Lade Inhalte...

Jüdisches Leben in Frankfurt Selbsterhaltung mit Tradition

Andreas Gotzmann erhält den Rosl- und Paul-Arnsberg-Preis für Beiträge zur Erforschung jüdischen Lebens in Frankfurt.

19.08.2010 09:07
Matthias Arning
Andreas Gotzmann, Wissenschaftler aus Erfurt, ist mit dem Rosl-und-Paul-Arnsberg-Preis der Polytechnischen Stiftung Frankfurt ausgezeichnet worden. Foto: Andreas Arnold

Flexibel und autonom müssen sie gewesen sein. Anders kann sich Andreas Gotzmann gar nicht vorstellen, „wie eine doch recht kleine jüdische Gemeinde wie die in Frankfurt am Main sich so gut auf die Moderne einstellen konnte“. Der Historiker stützt sich auf seine Studien zur Kulturgeschichte jüdischer Autonomie in der Frühen Neuzeit. Einblicke, die er sich vor allem anhand des Materials aus den Gemeinden in Prag und in Frankfurt am Main habe verschaffen können.

Ergebnis: Mit einer „guten Startposition für die Anforderungen der Moderne“ hätten gerade die Frankfurter gewinnen können, weil sie dem Neuen gegenüber durchaus aufgeschlossen gewesen seien, gleichzeitig aber auch auf Rückversicherungen im Traditionellen, aus dem so etwas wie kollektive Identität habe entstehen können, immer auch vertraut hätten, um Orientierung zu finden.

Jetzt hat Gotzmann für seine mehr als 800 Seiten starke Studie den Rosl- und Paul-Arnsberg-Preis bekommen, den die Stiftung Polytechnische Gesellschaft auslobt für Beiträge zur Erforschung jüdischen Lebens in Frankfurt. Gleichzeitig gehe es auch darum, setzte der führende Polytechniker Klaus Ring am Mittwochabend bei der Preisverleihung im Eisenhower-Saal der Goethe-Universität im Westend hinzu, „die Verdienste der Arnsbergs zu würdigen“. Sie hätten als jüdische Bürger Frankfurts „im Dienst der Aufarbeitung und Bewusstmachung des historischen Erbes“ gestanden, hob Ring hervor.

Bei der erstmaligen Verleihung des Preises konnte Rosl Arnsberg vor zwei Jahren noch dabei sein. Unmittelbar vor ihren 102. Geburtstag ist sie Anfang Juni 2010 gestorben. Für sie persönlich, merkte Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld bei der aktuellen Preisverleihung an, sei Rosl Arnsberg „der Inbegriff dessen gewesen, was wir uns in der Kommunalpolitik als würdiges Älter-Werden vorstellen“: Bis ins hohe Alter hinein habe Rosl Arnsberg nicht aufgehört, sich für den Lauf der Dinge zu interessieren. Die Auslobung des Preises habe sie in diesem Zusammenhang als große Wertschätzung erfahren.

Für die Namensgeber der Auszeichnung wie für die Ausgezeichneten selbst: Das von Gotzmann vorgelegte Werk sei „bahnbrechend“, lobte Rapael Gross das Wirken des in Erfurt lehrenden Historikers. Der Leiter des hiesigen Jüdischen Museums stand gemeinsam mit dem Historiker Arno Lustiger an der Spitze der Jury, die den mit insgesamt 10.000 Euro dotierten Preis zweiteilte: Der Hauptpreis geht an Gotzmann, den Experten der Frühen Neuzeit, während der Förderpreis einem jungen Kollegen aus Köln vorbehalten bleibt, der sich auf jüdisches Leben der Gegenwart konzentrierte: Benno Nietzel legte seine Arbeit zum Thema „jüdische Unternehmer aus Frankfurt am Main“ vor.

Nietzel untersuchte in diesem Zusammenhang die Jahrzehnte zwischen 1924 und 1964: Eine Zeit der „Ausgrenzung, Selbstbehauptung, Vernichtung und Bewältigung“. Nietzel setzt an der Erfolgsgeschichte jüdischer Unternehmer des 19. Jahrhunderts an und beschreibt dann die Verdrängung jüdischer Existenzen, gerade kleiner und mittlerer Firmengründer in der Zeit des Nationalsozialismus. Damit, so befand das Preisgericht, sei „eine genaue Rekonstruktion der Verdrängung der wirtschaftlichen jüdischen Existenz in Frankfurt gelungen“. Der Kölner Historiker stelle die Unternehmer nicht allein als Opfer dar, „sondern auch als um ihre Selbstbehauptung kämpfenden Akteure“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen