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„House of Finance“ Frankfurt Ungestört das Geld erforschen

Das „House of Finance“ hat sich an der Goethe-Uni etabliert – die Kritik ist abgeflaut, aber nicht verschwunden.

Das „House of Finance“ an der Frankfurter Goethe-Uni

Es ist der 25. November 2008. Auf einmal geht alles ganz schnell. Kaum hat der letzte Redner bei der Vollversammlung auf dem Campus Westend seine Ausführungen beendet, tritt der Schwarze Block in Aktion. Kapuzenjacken auf, Schals vors Gesicht – so stürmt die Vorhut ins neue House of Finance. Den Anführern, die der Autonomen Antifa angehören, folgen 400 Studierende. Für knapp eine Stunde halten sie das Gebäude, in dem die finanzwissenschaftlichen Institute der Goethe-Uni untergebracht sind, besetzt. Sie benennen es in Karl-Marx-Haus um.

Sommer 2010. Die Empfangsdame in der Eingangshalle mit dem Marmorboden hat nicht viel zu tun. Eine Empfangsdame? Marmorboden? In einem Uni-Institut? Das House of Finance wirkt immer noch ein bisschen wie ein Ufo auf dem Campus im Westend. Allerdings eines, das von den meisten Studierenden links liegen gelassen wird. Die große Welle der Empörung, die das von privaten Sponsoren unterstützte Institut bei dessen Gründung vor zwei Jahren auslöste, ist wenig zu spüren.

Überwachungskameras. Kein freier Zugang für alle. Josef Ackermann als Honorarprofessor. Hörsäle, die wie Banken heißen. All das hatte Unmut und Irritation ausgelöst, zur Besetzung geführt, das „HoF“ für einige zum Synonym für eine Wissenschaft gemacht, die der Zusammenarbeit mit Unternehmen allzu unkritisch gegenüber steht.

Wolfgang König sitzt entspannt in seinem Büro. Die Kritik? „Hach ja“, sagt der geschäftsführende Direktor und lächelt. Holt Newsletter und Broschüren über das Haus aus einem Schrank. 100 Doktoranden haben bislang hier ihren Abschluss gemacht, viele davon aus fernen Ländern. Vor allem junge Menschen aus Asien sieht man, wenn man durch dicke Glasscheiben in die aquariumartigen Arbeits-Parzellen mit den Beamern und Laptopanschlüssen späht. Die meisten von ihnen kommen aus Japan, China und der Mongolei. 30 Professoren sind hier tätig und 150 wissenschaftliche Mitarbeiter. „Rechts-, Wirtschafts- und Finanzwissenschaften auf eine so enge Weise zu verbinden, das gibt es selten in der Welt“, glaubt König. Von Anfang an hat die Goethe-Uni dem House of Finance das Etikett „Leuchtturm-Projekt“ aufgepappt. 1500 Regalmeter Bücher bietet die Bibliothek, auch in den Semesterferien ist sie gut besucht.

Man wolle eine laute Stimme inmitten der Kommentatoren der Finanzkrise sein, sagt der Direktor. Renommierte Wissenschaftler sind hier angedockt: Roman Inderst zum Beispiel, Inhaber des Lehrstuhls für Finanzen und Ökonomie, erst 40 Jahre alt und schon Leibnizpreisträger. Oder Jan Krahnen, Experte beim Banken-Stresstest und Mitglied einer Beratergruppe der Bundesregierung, die mithilft, Strategien für die kommenden G8- und G20-Gipfel zu finden. „Wir sind auf einem guten Weg“, glaubt König. Als jüngst eine Videokamera in einem Flur kaputt gegangen sei, habe man sie nicht mehr ersetzt.

Haben sich die einstigen Kritiker jetzt arrangiert mit dem House of Finance? Ignoriert man den champagnerfarbenen Kubus nun einfach? „Nein“, sagt Nadia Sergan von der Grünen Hochschulgruppe der Goethe-Uni. Sie war Asta-Vorsitzende, als das House of Finance seinerzeit besetzt wurde und sie als Kritikerin auf Podiumsveranstaltungen sprach. „Eine private Einrichtung hat auf einem öffentlichen Campus nichts zu suchen.“ Es gehe dabei nicht um freie Wissenschaft, sondern um „Vorzeige-Wissenschaft“. Sicherlich gebe es „interessante Projekte“, doch auf die Kritik sei die Hochschulleitung nicht sensibel eingegangen.

Der amtierende Asta-Vorsitzende Jonas Erkel erinnert sich an eine irritierende Begegnung: Als er – schließlich beteuerte die Hochschulleitung immer wieder, der Zugang sei für alle frei – mit Kommilitonen das HoF besuchte, „stand plötzlich Herr König persönlich da“. Sie hätten erklären müssen, was sie dort tun. „Das finde ich auf dem Campus einer Hochschule schräg.“

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