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FR-Interview mit Professor Ömer Özsoy "Wir wollen die Theologie mehr etablieren"

Professor Ömer Özsoy spricht im FR-Interview über die Besonderheit des neuen Studiengangs "Islamische Studien" an der Uni Frankfurt, der zum Wintersemester 2010/11 startet.

30.08.2010 12:15
Der Frankfurter Religionswissenschaftler Ömer Özsoy

Zum Wintersemester startet an der Uni Frankfurt der neue Studiengang „Islamische Studien“. Worin unterscheidet er sich von dem bisherigen Lehrangebot des Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islams?

Bisher gab es an unserem Institut nur einen religionswissenschaftlichen Teilstudiengang für Islamische Religion. Der neue Studiengang versteht sich im Sinne der Empfehlungen des Wissenschaftsrats als eine islamisch-theologische Disziplin, die die Binnensicht mit allgemeinen geistes- , kultur- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven verbindet; die Beschäftigung mit religiösem Quellenmaterial auf wissenschaftlicher Ebene und die Auseinandersetzung mit der religiösen Glaubenspraxis und deren Vermittlung werden verknüpft. Über die Auseinandersetzung mit der islamischen Tradition hinaus befasst sich der neue Bachelor-Studiengang mit der islamischen Religion im europäischen und deutschen Kontext. Noch bevor der Wissenschaft im Januar seine Empfehlungen bekannt gab, hatten wir mit der Ausarbeitung des Konzepts begonnen.

Welche Perspektiven bieten sich für die Absolventen des dreijährigen BA-Studiengangs?

Die Absolventen könnten etwa tätig sein als Berater in der Wirtschaft und Politik, in den Gemeinden im Bereich der Seelsorge, Kinder- und Jugendarbeit, in der Erwachsenenbildung und auch in den Medien. Wir bilden zwar keine Lehrer für islamischen Religionsunterricht oder Religionskunde aus, aber mit Blick auf den dringenden Bedarf an Lehrkräften könnte sich unseren Absolventen auch der Lehrerberuf öffnen. Ich gehe davon aus, dass das Land Hessen unser theologisches und religionswissenschaftliches Angebot in Anspruch nehmen wird, wenn es Religionslehrer für den Islam ausbilden will. Die muslimischen Teilnehmer des Runden Tisches in Hessen sind ja dafür, dass Religionslehrer an der Goethe-Uni ausgebildet werden.

Worin unterscheidet sich der Studiengang in Frankfurt im Vergleich zu Münster und Osnabrück, wo auch der Islam aus der Binnenperspektive gelehrt wird?

Wir haben einen theologischen Schwerpunkt in Lehre und Forschung und keinen religionspädagogischen oder fachdidaktischen. Schon im Jahre 2002 wurde an der Uni Frankfurt als oberstes Ziel die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und des intertheologisch-akademischen Diskurses festgelegt. Das wechselseitige Verständnis der Weltreligionen soll gefördert und fortentwickelt werden. Dem entsprechend soll und will unser Institut - anders als Orientalistik und Islamwissenschaft – in Lehre und Forschung zur Etablierung einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Islam aus der Binnenperspektive beitragen, wobei der Islam – im Gefolge des wissenschaftlichen Diskurses – an interdisziplinär erforscht und authentisch vermittelt werden soll. Dieser Unterschied lässt sich schon in der Bezeichnung der jeweiligen Institutionen an den verschiedenen Unis, aber auch auf curricularer und personeller Ebene erkennen. Theologie, Religionspädagogik und Fachdidaktik sind unterschiedliche Aspekte, die für die theologische Ausbildung alle wichtig sind. Für uns ist jedoch die Theologie zentral, weil gerade sie in Deutschland fehlt und etabliert werden soll. Frankfurt hat bisher sehr viel dazu beigetragen und wird es weiterhin tun. Dass wir primär Theologie betreiben, bedeutet aber nicht, dass wir kein Interesse an der Lehrer- und Imam-Ausbildung haben. Damit unser Institut auch diese Ausbildungsprozesse wissenschaftlich begleiten kann, sind neue Strukturen erforderlich, die Vertreter der Muslime mit dem Staat aushandeln müssen.

Außenstehende, die die Entwicklungen an den Unis Münster, Osnabrück und Frankfurt verfolgen, gewinnen den Eindruck, dass die Hochschulen einen Wettlauf angetreten haben – darum, welche als erste den Empfehlungen des Wissenschaftsrats nachkommt, „autonome Organisationseinheiten für Islamische Studien zu etablieren“. Stimmt der Eindruck?

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrats und die Unterstützung durch Bundesministerin Anette Schavan sind begrüßenswert, hat aber nicht nur zu einem Wettlauf geführt, sondern auch zu einem Überbieten an vorschnell proklamierten Kompetenzzusagen von Institutionen, die bisher kein Konzept hatten. Diese Entwicklung bewirkt das Gegenteil von dem, was der Wissenschaftsrat empfohlen hat – nämlich angesichts der begrenzten Ressourcen an potenziellem Fachpersonal nur an zwei bis drei staatlichen Universitäten Islamische Theologie einzuführen. Hier ist kein Tauziehen, sondern eine Bündelung von Kompetenzen angebracht. Das entspricht nicht nur einer moralischen Verpflichtung, sondern auch ökonomischen Erwägungen. Vor diesem Hintergrund drohen jahrelange Erfahrungen als sekundär abgetan zu werden. Was passiert mit den Einrichtungen, die schon in Zeiten, in denen es noch nicht auf der politischen Tagesordnung stand, mit eigenen Mitteln die Islamischen Theologie zu etablieren begannen und nicht in Förderung aufgenommen werden? Ich denke, dass diese Institutionen dann geschwächt werden und möglicherweise schließen müssen, weil sie durch diese staatliche Abwahl an Ansehen, und Personal verlieren. Der Bund sollte in Kooperation mit den Ländern und Fachvertretern nach reiflicher Überlegung eine Entscheidung treffen. Das ist für die Zukunft der Islamischen Theologie enorm wichtig.

Interview: Canan Topcu

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