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Forschung So wandeln sich Migrantenfamilien

Forscherinnen der Frankfurter Goethe-Universität befragen Offenbacher Jugendliche zu ihrer Lebensgeschichte. Die Interviews zeigen interessante Entwicklungen.

Apitzsch: Die zweite Migrantengeneration ist gegenüber der ersten benachteiligt. Foto: dapd

Asiye war in einer Sackgasse. Nach der Realschule fand sie keinen Ausbildungsplatz. Die junge Frau machte aus der Not eine Tugend, holte ihr Abitur nach, fing an zu studieren. „Die Erkenntnis, dass auch Schüler mit Migrationshintergrund an Hauptschulen und Realschulen den Aufstieg schaffen können, war eine befreiende Erfahrung für Asiye“, sagt Anil Al-Rebholz.

Asiye, die eigentlich anders heißt, ist eine von zehn Jugendlichen aus dem Patenschaftsmodell Offenbach, die für ein Forschungsprojekt der Goethe Universität ihre Lebensgeschichte erzählt haben. In insgesamt rund 60 narrativ-biografischen Interviews, die auch in weiteren Orten des Rhein-Main-Gebiets geführt wurden, untersuchten die Frankfurter Forscherinnen den Wertewandel in Familien mit Migrationshintergrund. „Wir wollten die Generationenverhältnisse in den Familien darstellen“, sagen die Soziologie- und Politikprofessorin Ursula Apitzsch und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Al-Rebholz, die gemeinsam die Ergebnisse ihrer Studie vorstellen.
Die Forscherinnen ließen die Interviewten – Zuwanderer der zweiten und dritten Generation vor allem aus türkischen und marokkanischen Familien – frei erzählen. Ein Ziel war, die verschiedenen Strategien nachzuzeichnen, „die junge Frauen ergreifen, um Bildungserfolg zu haben“.

Migranten: Frauen werden mächtiger

Um Zugang zu Gesprächspartnern zu bekommen, arbeiteten die Frankfurterinnen mit lokalen Initiativen zusammen, etwa dem Patenschaftsmodell Offenbach. „Wir fühlen uns darin bestätigt, dass Bildung die Grundlage für sozialen Aufstieg ist“, sagte Jörg Meyer vom Jugendamt Offenbach, der das Patenschaftsmodell gemeinsam mit der evangelischen Pfarrerin Anja Harzke leitet. Ehrenamtliche Paten unterstützen in dem Projekt Schüler beim Einstieg ins Berufsleben. 91 Prozent seien zuletzt in Ausbildungsbetriebe oder weiterführende Schulen vermittelt worden. Viele seien überrascht, „was wir für tolle Jugendliche haben“, so Harzke.

Auch in der Studie der Forscherinnen ging es darum, gesellschaftliche Vorurteile mit unerwarteten Beispielen zu durchbrechen, sagt Apitzsch. So habe sich etwa gezeigt, dass die zweite Migrantengeneration gegenüber der ersten benachteiligt sei. Während die Selbstzugewanderten meist feste Jobs hatten und sowohl in der Herkunftskultur als auch in demokratischen Strukturen etwa gewerkschaftlich integriert gewesen seien, hätten ihre Kinder oft mit Arbeitslosigkeit und wenig kultureller Teilhabe zu kämpfen.

Frauen der ersten Generation gewannen im Migrationsprozess an Macht, so Apitzsch’ zweite These. „Sie eroberten sich in Deutschland eine zweite Welt neben der Familie“ und ermutigten auch ihre Töchter zur Bildung, während die Söhne sich diese trotz größerer Freiheiten durch Regelverstöße oft verbauten.

Ein drittes Phänomen soll eine Folgestudie untersuchen: junge Frauen der dritten Generation, die sich Ehemänner im Land der Großeltern suchen, in der Hoffnung, Beruf und Familie verbinden zu können.

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