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Inklusion in Hessen Inklusion - zu selten und willkürlich

Ob Inklusion gelingt oder nicht, ist oft willkürlich, sagen Forscher. Eltern müssen sich nicht selten um einen Platz für ihr Kind an einer Regelschule bewerben. Ein Schwarzbuch für die Inklusion in Hessen beschreibt jetzt die Hindernisse auf dem Weg zum gemeinsamen Unterricht.

27.03.2013 21:18
Katja Irle
Den CeBeeF gibt es seit 1975. Er wurde mit dem Ziel der Gleichstellung und Selbstbestimmung behinderter Menschen gegründet. Foto: dpa

Ob Inklusion gelingt oder nicht, ist oft willkürlich, sagen Forscher. Eltern müssen sich nicht selten um einen Platz für ihr Kind an einer Regelschule bewerben. Ein Schwarzbuch für die Inklusion in Hessen beschreibt jetzt die Hindernisse auf dem Weg zum gemeinsamen Unterricht.

Für die Eltern war die Sache klar: Nach dem Kindergarten würde ihr hörbehinderter Sohn eine reguläre Grundschule in Frankfurt besuchen und gemeinsam mit allen anderen aus seinem Stadtteil lernen – so wie es die UN-Behindertenrechtskonvention seit vier Jahren vorsieht. Auch das Lehrer-Kollegium wollte den Jungen aufnehmen, zumal die Schule bereits Erfahrung mit Hörbehinderten hatte. Die Baubehörde war bereits eingeschaltet, um für die nötige Akustik zu sorgen.

"Ein hohes Maß an Ausgrenzung"

Doch trotz bester Voraussetzungen gab es in diesem Fall kein Happy End: Der Förderausschuss, der darüber entscheidet, ob ein Kind in der Regel- oder in der Förderschule besser aufgehoben ist, gab kein grünes Licht. Die Eltern waren verunsichert und stimmten schließlich zu, den Jungen an einer Sonderschule anzumelden. Er lernt nun dort, weil es für seine Förderung an der Regelschule kein zusätzliches Personal gegeben hätte.

„Erschütternd“, nennt Anne-Dore Stein, Professorin an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, diesen Fall von missglückter Inklusion. Für einmalig hält sie ihn nicht. Im Gegenteil: „Wir erleben in Hessen nach wie vor ein hohes Maß an Ausgrenzung“, sagt die Behindertenpädagogin. Ihre Kollegin Irmtraud Schnell vom Institut für Sonderpädagogik an der Frankfurter Goethe-Universität sieht das ähnlich: „Es herrscht viel Willkür bei der Umsetzung des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderungen. Das muss sich ändern.“

Zusammen mit anderen Integrationsforschern sowie Studierenden der Hochschule Darmstadt wollen Schnell und Stein mit ihrem Verein „Politik gegen Aussonderung“ Fälle wie die des hörbehinderten Jungen sammeln, dokumentieren und kurz vor der Landtagswahl am 5. September in einem „Schwarzbuch Inklusion“ präsentieren.

Denn obwohl seit dem Schuljahr 2012/2013 die inklusive Beschulung als Normalfall im hessischen Schulgesetz verankert ist, fehle ein fundierter Plan, wie und in welcher Zeit die Inklusion umzusetzen ist. Aussitzen sei unmöglich, denn Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet.

Bewerbungsmappen üblich

Derzeit müssten Eltern von Kindern mit Behinderungen regelrecht „Bewerbungsmappen“ anfertigen, damit ihre Kinder an der Regelschule aufgenommen werden, kritisierte Stein: „Man drängt Familien in die Rolle des Bittstellers, obwohl sie eigentlich das Recht auf ihrer Seite haben.“ Zudem müssten Schulen, die bereits seit vielen Jahren integrativ arbeiteten, plötzlich auf personelle Unterstützung verzichten. So geschehen laut Stein an einer Gesamtschule im Kreis Darmstadt-Dieburg, an der Ressourcen für verhaltensauffällige Kinder abgezogen worden seien.

Die hessische Landesregierung sieht sich indes auf einem guten Weg bei der Inklusion. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung stützt diese Einschätzung jedoch nur zum Teil: Zwar ist der Anteil der Förderschüler, die eine reguläre Schule besuchen, in den vergangenen vier Jahren von elf auf 17,3 Prozent gestiegen. Dem steht jedoch ein wachsender Anteil von Schülern gegenüber, die nach wie vor auf separaten Förderschulen unterrichtet werden.

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