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Kongress mit Amendt Und Gerhard ging zum Regenbogen

Die umstrittene Tagung „Familienkonflikte gewaltfrei austragen“ führt zu einem bunten Protest auf dem Campus Westend. Kritik gibt es auch an der Uni-Leitung.

Demo gegen  Kongress
Sprechen nicht miteinander: der Soziologe Amendt im Gebäude, die Demonstranten davor. Foto: Rolf Oeser

Jaja, die Wissenschaft. Sie lädt ein zu Diskurs und Gedankenexperimenten. Etwa diesem: Mal angenommen, ein schwuler Student sei in hoffnungsloser Liebe zu dem für seine 78 Lenze noch sehr knusperen Soziologen Gerhard Amendt entflammt. Steckte man diesen Studenten nun in eine Kiste und gäbe ihm Amendts Aufsatz „Verständigung über Pädophilie“ als Lektüre mit, so würde er spätestens nach dem Satz „So kann Duldung dazu führen, dass das Selbstbild des Perversen auf die Gesellschaft ausgedehnt wird, etwa wenn Ehelichkeit und Elternschaft für Homosexuelle gefordert werden …“ wie ein Springteufel aus der Kiste hüpfen und „Na, von dem bin ich geheilt!“ rufen.

Während seiner unbeobachteten Zeit in der Kiste aber befände der Student sich aus wissenschaftlicher Sicht zeitgleich in den Zuständen „verliebt“ und „geheilt“. Das funktioniert aber nur in der quantenmechanischen Theorie.

In der klassischen Physik sind am Samstagmittag die Zustände klar definiert. Drinnen im Hörsaalzentrum: Amendt und sein umstrittener Kongress „Familienkonflikte gewaltfrei austragen“. Eintritt nur für geladene Teilnehmer. Das Gebäude ist gut gesichert: Metallgitter, ein paar Dutzend Polizisten. Ein Schild informiert: „Sturm-und-Drang-Zugang nur über die Terrasse“. Das bezieht sich auf die Cafeteria „Sturm und Drang“, wirkt aber auch deeskalierend.

Draußen vor der Tür: eine bunte Hundertschaft an Gegendemonstranten. Viele Regenbogenfahnen. Auch prominente Vertreter subkultureller Minderheiten sind gekommen: Thomas Bäppler-Wolf hat sich neben einer SPD-Flagge postiert. Am Mikrofon fordert Juri Ghofrani-Azar für den Asta „wissenschaftlichen Diskurs“ ein. Man habe Amendt so eine Art Kurztrip nach Canossa angeboten: Er dürfe gerne mit den Demonstranten reden, wen er sich für seine umstrittenen Äußerungen entschuldige. Amendt habe abgelehnt. „Schmeißt Konfetti, keine Steine“, ruft Ghofrani-Azar seinen Hörern zu, die beides lassen. Die Warnung kommt nicht von ungefähr: Am Vorabend hatten Demonstranten Amendts Eröffnungsrede per Feueralarm kurz unterbrochen.

Es hagelt Kritik

Es hagelt Kritik seitens der Redner. An den Tagungsteilnehmern und den Organisatoren, die ungute Verbindungen zur neuen Rechten und so unappetitlichen Veranstaltungen wie der „Demo für alle“ hätten. An Amendt, der wiederholt mit einem Satz zitiert wird, in dem Homosexualität und Pädophilie recht nahe beieinander sind. Der im Vorfeld der Veranstaltung Protestierer und Medien mit einer Flut von Unterlassungsklagen überzogen habe, was man ihn alles nicht heißen dürfe. An der Uni-Leitung, die diese Veranstaltung mit dem Hinweis auf einen rechtmäßigen Mietvertrag gnadenlos durchziehe.

Ein bisschen kommt nun auch der wissenschaftliche Diskurs in Schwung. „Na, macht’s Spaß, den Arschlöchern zuzuhören“, keift eine Demonstrantin eine Tagungsteilnehmerin an, die das Gebäude zur Mittagspause verlässt. „Ich möchte nicht so doof angemacht werden“, keift die zurück. Kein Adorno-Niveau, aber ein Anfang.

Amendt selbst hält den Protest und den freitäglichen Feueralarm für einen „Ausdruck der Sprachlosigkeit“. Man solle „viel mehr miteinander sprechen“, sagt der Soziologe. Die Vorwürfe gegen ihn seien Quatsch, von ihm aus könne jeder so schwul sein wie und überhaupt machen, was er wolle, solange er keinen anderen schädige. Ob Homosexualität eine Krankheit oder eine Perversion sei? „Nein“, antwortet Amendt. Aber ohne ein Aber geht’s wohl nicht. „Aber das ist auch uninteressant.“ Das macht dann aber auch den wissenschaftlichen Diskurs ein bisschen obsolet.

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