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Goethe-Universität Streit um Vorlesung aus der NS-Zeit

Lehramtsstudierende erhalten keine Credit-Points mehr auf ihr Studium angerechnet, wenn sie die Vorlesung der Forschungsstelle zur NS-Pädagogik besuchen. Fachbereich und Akademie sehen in den Inhalten der Vorlesung ein „Spezialthema“ und handeln sich damit Kritik ein.

Das Denkmal für Theodor W. Adorno. Foto: Peter Jülich

Welchen Stellenwert soll die Aufarbeitung der NS-Diktatur in der Ausbildung von Pädagogen haben? An der Frankfurter Goethe-Universität ist darüber ein Streit entbrannt.

Der Anlass: Seit Sommersemester vergangenen Jahres können sich Lehramtsstudierende keine Credit Points mehr für ihr Studium anrechnen lassen, wenn sie die Vorlesung der Forschungsstelle zur NS-Pädagogik besuchen. Zudem würden Studierende der Erziehungswissenschaften aufgrund einer Umstrukturierung des Lehrplans nur noch für ein Semester in seine eigentlich auf zwei Semester konzipierte Vorlesung kommen, sagt Benjamin Ortmeyer, Leiter der Forschungsstelle. Seit fünf Jahren hält er die Vorlesung. Bis 2014 seien bis zu 500 Studierende gekommen, nun nur noch etwa 300, sagt Ortmeyer, der die Forschungsstelle 2012 mit Micha Brumlik gegründet hatte.

Es war Micha Brumlik, der die Debatte losgetreten hatte. In seiner Kolumne in der „taz“ warf der Erziehungswissenschaftler und einstige Professor der Goethe-Uni der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL) und dem Fachbereich Erziehungswissenschaften vor, die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in den Lehrplänen für Pädagogen komme zu kurz. Die ABL und der Fachbereich würden „Kenntnisse der Geschichte der Pädagogik und der NS-Zeit nicht zu den professionellen Qualifikationen von Lehrerinnen und Lehrern“ zählen. Für Brumlik ein Widerspruch zu den Überlegungen Theodor W. Adornos, den er mit den folgenden Worten zitiert: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.“ Er schlägt deshalb vor, die Straßenschilder mit Adornos Namen auf dem Campus Westend „schamvoll zu verhüllen“. Erst im Februar hatte die Universität den zentralen Platz auf dem Campus nach Adorno benannt.

Die ABL und der Fachbereich Erziehungswissenschaften bezeichneten in ihrer schriftlichen Stellungnahme die Inhalte der Ortmeyer-Vorlesung als „Spezialthema“; eine einführende Vorlesung zur NS-Pädagogik finde man daher weder in Frankfurt noch an anderen deutschen wie internationalen Einrichtungen der Lehrerbildung. Dennoch nehme die „Geschichte der Erziehung, auch die der NS-Diktatur“ in der Lehrerbildung an der Goethe-Uni „einen wichtigen Platz ein“.

„Unglaublich“ findet Ortmeyer. die Begründung „Die Erziehung nach Auschwitz ist kein Spezialthema“. In seiner Vorlesung würden Studierende etwas über „die Technik der Indoktrination“ lernen; „das Gegenbild der demokratischen Pädagogik lässt sich hervorragend an der NS-Pädagogik zeigen“. Das sieht auch Brumlik so: „Wenn man Adorno ernst nimmt, war es genau das nicht“, sagte er im Gespräch mit der FR. Für ihn hat sich die Goethe-Uni damit ein Stück weit von ihrer Tradition verabschiedet, wenngleich es immer „ein auf und ab“ gewesen sei.

„Abbau von Denktraditionen“

Asta-Vorsitzender Daniel Katzenmaier (Grüne Hochschulgruppe), der auch Student der Erziehungswissenschaften ist, sieht das ähnlich. Seit Jahren finde ein „Abbau bestimmter Denktraditionen“ statt, zu denen die „Kritische Theorie und damit auch die Aufarbeitung der NS-Diktatur“ gehörten. Dieser Prozess sei jedoch vor allem ein unbewusster – die Themen würden in der heutigen Gesellschaft als weniger wichtig erachtet. Die Auffassung, die „Erziehung nach Auschwitz“ (Adorno) sei ein „Spezialthema“, stellt für ihn die „Einmaligkeit“ des Holocausts in Frage.

Dass Denktraditionen einer Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur an der Goethe-Universität insgesamt abgebaut werden, glaubt indes Uni-Sprecher Olaf Kaltenborn nicht. Das Thema habe unter anderem letztes Jahr zum 100. Geburstagder Goethe-Universität eine „eingehende Rolle“ gespielt. Beteiligt gewesen sei daran auch die Forschungsstelle NS-Pädagogik.

Auf Anfrage der FR konkretisiert Diemut Kucharz, Dekanin des Fachbereichs Erziehungswissenschaften, dass auch für sie die „Erziehung nach Auschwitz“ kein „Spezialthema“ sei, „insofern es die Grundfragen des Verhältnisses von Erziehung und gesellschaftlicher Entwicklung – also der Möglichkeit von Erziehung, zur Verhinderung von Rassismus, Antisemitismus, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord beizutragen – behandelt.“ Das Thema als solches sei in der Lehre aller Professoren der Erziehungswissenschaften verankert, auch dann, wenn andere Inhalte wie beispielsweise „pädagogisch-psychologische Diagnostik“ im Vordergrund stünden.

Außerdem seien die von der Forschungsstelle NS-Pädagogik vertretenen Inhalte „nach wie vor Teil des Curriculums der Lehramtsstudiengänge“, so Kucharz weiter. Auch Seminare von Ortmeyer, für welche die Studierenden auch Credit Points bekämen, würden weiter angeboten. „In seiner Tiefe und Konzeption“ werde sein Lehrangebot „geschätzt“, berichtet Kucharz und fügt hinzu: „Es gelingt ihm in besonderer Weise, Studierende für das Thema zu sensibilisieren, so dass ich als Dekanin froh bin, dass es dieses Lehrangebot gibt.“

Einer Debatte, welchen Stellenwert das Thema NS-Pädagogik mit Bezug auf Adorno für Fragen der Erziehung und der Lehrerbildung hat, will sich die Dekanin darüber hinaus nicht verschließen.

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