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Forschungsstelle zur NS-Pädagogik Professionelle Indoktrination

Eine neue Forschungsstelle soll sich mit NS-Pädagogik befassen und erforschen, wie die Politik Wissenschaft und Erziehung beeinflusste und umgekehrt. Dazu gehört das Lesen von schwerer Kost wie die Schülerzeitung "Hilf mit!", die eine ganze Hitler-Jugend-Generation geprägt hat.

24.01.2012 20:55
Astrid Ludwig
Akribischer Forscher: Benjamin Ortmeyer. Foto: Christoph Boeckheler

Die Geschichte fängt harmlos an, handelt von Freunden, die ihre Nachmittage mit Fußballspielen verbringen. Erich kickt den Ball aus Versehen über eine hohe Mauer, klettert hinterher und steht vor einem Haus, dessen Gestalten im Innern ihm „ein noch nie gekanntes Gefühl von Furcht und Entsetzen“ einflößen. Er sieht Menschen, „die halb Tier, halb Gespenst“ sind, mit „teuflischen Fratzen“. Die ihr Leben dahinschleppen müssen und „Schuld daran tragen meist ihre Eltern und Vorfahren“, erfährt Ernst von seinem Freund Helmut.

„Hinter der hohen Mauer“ beginnt wie eine betuliche Geistergeschichte und endet als plumpe Einführung für Jugendliche in nationalsozialistische Euthanasie-Ideologie. Die „teuflischen Fratzen“ sind rassisch minderwertige Bewohner einer Irrenanstalt.

Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft

Professor Benjamin Ortmeyer hat den Text in der Illustrierten Deutschen Schülerzeitung „Hilf mit!“ vom Dezember 1938 entdeckt. Der 59-Jährige war fast 30 Jahre lang Lehrer an Frankfurter Schulen und arbeitet seit 2003 an der Goethe-Uni am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaften. Für die Hans-Böckler-Stiftung hat er jahrelang über die Zeit des Nationalsozialismus an Schulen und auch über die Frage, welches Wissen heutige Studenten über die NS-Ideologie und Verbrechen haben, geforscht.

Ab Februar leitet er mit Professor Micha Brumlik und in Zusammenarbeit mit dem Fritz-Bauer-Institut die Forschungsstelle für NS-Pädagogik an der Uni. Finanziert wird diese für die kommenden drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

"Professionell gemachte Indoktrination"

Ortmeyers Lektüre ist schwere Kost. Zehn pädagogische Zeitungen und Zeitschriften wird er – zusammen mit Studenten – kritisch analysieren. Darunter Schülerbroschüren, Fach- und wissenschaftliche Veröffentlichungen. „Hilf mit!“ etwa war das Blatt des nationalsozialistischen Lehrerbundes und erschien von 1933 bis 1944 in Millionenauflage. „Ab der fünften Klasse wurde sie kostenlos an alle Schüler verteilt“, sagt Ortmeyer. „Eine professionell gemachte Indoktrination“, so der Professor, der alle Jahrgänge der Zeitschrift ausfindig gemacht hat.

Sich dem manchmal dort verbreiteten subtilen, meist aber unverhohlenen Rassismus und Antisemitismus zu entziehen, sei schwer gewesen im Schulalltag. „Eine ganze Hitler-Jugend-Generation wurde davon geprägt“, sagt er. Nach der Lektüre „versteht man vielleicht auch das Nachkriegsdeutschland besser“, erklärt er seinen Forschungsansatz.

Wie beeinflusste Politik Wissenschaft und Erziehung?

Ortmeyer und Brumlik wollen den pädagogischen Modellen nachspüren, aber auch den NS-Pädagogen selbst und ihren vom Regime verfolgten Kollegen. Sie wollen erforschen, wie die Politik Wissenschaft und Erziehung beeinflusste und umgekehrt. „Die Ideologen haben auf vielen Ebenen gleichzeitig gearbeitet“, so Ortmeyer. Sie wollen offenlegen, wie mit Terror und Einschmeichelung die Jugend ans System gebunden wurde. Aus früheren Forschungsprojekten mit jüdischen Zeitzeugen über den Schulalltag weiß Ortmeyer, „dass am schlimmsten die Mitschüler waren, die sich gegen sie wendeten“.

Die Ergebnisse der Forschungsstelle sollen in die Lehre fließen – in Seminare und Vorlesungen für Lehramtsstudenten oder angehende Pädagogen. Ortmeyer will Lehrmaterial und eine Zeitschriften-Datenbank im Internet erarbeiten, auf die Hochschulen bundesweit zurückgreifen können.

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