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Alfred Wegener Als der Himmel Feuer fing

Für die Idee der Kontinentalverschiebung wurde er zuerst verlacht, später weltweit geehrt. Vor 100 Jahren sorgte Alfred Wegener in Frankfurt und Hessen für Furore – als Forscher und auch als Meteoriten-Jäger.

Alfred Wegeners Meteorit von Treysa. Foto: Gesa Coordes

Für die Zeitgenossen war es eine feurige Kugel, die mit Donnerschall zur Erde sauste. Sie berichteten von rollendem Getöse, Pfeifen wie von Kanonenkugeln, Rauchsäulen, leuchtendem Schweif, zitternder Erde und fliehenden Schafherden. Der Meteorit von Treysa steht bis heute im Guinnessbuch der Rekorde.

Zu verdanken hat er dies dem Forscher Alfred Wegener (1880 bis 1930), der im Mittelpunkt des „Studium Generale“ der Marburger Philipps-Universität steht. Anlass ist der 100. Jahrestag der Erstveröffentlichung von Wegeners bahnbrechender Theorie von der Kontinentalverschiebung, die er am 6. Januar 1912 bei der Vollversammlung der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft in Frankfurt vorstellte und für die er von den Wissenschaftlern dort erst einmal ausgelacht und ausgebuht wurde.

Das Marburger „Studium Generale“ schlägt einen Bogen von der Kontinentalverschiebung über Wegeners Arbeiten zu Wolken, Tornados und Kratern bis hin zu eben dem größten je in Hessen entdeckten Meteoriten. Dass er gefunden wurde, ist auch dem legendären Forscher zuzuschreiben – obwohl Wegener genau genommen den beeindruckenden Meteoriten überhaupt nicht gesehen hat, der an einem sonnigen Nachmittag des 3. April 1916 in Kurhessen niederging. Er kam erst wenige Tage später während seines Fronturlaubs nach Marburg, wo er von 1909 bis 1919 als Privatdozent für Meteorologie praktische Astronomie und kosmische Physik lehrte.

Systematische Verfolgung

Nachdem er zunächst mehrere Tage vergeblich nach dem Meteoriten suchte, verfolgte er die Spur der Feuerkugel systematisch: Auf der Suche nach Augenzeugen schaltete er Anzeigen in Tageszeitungen. Dabei stellte sich heraus, dass das glühende Himmelsgestein in einem Umkreis von 160 Kilometern bis nach Frankfurt zu sehen gewesen war.

Mehrere Tage zog er in der Region um Treysa persönlich von Dorf zu Dorf, um sich den Meteoriten vom ersten Aufglühen bis zum letzten Leuchten beschreiben zu lassen. Kinder und Jugendliche bekamen schulfrei, um dem Wissenschaftler bei den Recherchen zu helfen. Von mehr als 100 Menschen ließ er sich Standort, Richtung, Eintrittswinkel des Feuerstrahls schildern.

Mit Hilfe dieser Daten berechnete er Gewicht, Material, Neigung der Bahn und Geschwindigkeit des Meteoriten, der mit 19,8 Kilometern pro Sekunde auf die Erde zuraste. Nach diesen Rechnungen hätte der Himmelskörper zwischen den Dörfern Rörshain, Leimsfeld und Michelsberg bei Treysa aufschlagen müssen. Doch der Meteorit wurde trotz intensiver Suche bis zum Herbst 1916 nicht gefunden. Erst nachdem die Physikalische Gesellschaft eine Belohnung von 300 Goldmark ausgesetzt hatte, wurde er fast ein Jahr nach dem Einschlag von Förster Huppmann auf einer kleinen Lichtung im Wald von Rommershausen bei Treysa entdeckt.

Genial gerechnet

Wegener hatte erstaunlich genau gerechnet: Wie vorhergesagt, handelte es sich um einen seltenen Eisenmeteoriten. Der Krater war mit 1,60 Meter nur zehn Zentimeter tiefer als angenommen. Mit 63,3 Kilogramm war er etwas schwerer als die geschätzten 50 Kilogramm. Die Fundstelle lag 800 Meter von dem von ihm berechneten Hemmpunkt entfernt – der Punkt, an dem der Meteorit seine kosmische Geschwindigkeit verliert. Nur bei der Einschlagsstelle gab es einige Kilometer Abweichung, was mit optischen Täuschungen der Augenzeugen zusammenhing.

„Wegener war genial“, urteilt Peter Masberg, Leiter des Mineralogischen Museums Marburg, wo der mit schwarzer Schmelzkruste überzogene Meteorit heute steht. Vor 4,56 Milliarden Jahren ist er entstanden, 600 Millionen Jahre brauchte er vom Asteroidengürtel nach Rommershausen. „Heute unser wertvollstes Exponat“, sagt Masberg.

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