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Frankfurt „Alles Panikmache“

Eckhard Boles, der Biosprit-Experte der Goethe-Universität, verteidigt das viel gescholtene E10 und rügt falsche Informationspolitik von Wirtschaft und Politik.

19.04.2011 11:08
Astrid Ludwig
Eckhard Boles ist nicht wirklich glücklich mit der Biosprit-Debatte. Foto: FR/Oeser

Eckhard Boles fährt einen Opel Astra. Lange Zeit ist der 47-Jährige mit seinem Wagen quer durch Frankfurt bis nach Bad Homburg gefahren, weil es dort die einzige Tankstelle in der Region gab, die E85 verkauft hat, also Kraftstoff mit 85 Prozent Bioethanolanteil. Dort tankte er dann zur Hälfte Super und E85. Heute muss der Professor der Goethe-Universität nicht mehr ganz so weit fahren. Entsprechende Tankstellen gibt es mittlerweile auch in Frankfurt und 300 bundesweit. Und übrigens: Sein Auto fährt immer noch.

„Einmal E10 tanken und das Auto ist kaputt.“ Boles schnaubt darüber und schiebt ein „Panikmache“ hinterher. Die aktuelle Debatte über das mögliche Aus für E10 an deutschen Tankstellen treibt dem Professor fast die Zornesröte ins Gesicht. Boles arbeitet am Institut für molekulare Biowissenschaften auf dem Campus Riedberg und ist einer der deutschen Experten für Biosprit. Seit mehr als 13 Jahren forscht er zu diesem Thema. Sein Rat ist gefragt bei Projekten in Europa, Brasilien und den USA.

Die Debatte über E10 in Deutschland bezeichnet der 47-Jährige als „absurd und irrational“. Boles verteidigt den Biokraftstoff E10 und wirft Automobilindustrie und Politik eklatante Fehler bei der Information der Bürger vor.

Eklatante Fehler der Industrie

Sowohl in den USA, Brasilien wie auch Schweden würden seit Jahren viel höhere Bioethanolkonzentrationen im Sprit angeboten. Die Schweden tankten sogar E85. Die Autos seien mit keineswegs teuren Sensoren für die Motorsteuerung umgerüstet. Damit lasse sich ganz normaler Super tanken oder eben Biosprit. Ihm sei in Deutschland kein Fall bekannt, wo E10 Schäden verursacht habe. Mehr als 90 Prozent der Autos seien dafür freigeben.

Boles kritisiert massive Fehlinformationen. Gegenüber dem Benzin würden 50 Prozent des Klimakillers CO2 eingespart. „Man tankt auch keine Lebensmittel, während Menschen in der dritten Welt hungern müssen“, sagt der Professor.

E10 wird aus Weizen, Mais oder Zuckerrohr gewonnen, angebaut auf ungenutzten Flächen, die sonst von der EU für ihr Brachliegen subventioniert würden. Der Mehrverbrauch gegenüber Super oder Benzin liege bei zwei Prozent, „dafür fährt das Auto wegen des Ethanols und der höheren Oktanzahl auch spritziger. Und es ist billiger“, sagt Boles.

Staudenschnitt im Tank

Er hält die Debatte für typisch für ein Land, in dem „Autos und Autoindustrie heilige Kühe sind“. Einfach E10 dazutanken und was fürs Klima tun, sei im technikgläubigen Deutschland wohl zu simpel. „An Bioethanol verdient keiner was“, sagt Boles und schlägt vor, alle Autofahrer über das Kraftfahrtbundesamt anzuschreiben und ihnen mitzuteilen, ob ihr Fahrzeug E10 fahren kann oder nicht. „Bei Rückrufaktionen geht das doch auch.“

Seit Jahren forscht der Biologe übrigens daran, statt Weizen Gartenabfälle für die Produktion von Biosprit verwenden zu können. Boles arbeitet mit Substraten wie Stroh, Holz- oder eben Gartenabfällen. Verwelkte Stauden, Rasen- und Heckenschnitt statt Tiger im Tank? Es funktioniert, sagt der Professor.

Nur ist diese Verfahren derzeit noch zu teuer. Boles hat daher neben seiner Arbeit an der Universität eine Firma gegründet mit Namen Butalco, die an der Zukunft dieser Technik arbeitet und forscht. „Wir wollen neue Entwicklungen fördern“, sagt der Professor.

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