Lade Inhalte...

Musikhochschule Hohe Kunst für kleines Geld

An der Musikhochschule lehren immer mehr freie Dozenten zu schlechten Bedingungen. Die finanziellen Bedingungen sind jetzt auch Thema im Landtag.

30.05.2012 22:05
Katharina Sperber
Liebt ihren Beruf, möchte aber angemessen bezahlt werden: Sopranistin und Lehrbeauftragte Carola Schlüter. Foto: Andreas Arnold

An der Musikhochschule lehren immer mehr freie Dozenten zu schlechten Bedingungen. Die finanziellen Bedingungen sind jetzt auch Thema im Landtag.

Für Carola Schlüter ist die Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) wie eine „wunderschöne gotische Kathedrale mit einer großartigen Akustik“. An der Hochschule studiere „eine junge internationale Künstlerelite“ verschiedenste Instrumente, Gesang, Tanz, Schauspiel oder Kulturmanagement. Und die Sopranistin Schlüter, spezialisiert auf Neue Musik, ist eine derjenigen, die die hoffnungsvollen Talente ausbilden, und sie ist stolz darauf: „Ich habe einen wundervollen Beruf.“ Sie unterrichtet Gesang und Neue Vokalmusik.

Allerdings nicht als fest angestellte Professorin, sondern als Lehrbeauftragte mit einem sehr spärlichen Einkommen. 64 Prozent der Lehre an der Musikhochschule werden inzwischen von Lehrbeauftragten geleistet. Das Gros der 380 Künstler erhält 32,98 Euro pro Stunde, das ist nur etwa ein Drittel des Stundensatzes eines W2-Professors (die unterste Stufe auf der Professorenskala).

Ihre aufgezwungene prekäre Lage finden Carola Schlüter und ihre Kollegen „ungerecht“. „Wir sind die Stützpfeiler der Kathedrale. Gäbe es uns nicht, würde sie einstürzen“, sagt die Sängerin. Denn sie und ihre Kollegen hätten keine andere Ausbildung genossen als ihre fest angestellten Kollegen und lehrten auch nicht weniger engagiert. „Es ist hundert Prozent dasselbe“, sagt Schlüter.

Jetzt beschäftigt sich auch der Hessische Landtag mit der wachsenden Ausbeutung von hoch qualifiziertem Personal. Die SPD-Fraktion hat am Dienstag einen Berichtsantrag gestellt, in dem die Landesregierung aufgefordert wird, eine Bestandsaufnahme an der HfMDK und an den Universitäten Kassel, Gießen und Frankfurt zu liefern. Damit auf dieser Grundlage womöglich Besserungen eingeleitet werden könnten. Selbst das Kultusministerium sieht das Problem, wie und wann es gelöst werden kann, stehe aber in den Sternen.

Ein unhaltbarer Zustand für die Lehrbeauftragten. Aber im Grunde auch für die Festangestellten. Mit 36 Prozent des Lehrkörpers an der HfMDK sind sie inzwischen die Minderheit. Das bedauert auch Hochschulpräsident Thomas Rietschel. Die Festangestellten müssen neben der Lehre auch die Selbstverwaltung der Hochschule organisieren. Je weniger Festangestellte es jedoch gibt, desto mehr Verwaltungsarbeit muss die Minderheit schultern. Auch das ist nicht gerecht. Würde gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt, könnte die Arbeit besser verteilt werden, sagt Carola Schlüter.

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigen Hochschulen und Universitäten im Land Lehrbeauftragte – in zunehmender Zahl. Was zu Beginn als gute Ausnahme gedacht war, um beispielsweise einen Praxisbezug für die Studierenden herzustellen, ist zur schlechten Regel geworden. Die Hochschulen bieten ihren Studierenden immer mehr an. Dafür brauchen sie qualifizierte Lehrer. Und weil das Geld knapp ist, werden nicht mehr Professorenstellen geschaffen, sondern die Mehrarbeit durch Lehrbeauftragte erledigt. Sie würden diese gern tun, sagt Carola Schlüter, wenn sie nicht nur mit einem Billiglohn abgespeist würden und in stetiger Unsicherheit leben müssten. Denn auf eine Verlängerung ihrer von Semester zu Semester neu zu vergebenden Lehraufträge haben sie keinen Rechtsanspruch. Jederzeit können sie ganz ohne Job auf der Straße stehen.

Lehrbeauftragte dürfen während eines Semesters nicht mehr als acht Stunden in der Woche lehren, Vorbereitungszeit wird nicht bezahlt, Urlaub auch nicht, und sind sie krank, bekommen sie auch nichts. Nur ein einziges Mal in 30 Jahren wurde ihr Salär um drei Prozent erhöht.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum