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Frankfurt „Es ist für die Uni untragbar, so einen Mann zu ehren“

Für Benjamin Ortmeyer, ehemaliger Leiter der Forschungsstelle NS-Padägogik, ist es nicht weniger als ein Skandal, dass an der Goethe-Universität ein Raum nach einem Kollaborateur des Nazi-Regimes benannt wird.

Prof. Benjamin Ortmeyer
Benjamin Ortmeyer ist alles andere als ein Fan der Stiftungs-Lounge am Campus Riedberg. Foto: Michael Schick

Herr Ortmeyer, jetzt sitzen wir hier in der Adolf-Messer-Stiftungs-Lounge, über die seit Monaten an der Goethe-Uni heftig gestritten wird. Wie gefällt sie Ihnen denn?
Ich bin etwas enttäuscht. 100 000 Euro sollen hier reingeflossen sein. Das ist viel Geld, aber sehen tut man es nicht. Ein Großteil ist wohl in die Sanierung der Bausubstanz geflossen. Aber der Punkt ist ja nicht der Raum. Das eigentliche Problem ist der Name der Stiftung.

Nun trägt dieser Raum ja seit kurzem offiziell einen neuen Namen: Adolf-Messer-Stiftungs-Lounge-Diskursraum. Doch das macht die Sache aus ihrer Sicht nicht besser, oder?
Nein. Das Problem bleibt, dass der Enkel von Adolf Messer, der heutige Stiftungsvorsitzende, nicht einsieht, dass er seinen Großvater schon allein durch den Stiftungsnamen ehrt. Das wird durch das Anhängen eines Wortes nicht besser. Und Sie sehen ja, dass das Konterfei von Adolf Messer hier immer noch die Wände ziert. Immerhin sind im Gang die Plakate entfernt worden. Das war ja quasi die von Wikipedia übernommene Biografie, die die NS-Zeit letztlich ausgeklammert hat. Und das an einem Ort wie der Universität! Das spottet jeder Beschreibung.

Die Universität beruft sich allerdings bei der Verteidigung dieses Namens auf ein Kurzgutachten, das unter anderem zu dem Schluss kommt, dass man Messers Mitgliedschaft in der NSDAP nicht zwangsläufig als ideologische Nähe zu den Nationalsozialisten werten dürfe. Und dass er Zwangsarbeiter „nur“ eingesetzt habe, um den Betrieb aufrechtzuerhalten ...
Es gab NSDAP-Mitglieder, die aus Profitsucht mitgemacht haben. Es gab Mitglieder, die aus Opportunismus mitgemacht haben. Das biografisch zu klären, ist indes nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, was Adolf Messer getan hat. Und es steht zweifelsfrei fest, dass er für die Rüstungsindustrie gearbeitet und Zwangsarbeiter beschäftigt hat. Davon sind einige übrigens, weil sie sich vom Arbeitsplatz entfernt hatten, von der Gestapo festgenommen und hingerichtet worden - hier in Preungesheim. Der Mann hat sich also auf das NS-System eingelassen. Und für eine Universität ist es untragbar, so einen Mann zu ehren.

Die Stiftung selbst verweist darauf, dass sie gar nicht darauf bestanden hätte, dass die Lounge ihren Namen trägt.
Gut möglich. Kann sein, dass es eine Art vorauseilender Gehorsam im Sinne der Pflege der Stifterlandschaft war. Man verteilt solche Bonbons und denkt, dass danach vielleicht weitere Mittel kommen.

Der Raum müsste den jetzigen Namen gar nicht tragen. Der Senat der Universität hat sich bereits einstimmig für eine Umbenennung ausgesprochen. Trotzdem beharrt die Universität auf dem Namen Adolf Messer. Warum?
Es geht ums Geld. Ganz einfach. Darüber hinaus finde ich es skandalös, wenn eine demokratische Entscheidung formaljuristisch ausgehebelt wird. Wenn der Senat etwas beschließt, dann ist es ganz schlechter Stil, wenn das Präsidium diese Entscheidung nicht umsetzt - unter Berufung auf einen ganz furchtbar undemokratischen Paragrafen im hessischen Hochschulgesetz.

Es mutet schon etwas merkwürdig an, dass die Universität auf der einen Seite kein Problem mit dem Namen eines NS-Profiteurs zu haben scheint und auf der anderen Seite jahrelang gegen die Benennung eines Platzes nach Norbert Wollheim opponiert hat, der als erster ehemaliger Zwangsarbeiter gegen die IG Farben klagte - deren Gebäude die Universität inzwischen nutzt.
Der zentrale Denkfehler ist, dass man anscheinend glaubt, eine Universität international aufzuwerten, wenn man ausschließlich die positiven Seiten darstellt. Da werden dann Adorno und Horkheimer bemüht, weil es dem Image dient. Alles aber, was aus einer engstirnigen Sicht negativ auf die Universität zurückfällt, was also zur kritischen Aufarbeitung der NS-Geschichte der Universität gehört, will man am liebsten übergehen. Das wird nicht wirklich angepackt.

Ich denke, man hat auch viel Angst vor der Aufdeckung dessen, wie die Universität und die Stadt Frankfurt vom NS profitiert haben. Da gibt es - vorsichtig formuliert - unangenehme Vorgänge. Man kann auch sagen: verbrecherische. Da wurde etwa die Speyer’sche Hochschulstiftung von der Universität und der Stadt enteignet. Oder es gab den Schulrat Keller, der die Deportation der Sinti und Roma nach Osten forderte und noch Anfang 2018 auf einer Tafel geehrt wurde, die dann rasch entfernt, also ,getilgt‘ wurde, statt die Fakten über die NS-Täter zu dokumentieren. Vielleicht hofft man, dass das alles in Vergessenheit gerät und irgendwo in dicken Büchern abgelagert wird.

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