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Fachhochschule Frankfurt „Mut zu mehr Europa“

An der Frankfurter Fachhochschule ist ein neues wissenschaftliches Zentrum entstanden: das Center for Applied European Studies. Hochschulpräsident Dievernich und Direktor Friedmann sprechen über dessen Bedeutung.

Engagierte Demokraten: Hochschulpräsident Frank Dievernich (links) und Michel Friedman, Direktor des Europa-Zentrums. Foto: Peter Jülich

Frankfurt ist um ein wissenschaftliches Zentrum reicher: Insgesamt 34 Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter zählen bislang zu den Gründungsmitgliedern des Center for Applied European Studies an der Frankfurter Fachhochschule. Bei der Auftaktveranstaltung am Freitag sprach neben Hessens Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) auch der frühere Außenminister Joschka Fischer über Europas Zukunft. Im Interview erläutern Hochschulpräsident Frank Dievernich und Institutsdirektor Michel Friedman ihre gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Agenda.

Herr Dievernich, Herr Friedman, was bedeutet Europa für Sie?
Dievernich: Europa ist ein großes Friedens-, Freiheits- und Demokratieprojekt, das wir fortschreiben wollen und müssen. Damit das gelingt, sind wir aber gezwungen, in unserer Gesellschaft etwas dafür zu tun.

Friedman: Die Erfindung Europas, ein politisches Gebilde ohne Staat, ist motiviert von der Aufklärung, dem Respekt vor jedem einzelnen Menschen und der Aufhebung von Grenzen. Dieses supranationale Projekt des Humanismus funktioniert nur, wenn es von vielen geprägt wird. Es geht auch um soziale Gerechtigkeit und Bildung. Die Starken sollten den Schwachen auf Augenhöhe begegnen. Obwohl Europa den Sauerstoff für die Freiheit liefert, ist momentan viel Kohlenstoffdioxid in der Luft.

Warum sind Sie ein so überzeugter Europäer, Herr Friedman?
Wir müssen verhindern, dass Europa in das 20. Jahrhundert zurückfällt und zu einem nationalistischen, aggressiven, entsolidarisierten Kontinent wird. Meine Familie stammt aus Polen und war Opfer des Nationalsozialismus. Ich bin in Paris geboren und war Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses. Ich sage aus tiefster Überzeugung und Erfahrung: Mut für mehr Europa ist der Weg nach vorne. Angst vor dem Mehr ist der Weg zurück.

Welche Aufgabe wird das neue Center for Applied European Studies an der Frankfurter Fachhochschule in diesem großen Demokratie- und Freiheitsprojekt spielen?
Dievernich: Das Zentrum soll zum einen eine Adresse sein für junge Menschen in Frankfurt, wie eben unsere Studierende. Zum anderen braucht die Stadt und ihre Bevölkerung, egal ob jung oder alt, einen Ort, um über ihre Zukunft in Europa nachzudenken und sich zugleich der Geschichte Europas bewusst zu werden. Es braucht Orte, um sich diesem Europa kreativ zu nähern. In öffentlichen Veranstaltungen werden wir über Europa aus unterschiedlichen Perspektiven diskutieren. Als wissenschaftliches Zentrum, dem 34 Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen angehören, werden wir europäische Fragen anwendungsorientiert stellen und beantworten. Anhand einer Publikationsreihe werden wir unsere Erkenntnisse zurück in die Gesellschaft geben. Perspektivisch werden wir auch Weiterbildungen anbieten. Alles interdisziplinär – denn dafür steht unsere Hochschule.
Friedman: Es geht nicht nur um existenzielle Fragen wie Menschenrechte für die knapp 500 Millionen Europäer, es geht auch um globale Entwicklungen und künftige Möglichkeiten. Als Europa gegründet wurde, waren beispielsweise China und Indien noch keine Weltmächte. Um Chinas Perspektive auf Europa wird es übrigens in einer Veranstaltungsreihe gehen, die ich moderieren werde.

Wie ist das Zentrum aufgestellt?
Friedman: Das Center wird die dynamische Erfindung Europas interdisziplinär erforschen. Vom Selbstverständnis her ist das Institut international aufgestellt, die Intelligenzija aus der ganzen Welt wird in Frankfurt miteinander diskutieren.
Dievernich: Unsere Studierendenschaft ist hochgradig international. Dass die Hälfte der knapp 14 000 Studierenden einen interkulturellen Hintergrund hat, ist ein Pfund. Die Hochschule gibt somit der Stadt, aber auch Europa ein Gesicht – sie stellt das Spiegelbild einer jungen europäischen Generation dar.

Sie wollen vor allem die junge Generation ansprechen?
Friedman: Wir wollen mit Studierenden Fragen der nächsten Generationen verhandeln. Dazu braucht es viel Fantasie und vor allem Mut zum Denken. Es geht um die Zukunft Europas, denn Europas ist und bleibt ein junges Projekt. Unter den jungen Leuten ist die Zustimmung zur Europäischen Union am höchsten, wie eine Umfrage ergab.
Dievernich: Das Center soll ein kreativer Think Tank sein. Zugleich ist die Gründung des Zentrums zu dieser Zeit und in dieser Stadt ein starkes politisches Zeichen. Frankfurt gehört mit der Europäischen Zentralbank zu den europäischen Hauptstädten und wir als Hochschule werden gesellschaftliche Verantwortung zeigen, indem wir gerade jetzt Ja zu Europa sagen. Es ist wichtig, dass gerade Hochschulen das tun, verdanken sie doch ihre Freiheit des Denkens auch der Freiheit Europas. Diese muss verteidigt werden. Sie muss unsere persönliche Angelegenheit sein.

Welche Themen wird das Zentrum konkret bearbeiten?
Dievernich: Zwei Forschungsprojekte sind bereits gestartet: Am Beispiel der alternden Gesellschaft werden wir analysieren, wie Pflegedienstleistungen in Deutschland und weiteren europäischen Ländern organisiert werden. Wir können in Europa voneinander lernen, etwa indem Informationsflüsse auf diesem Gebiet verbessert werden. Eine andere Fragestellung ist, wie eine nachhaltige, ökologische Entwicklung von Metropolen und dem ländlichen Raum aussehen kann, gerade in Bezug auf den Klimawandel. Ganz wichtig für mich persönlich ist die Frage, wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert und wie wir daraufhin das Europa 2.0 gestalten wollen.

Europa steht aktuell vor großen Herausforderungen: Schuldenkrise, Brexit, Flüchtlingsproblematik, nationalistische Töne, zunehmende EU-Feindlichkeit. Macht Ihnen das Sorgen?
Friedman: Ich habe Angst um Europa. Die nationalistische, rassistische Fratze enthemmt sich und ist in einigen Ländern durch Wahlen legitimiert und legalisiert. Das macht Angst. Daher sage ich: Jetzt erst recht. Gerade in Zeiten des Stillstands oder des Rückschritts brauchen wir mehr Europa. Wir werden die streitigen Auseinandersetzungen führen müssen.
Dievernich: Ich habe Sorge, aber sie ist kombiniert mit Hoffnung und Zuversicht in Bezug auf Europa: Wir werden es schaffen, Menschen dafür zu sensibilisieren, dass sie durchaus an Europas Zukunft glauben können – genau dafür müssen sie beginnen, bewusst an Europa zu partizipieren, es mit seinen Chancen für sich zu entdecken. Das Zentrum will hierfür einen Beitrag leisten.

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