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Frankfurter Goethe-Universität Generation Facebook auf dem Friedhof

Kosenamen oder Songtexte auf dem Grabstein: Soziologen der Frankfurter Goethe-Universität erforschen den Wandel der Bestattungskultur und was das über die sozialen Veränderungen in der Gesellschaft aussagt.

15.12.2012 07:30
Astrid Ludwig
Grabstätten ändern ihr Gesicht. Foto: Stephan Morgenstern

Wenn Zygmund aus dem Jenseits zurückkehrt, kann er das richtig feiern. Die Flasche Schampus steht bereit, dazu Gläser, ein Player mit seiner Lieblings-CD und eine Schachtel Zigaretten. Die Ausstattung reicht für einen Party-Abend, wie der Verstorbene ihn wahrscheinlich geliebt hat. Zygmund selbst ist auch zu sehen, mit glänzendem Satin-Anzug auf einem Samtsessel, der wie ein Thron anmutet. Seit zwei Jahren wartet diese Szenerie auf ihn, seit seinem Todestag am 10. 10. 2010. Ein wundersames Datum fürs Sterben und ein wundersames Totenzimmer, in das der Friedhofsgänger ungehindert blicken kann und sich doch fühlen mag, als wage er den indiskreten Blick durchs Schlüsselloch.

Für Thorsten Benkel ist diese Gruft eine der kuriosesten Grabstätten auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. Und der ist groß, über 70 Hektar misst das Areal an der Eckenheimer Landstraße. Wer einen Blick auf alle mehr als 70.000 Gräber werfen will, ist Stunden oder gar Tage unterwegs. Benkel und Matthias Meitzler haben das getan. Elf Mal schon waren sie hier. Nicht aus sentimentalen, sondern wissenschaftlichen Gründen. Die beiden sind Soziologen an der Frankfurter Goethe-Universität. Benkel und Meitzler erforschen den Wandel der Bestattungskultur und was das über die sozialen Veränderungen in der Gesellschaft aussagt.

Umfangreiche Studie

177 Friedhöfe bundesweit haben sie angeschaut, in zehn deutschen Großstädten und auf dem Land. 14.060 Fotografien und Beschreibungen lagern seitdem in ihrem Archiv, zwei Bücher sind entstanden und eine Studie, die in diesem Umfang sicherlich einmalig ist. Mit einem Seminar 2007 von Thorsten Benkel und einem Gang über den Südfriedhof in Sachsenhausen fing alles an. „Manche Studenten fanden das makaber, ich fand das interessant“, erinnert sich Meitzel, der seine Magisterarbeit damals dem Thema Vergänglichkeit widmete und heute Benkels Mitarbeiter ist.

So mancher im Bekanntenkreis hält die Forschung der Soziologen für skurril, „aber der Tod ist ein wichtiges gesellschaftliches Phänomen. Jede Kultur hat ihre eigene Form, damit umzugehen“, sagt der 35-jährige Benkel. Und für den 26-jährigen Meitzler sind Friedhöfe der „Spiegel kultureller Besonderheiten“. Egal in welcher Stadt er gerade ist: Ein Gang über den Friedhof gehört dazu.

Hinweise für Eingeweihte

Ein Grab gleicht nicht mehr dem anderen. Religiöse Symbole, Name, Geburts- und Todestag sind oft passé. Die Rose hat das Kreuz abgelöst, Fotos zeigen Verstorbene lebendig, Kosenamen oder Songtexte ersetzen offizielle Daten. „Ganz häufig geht es nicht mehr um die Information aller, sondern um Hinweise für Eingeweihte“, sagt Benkel. „Tiger-Lilly“ steht auf einem Grabstein oder einfach nur „Dicker“, sonst nichts.

Wie Adorno das wohl gefunden hätte? Er ruht an einer langen Mauer auf dem Hauptfriedhof – unter einer schlichten Steinplatte.

Das Buch: Thorsten Benkel, „Die Verwaltung des Todes“, Logo-Verlag.

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