in Gießen.

Unipräsident Joybrato Mukherjee sagte der FR dazu, man habe die Plakate entfernen lassen. Für den geouteten Neonazi habe die Aktion keine Konsequenzen, auch wenn man ihn jetzt im Auge behalte. „Wir können und wollen nur aktiv werden, wenn wir im universitären Raum ein Verhalten sehen, dass uns dafür eine Handhabe gäbe“, so Mukherjee. Wenn ein Student außerhalb seines Studiums in einer rechtsradikalen Gruppierung aktiv sei, könne die Hochschule dagegen nichts unternehmen: „Es gibt Dinge, auf die wir schlicht rechtlich nicht reagieren können.“

Ob diese Haltung der Unis, die sich in Bochum, Hannover und Gießen ähnelt, auf Dauer ausreicht? Die Ruhruniversität sieht mittlerweile immerhin Handlungsbedarf: Gemeinsam mit dem Asta, so teilt die Hochschule mit, werde man ab Sommersemester 2014 eine Kampagne gegen Rechtsextremismus starten.

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