Lade Inhalte...

Goethe-Universität Der vergessene Nobelpreisträger

Den Laser gebe es ohne den Physiker Otto Stern nicht und trotzdem ist er lange nicht so bekannt wie sein Freund und Mitarbeiter Albert Einstein. Horst Schmidt-Böcking will das mit einer Biografie über den Pionier der Quantenphysik ändern.

28.12.2010 15:08
Astrid Ludwig
Prof Horst Schmidt-Boecking auf dem Campus Riedberg. Foto: FR/Boeckeler

Neulich hatte Horst Schmidt-Böcking diesen Traum. In Morpheus’ Welt traf der Professor für Atomphysik sein großes Vorbild – den Mann, mit dessen Leben und Schaffen er sich seit Jahren beschäftigt und den er gerne persönlich kennengelernt hätte. „Ich traf Otto Stern.“ Die meisten Gesprächspartner und Nicht-Physiker schauen dann verwirrt. „Wen?“ Eine Frage, die Schmidt-Böcking erwartet, die ihn aber immer wieder auch ärgert. Otto Stern, sagt der langjährige Professor der Frankfurter Goethe-Universität, „hat die Welt verändert wie Gutenberg oder Goethe. Die kennt jeder, Stern kennt keiner. Dabei gäbe es ohne ihn weder Kernspintomographie, Laser oder Atomuhr.“

Der 71-Jährige will den Pionier der Quantenphysik und dessen Vita wieder bekannt machen. Schmidt-Böcking schreibt ein Buch über den experimentellen Physiker und Chemiker, den Freund und Mitarbeiter Albert Einsteins, den Nobelpreisträger Otto Stern. Im Auftrag der Goethe-Uni: Die gibt zum 100. Geburtstag der Stiftungs-Universität 2014 eine Biografienreihe über ihre Gründer, Gönner und Gelehrten heraus. Nach dem Auftakt über Mäzen Wilhelm Merton soll im Frühjahr 2011 die Schrift über Otto Stern folgen.

81 Nominierungen

Über den Gelehrten, der von 1919 bis 1922 in Frankfurt forschte, dort die Grundlagen der Molekularstrahlmethode entwickelte, mit der erstmals einzelne Atome vermessen werden konnten, und für die er unter anderem 1943 Stockholmer Weihen erhielt. Stern, betont Schmidt-Böcking, war öfter für den Nobelpreis für Physik nominiert als Max Planck oder Albert Einstein. Von 1901 bis 1950 erhielt er 81 Nominierungen seiner Kollegen. „Und er war der einzige Preisträger, der einen wichtigen Teil seiner Nobelpreisarbeit an der Universität Frankfurt durchgeführt hat“, so sein Biograf.

Das war in dem kleinen Labor im Institut für Physik – an der heutigen Robert-Mayer-Straße in Bockenheim. Dort entwickelte Stern 1919 eine Messmethode, „mit der man erstmals einzelne Atome in die Hand nehmen konnte, um an ihnen Quanteneigenschaften zu vermessen“, sagt Schmidt-Böcking. „Bis dahin konnte das keiner in der Physik. Stern hat dieses Tor in Frankfurt aufgestoßen.“ Dank dem „genialen Querdenker Stern“ und der Zusammenarbeit mit Kollegen wie Max von Laue und Max Born sei das Institut eine der wichtigsten Geburtsstätten der modernen Quantenphysik gewesen.

Mit dieser Molekularstrahlmethode gelang Stern 1922 zusammen mit Walther Gerlach auch das Stern-Gerlach-Experiment, mit dem er nachweisen konnte, dass sich Atome zum Magnetfeld in einem bestimmten Winkel ausrichten. Die Raumorientierung der Atome, eine telepathische Fernwechselwirkung, die Physiker bis heute nicht ganz entschlüsselt haben. „Das war der eigentliche experimentelle Einstieg in die Quantenphysik.“

Gemeinsamkeit mit Einstein

Ein Nachbau der Apparatur für das Stern-Gerlach-Experiment steht heute in Schmidt-Böckings Büro auf dem Campus Riedberg. Das Original ging im Krieg verloren. Einzig erhalten blieb Sterns Mikroskop. Das hat der Professor von Sterns Nichte in Amerika bekommen. Dorthin wanderte der 1888 in Oberschlesien geborene Wissenschaftler 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft aus. Er wurde Forschungsprofessor für Physik am Carnegie-Institut in Pittsburgh. Antisemitismus war mit ein Grund, dass Stern Frankfurt schon 1922 verließ. Der Rektor der Uni, Richard Wachsmuth, hatte ihm offenbar wegen „seines entsetzlichen jüdischen Intellekts“ keine etatmäßige Professur geben wollen. Er wechselte an die Uni Hamburg.

Stern, so sein Biograf, „war deutscher als deutsch“. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig zum Wehrdienst. Dass er wegen der Nazis gezwungen war seine Heimat zu verlassen, hat ihn sehr gekränkt. Er ging, als in Hamburg drei seiner vier Assistenten entlassen werden sollten, weil sie Juden waren. 1939 nahm Stern die amerikanische Staatsbürgerschaft an. „Er kehrte nie mehr offiziell nach Deutschland zurück, schlug auch die Rente aus, die Hamburg später anbot.“ Sterns Familie – er selbst war Junggeselle – gelang die Flucht in die USA. Als Schmidt-Böcking wegen der Recherchen Sterns Nichte in Kalifornien besuchte, empfing sie ihn freundlich, gab sie ihm aber nicht die Hand, „weil ich aus Deutschland kam“. Später entstand ein freundschaftlicher Kontakt.

Das Emigranten-Schicksal teilte Stern mit seinem lebenslangen Freund und Kollegen Albert Einstein. An der Karls-Universität Prag war Stern 1912 Einstein begegnet und folgte ihm 1913 nach Zürich. „Er war Einsteins erster Post-Doktorand, sein wissenschaftlicher Mitarbeiter und Diskussionspartner.“ Stern bezeichnete sich scherzhaft als Einsteins „Rechensklave“. Einstein habe sich nie richtig auf Vorlesungen vorbereitet, sondern „herumgemurkst“, so Stern. Von ihm habe er das Querdenken gelernt.

Detektivarbeit geleistet

Schmidt-Böcking will über den Wissenschaftler und Menschen Otto Stern, der sehr generös, freundlich und humorvoll gewesen sei, schreiben. Mehrere Jahre hat der Professor in Archiven geforscht – in Frankfurt, Berkeley und Stockholm. Er hat Sterns Verwandtschaft aufgesucht und sogar den bis dato unbekannten Tag des Stern-Gerlach-Experimentes feststellen können. „Es gab eine genaue Wetterbeschreibung vom Tag der Entdeckung“, sagt Schmidt-Böcking. Er recherchierte anhand der offiziellen Wetterchronik das Datum: Es war die Nacht vom 7. auf den 8. Februar 1922. „Ich hab mich gefühlt wie ein Detektiv“, lacht der Professor, der 2010 die Stern-Gerlach-Medaille erhalten hat, die höchste Auszeichnung der Physikalischen Gesellschaft für Leistungen in der experimentellen Physik.

Schmidt-Böcking hat so viel Material über Stern gesammelt, dass die 180 Seiten für die Schriften-Reihe der Uni nicht ausreichen. Mit Ko-Autorin Karin Reich will er eine Biografie schreiben, die drei- oder viermal so lang ist. Vielleicht muss er danach nicht mehr so oft die Frage hören: „Otto Stern, wer ist das?“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen