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Goethe-Universität Mehr Abschlüsse, weniger Abbrüche

Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität, will Studierende besser beraten, um die Aussteigerquote in Frankfurt zu senken. Aber durchlässiger muss auch das Bildungssystem werden.

Beliebter Treffpunkt auf dem Campus Westend: die Rotunde der Goethe-Universität. Foto: dpa

Frau Wolff, seit sechs Monaten stehen sie an der Spitze von Hessens größter Hochschule, der Frankfurter Goethe-Universität. Hat der Wechsel von Magdeburg an den Main gut geklappt?
Ich bin gut angekommen und fühle mich wohl hier. Frankfurt ist eine sehr weltoffene Stadt. Läuft man einen Kilometer zu Fuß, hört man fünf verschiedene Sprachen. So viel Internationalität muss man in Deutschland erst mal suchen.

Sie gelten als gesprächsbereit und suchen auch intern den Austausch. Wie läuft die Kommunikation innerhalb der Uni?
Im ersten halben Jahr habe ich erst mal Kontakte geknüpft. Ich habe alle Fachbereiche besucht und mit Studierendengruppen, Doktoranden und Post-Docs gesprochen, die bisher kein Forum hatten. Wir haben den Austausch mit den Dekanen intensiviert, einen Forschungsrat gegründet und die Arbeitsgruppe ,Lebendiger Campus‘ gegründet, in der auch Vertreter der Stadt mitarbeiten. Zunächst ging es mir ums Zuhören, um bestehende Erwartungen auszuloten und von den anderen zu lernen, aber auch um Stärken und Potenziale zu identifizieren. Nun entstehen im Präsidium schon konkrete Vorschläge.

Aktuell sind Sie für rund 600 Professoren und eine Rekordzahl von rund 46.000 Studierenden verantwortlich. Ein großes Thema sind die Studienbedingungen. Welche Verbesserungen streben Sie da an?
Perspektivisch muss es eine Trendwende geben. Bisher haben wir möglichst viele Studierende auf den Campus gelockt. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass noch mehr von denjenigen, die zu uns kommen, auch zu Absolventen werden. Das Land setzt im neuen Hochschulpakt Anreize, diese Entwicklung zu fördern. Wir brauchen eine bessere Balance zwischen den Zulassungs- und Absolventenzahlen.

Sie wollen die hohe Quote an Studienabbrechern in Frankfurt senken. Im Schnitt springt ein Drittel der Studienanfänger wieder ab.
Bei einzelnen Studiengängen in den Natur- oder Geisteswissenschaften beträgt die Aussteigerquote sogar bis zu 80 Prozent. Bei genauem Hinschauen entpuppen sich diese Fächer aber als sogenannte Parkstudiengänge. Oft schreiben sich Studierende dort nur ein, weil sie auf ein anderes Fach warten, das zulassungsbeschränkt ist.

Die Statistik erfasst nicht, ob die Studierenden nur das Fach wechseln oder die Uni für immer verlassen?
Das stimmt leider. Fachwechsler und Abbrecher werden statistisch in einen Topf geworfen. Dass wir nicht wissen, was die Betroffenen danach machen, ist ein echtes Handicap. Wir betreiben daher inzwischen eigene Motivforschung. Wir wollen wissen, warum jemand sein Studium aufgibt, damit wir unsere Angebote verbessern können.

Dass ein knappes Drittel der Studierenden das Studium abbricht, ist doch eine gewaltige Ressourcenverschwendung.
Eine Suchphase von zwei Semestern zu Beginn des Bachelorstudiums ist aus meiner Sicht kein Beinbruch, da man dort bereits viel lernt. Etwas anderes ist es, wenn jemand erst direkt vor Abschluss des Bachelor aussteigen möchte. Da müssen wir uns auch fragen, ob wir vielleicht in der Studienberatung falsche Erwartungen geweckt haben. In jedem Fall müssen wir diese Gruppen künftig besser begleiten; vielleicht passt ein anderes Fach besser, ein Studium an einer anderen Hochschule oder sogar eine Berufsausbildung. Mit den Kammern führen wir derzeit Gespräche über gezielte Beratungsangebote auf unseren Campussen. Wir sollten den Studierenden klarmachen, dass es keine Niederlage ist, über Alternativen nachzudenken.

Wo sind Ihre Studienberater im Einsatz?
Sowohl zentral als auch an allen Fachbereichen. Aber auch jede einzelne Sprechstunde eines Professors ist eine Form der Studienberatung. Das ist eine Querschnittsaufgabe. Sehr viele unserer Mitarbeiter sind in gewisser Weise Studienberater. Ein Dreh- und Angelpunkt wird die Beratung vor der Einschreibung und in den ersten zwei Semestern sein.

Hilfreich wäre also ein durchlässigeres Bildungssystem?
Auf jeden Fall, und zwar in beide Richtungen. Auch aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Man verliert nichts, wenn man erst einmal eine Lehre macht. Es gibt einen großen gesellschaftlichen Druck, dass jeder Abitur machen soll und danach sofort studiert. Viele wählen dann ein Fach, das ihnen in der Schule schon gefallen hat und merken erst im Studium, dass die universitäre Realität ganz anders aussieht.

Außerdem würden Sie die Uni gern für Flüchtlinge mit entsprechender Qualifikation öffnen?
Auch bei solchen gesellschaftlichen Herausforderungen müssen wir Hochschulen Vorreiter sein. In Sachsen-Anhalt ist eine kleine Hochschule vorgeprescht und hat Flüchtlingen einen Gaststatus eingeräumt. Wir prüfen gerade, ob so etwas auch bei uns für ein, zwei Semester machbar ist. Ein reguläres Studium ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich, da Flüchtlinge oft keine Hochschulzugangsberechtigung vorweisen können und auch ihr Aufenthaltsstatus zunächst geklärt werden muss. Aber vielleicht ließe sich das Tor zu einem regulären Studium über spezielle Eingangsprüfungen öffnen.

Sie wollen praktische und akademische Bildung besser verzahnen?
Es muss möglich sein, erst Praxisluft zu schnuppern und dann an die Uni zu gehen, ebenso wie umgekehrt. Lebenslanges Lernen ist ein langfristiger gesellschaftlicher Trend. Das bedeutet auch, alternative Bildungswege individuell gestalten zu können. Es ist brandgefährlich, dass die OECD die geringe Akademikerquote in Deutschland beklagt. Denn gerade Länder ohne duale Ausbildung bekommen häufig die hohe Jugendarbeitslosigkeit nicht in den Griff.

Erstmals seit 100 Jahren ist mit Ihnen eine Frau in das Präsidentenamt der Goethe-Universität gewählt worden. Steht Frauenförderung auf Ihrer Agenda?
Das halte ich für extrem wichtig, allerdings eingebettet in das Thema Diversity. Den Hochschulen und der Wirtschaft gehen Talente verloren, wenn nur die Kategorien weiß und männlich zählen. Auch im akademischen Bereich gibt es noch eine gläserne Decke. In Berufungskommissionen werden Lebensläufe von Frauen oft relativ schnell aussortiert. Das müssen wir in den Griff bekommen, sonst hinken wir weiter hinterher.

Wie kann das gelingen?
Bei Forschungsprojekten sollte es zum Standard gehören, dass noch mehr weibliche Principal Investigators beteiligt sind. Nach meiner Erfahrung gibt es meist genügend qualifizierte Frauen, die aber oft nicht so fordernd auftreten wie ihre männlichen Pendants. Um Frauen muss man sich oft aktiver bemühen. Ich würde auch gern etwas daran ändern, dass bei uns beispielsweise erheblich mehr männliche als weibliche Nachwuchswissenschaftler eine Vollzeitstelle haben.

Ein Problem für Nachwuchswissenschaftler ist die hohe Zahl an befristeten Stellen. Wie kommt man aus dem Dilemma heraus?
Wir müssen erst einmal auch bei uns selbst schauen, ob wir es mit der Projektitis nicht übertrieben haben. Denn manchmal gibt es völlig unnötige Befristungen. Statt sechsmonatiger Verträge wäre es zum Beispiel besser, diese gleich für die gesamte Projektlaufzeit abzuschließen, die oft drei Jahre beträgt. Das wäre nebenbei mit deutlich weniger Bürokratie verbunden. Außerdem haben wir jetzt vom Wissenschaftsministerium grünes Licht bekommen, dass wir 30 Prozent der sogenannten QSL- und Hochschulpakt-Mittel für Dauerstellen einplanen können. Die Fachbereiche und die Verwaltung können nun Vorschläge einreichen. Wenn das Zehn-Jahres-Programm des Bundes kommt, wäre auch eine Anschubfinanzierung für zusätzliche Professorenstellen möglich.

Die Universität setzt zur Nachwuchsförderung künftig auf sogenannte Tenure-Track-Stellen.
Wenn die Evaluation nach sechs Jahren positiv verläuft, bekommen die Nachwuchsforscher eine Dauerstelle als Professor. Auch schon im Tenure-Track-Bereich sind Leistungsanreize für besondere Verdienste in Forschung und Lehre möglich.

Zoff gab es wegen der schlechten Bezahlung der studentischen Hilfskräfte, die einen Tarif fordern und über die Arbeitsbedingungen klagen.
Ich bin mir nicht sicher, ob für all diese Probleme die Aufnahme in den Tarif die richtige Lösung ist. Eine Frage ist doch, wie einzelne Vorgesetzte mit ihren Hilfskräften umgehen. So sollte es zum Beispiel selbstverständlich sein, dass jemand, der am Wochenende arbeitet, dafür einen Freizeitausgleich erhält. Da muss an der einen oder anderen Stelle noch mehr Bewusstseinsbildung geschehen, besonders in den Bereichen, wo es viele Klagen gab. Wir müssen zudem vorher klarer artikulieren, ob es sich nur um eine Aushilfstätigkeit oder um eine akademisch anspruchsvolle Arbeit handelt, um niemanden zu enttäuschen.

Die Hilfskräfte fordern eine Aufwertung ihres Status. Ein Tarifvertrag würde sicherstellen, dass sie einen Ansprechpartner im Personalbüro hätten.
Unabhängig von einem Tarif planen wir, dass künftig eine Ombudsperson für die studentischen Hilfskräfte zuständig ist. Ob wir für all das einen Tarifvertrag brauchen, prüft gerade eine Arbeitsgruppe, die im Herbst ihre Ergebnisse vorlegen wird.

Was halten Sie vom Vorstoß des Wissenschaftsministers, dass an Hessens Hochschulen der Senat künftig mehr Mitspracherechte unter anderem beim Budget erhalten soll?
Ich sehe kein Problem darin, das Budget im Konsens auszuhandeln, aber man entmachtet damit den Hochschulrat und verlagert das Letzt-Entscheidungsrecht wieder ins Ministerium. Auch wenn der Vorstoß faktisch geringe Konsequenzen für die Goethe-Universität haben wird, sehe ich ein falsches Signal darin, dass die Politik nun doch in Hochschulangelegenheiten hineinfunken und unsere Eigenverantwortung in diesem Punkt einschränken will.

Welchen Ansatz bevorzugen Sie?
Grundsätzlich sollten Entscheidungen im Zusammenspiel zwischen Fachgremien und einer Interessenvertretung wie dem Senat getroffen werden, in der alle Statusgruppen der Universität vertreten sind. Ein Beispiel für ein solches Fachgremium ist der neu gegründete Forschungsrat. Mit der Power von 15 Top-Forscher-Persönlichkeiten können wir wunderbar Sachlösungen erarbeiten, etwa wie wir uns in der nächsten Runde der Exzellenzinitiative positionieren. Mit einem solchen Vorschlag geht man in den Senat, der letztlich beschließt.

Auch um Hessens größte Unibaustelle kümmern Sie sich. Wo setzen Sie Prioritäten aus?
Aus Sicherheits- und Hygienegründen gilt unsere Priorität einem Chemie-Neubau am Riedberg, den maroden Sportstätten in Ginnheim sowie der Anatomie in Niederrad, wo kürzlich aufgrund neuer gesetzlicher Bestimmungen die Formaldehyd-Grenzwerte überschritten wurden. Natürlich hoffen wir, den Campus Bockenheim für den Kulturcampus bald endgültig zu räumen. Dafür müssen aber erst einige Voraussetzungen erfüllt sein. Für den Umzug der Mathematik und Informatik von Bockenheim auf den Riedberg wären wir sogar bereit, eigenes Geld einzusetzen. Ein viel größeres Thema ist aber die Universitätsbibliothek. Hier formiert sich gerade eine Initiative, die nach Wegen sucht, den Umzug zum Teil jenseits von Landesmitteln zu finanzieren. Dann träumen wir von einem International House mit mehr als 200 Betten für Studierende und Gastwissenschaftler am Riedberg, das eine interkulturelle Integrationsfunktion haben soll. Wir sind gespannt, wie sich künftig die landesweiten Bau-Mittel auf die Hochschulen verteilen.

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