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AfD-Hochburgen in Frankfurt Ostdeutsche Verhältnisse in Frankfurt

Im Wahlbezirk 39003 erzielte die AfD ihr bestes Ergebnis in Frankfurt. Dabei gilt das Viertel um die Pestalozzischule als Hochburg der Sozialdemokratie.

Frankfurt-Riederwald
Frankys Bude ist im Viertel nördlich des Erlenbruchs einer der wenigen Treffpunkte. Foto: Peter Jülich

Es gab schon bessere Zeiten an Frankys Bude. Der Holzpavillon mit dem Spitzdach, der aussieht, als hätte man vergessen, ihn nach dem letzten Weihnachtsmarkt abzubauen, ist einer der wenigen Treffpunkte für Anwohner, den es nördlich der Straße „Am Erlenbruch“ gibt. Backwaren, Getränke, Zeitschriften, Franky alias Frank Schade hält alles bereit, was das Herz begehrt. Seit knapp elf Jahren betreibt er den kleinen Kiosk-Stehimbiss-Mix. Doch es läuft nicht mehr so gut: „Früher hatt’ ich um die Uhrzeit schon 70, 80 Stück verkauft“, sagt Franky alias Frank Schade. Seine Hand ruht auf einem Stapel Zeitungen. „Heute vielleicht fünfzehn. Die Leute lese nemmer.“

Schade ist ein bulliger Mann mit Brille und kurzen Haaren. Typ: jovialer Kneipenwirt. Seine brummende Stimme übertönt den Lärm des Verkehrs, der sich wie üblich laut und langsam durch den Riederwald schiebt. Insbesondere wenn Schade sich in Rage redet. Etwa wenn es um die nicht enden wollenden Arbeiten am Riederwaldtunnel geht. „Dafür haben sie Geld. Aber die Pestalozzischule verfällt!“AfD-Hochburgen in Frankfurt

Der massive Bau der Pestalozzischule überragt das Quartier nördlich des Erlenbruchs. Eine Trutzburg mit Klinkersteinfassade, höher als das angrenzende Riederwaldstadion und die Sozialbauten entlang der Vatterstraße. Am vergangenen Sonntag befand sich hier das Wahllokal für den Frankfurter Wahlbezirk 39003. 528 Wahlberechtigte waren bei der Bundestagswahl zur Stimmabgabe aufgerufen. 242 machten davon Gebrauch. Eine Wahlbeteiligung von gerade mal 45 Prozent. Und das Ergebnis erinnert mehr an Ostdeutschland als an Ostfrankfurt.

Mehr als 19 Prozent für die AfD

Knapp 19,4 Prozent der in der Pestalozzischule abgegebenen Stimmen entfielen auf die Rechtspopulisten von der AfD. Das stärkste Einzelergebnis in Frankfurt, der Stadt, von der die Wochenzeitung „Die Zeit“ unlängst behauptete, dass sie sich der Logik der AfD entziehe. Für das kleine Quartier zwischen Erlenbruch, Riederwaldstadion und Mergenthalerstraße scheint das nicht zu gelten. Hier ist die AfD zweitstärkste Kraft.

„Hier herrscht großer Unmut“, sagt Irene Steinhauer vom Vorstand der SPD Riederwald. Eigentlich ist das Viertel um die Pestalozzischule nicht mehr ihr Beritt. Das Riederwaldstadion mag heißen, wie es will, es befindet sich genau wie die Schule und alles nördlich der Straße „Am Erlenbruch“ auf Seckbacher Gemarkung. „Wir sind näher dran, aber eigentlich dürfen wir hier nicht betreuen“, sagt Steinhauer. Budenbetreiber Frank Schade kümmern solche Verwaltungsgrenzen so wenig wie den Rest der Bewohner. „Wir sind alte Riederwälder“, sagt er.

Der Riederwald, der kleine Arbeiterstadtteil im Osten, das war traditionelles SPD-Land, wo bis zur Jahrtausendwende fast immer mehr als 50 Prozent sozialdemokratisch wählten. Dann kam Hartz IV, und der Riederwald wurde zur Hochburg der Linken, was die SPD die absolute Mehrheit kostete, aber nicht den ersten Platz. Was für den Riederwald gilt, gilt auch für das Viertel um die Pestalozzischule. Auch dieses Mal wurde die SPD auf beiden Seiten des Erlenbruchs stärkste Kraft.

Wie eine Wahlsiegerin fühlt Irene Steinhauer sich nicht. Gerade mal etwas mehr als ein Viertel der Stimmen hat ihre Partei in der Pestalozzischule bekommen. Im Riederwald waren es noch knapp 30 Prozent. Profitiert hat neben der AfD auch wieder die Linke, die im Wahlbezirk 39003 mit 18,6 Prozent auf Platz drei landete. In ganzen Zahlen ausgedrückt wählten 46 Menschen die AfD, 44 die Linke.

Kleine Zahlen, die dennoch nachdenklich stimmen. „Das sind die, die den Etablierten eins auswischen wollen. Da ist es egal, was sie wählen“, sagt Steinhauer. Sie klingt frustriert. Und doch kann sie es nachvollziehen. „Hier herrscht Frust“, sagt sie. „Wegen der Nachverdichtung und dem Tunnelbau.“

Die Nassauische Heimstätte lässt derzeit zwischen den alten Wohnblöcken aus den 50ern acht Neubauten hochziehen. Bis auf vier Meter rückt die neue Bebauung an den Altbestand heran. Die Anwohner haben sich bereits beim Ortsbeirat beschwert, sich an die Presse gewandt. Es wird enger. Laut ist es schon immer. Und selbst in leisen Momenten, scheint man hier das Gefühl zu haben, nicht gehört zu werden. Abgehängt und abgestellt worden zu sein.

Am Vormittag sind nur wenige Menschen im Viertel unterwegs. Einkaufsmöglichkeiten sind hier noch rarer als auf der anderen Seite des Erlenbruchs im Riederwald. Der Getränkemarkt in der Mitte der Sozialsiedlung steht schon länger leer. Fragt man die Passanten nach dem vergangenen Wahlsonntag, lautet die Antwort in den meisten Fällen: „Ich spreche nicht so gut Deutsch.“

Ja, natürlich gebe es hier viele Ausländer, sagt ein Mann, der anonym bleiben will. Seine Nachbarn seien aus Ghana. Mit denen habe er nur gute Erfahrungen gemacht. Auch gegen Flüchtlinge habe er nichts. „Ich bin ja selbst Aussiedler, vor 34 Jahre aus Schlesien hergekommen. Wenn die Leute ihr Leben retten wollen, das ist doch verständlich.“ Es ist die lange, freundliche Vorrede zu einem dezidierten „Aber“.

AfD, sagt der Mann mit den ghanaischen Nachbarn, habe er nicht gewählt. „Aber als ich damals kam, hat niemand gefragt, hast du, was du brauchst? Und heute?“ „Warum muss ich noch Steuern auf meine Rente zahlen. Und die Flüchtlinge kriegen es hinterhergeschmissen?“, fragt auch eine Rentnerin, die an der Pestalozzischule spazieren geht. Die Eigenwahrnehmung: Wir hier werden alleingelassen, um Fremde kümmert man sich. Nein, betont die Frau, auch sie habe nicht AfD gewählt. „Die sind mir ein bisschen zu braun.“ Die AfD-Wähler im Frankfurter Osten sind an diesem Vormittag unsichtbar.

Frank „Franky“ Schade wird seinen Laden gegen 11 Uhr zumachen. Länger auflassen lohnt sich nicht. Franky war lange Jahre SPD-Wähler, dann machte er sein Kreuz bei der Linken. „Das hat mich aber auch nicht begeistert.“ Wen er am letzten Sonntag gewählt hat, verrät er nicht. Die AfD sei es auch bei ihm nicht gewesen.

Hier folgen unsere Infografiken - gegebenenfalls nach kurzer Wartezeit. Zum nächsten Stadtteil mit den Pfeilen unten.  Die Hochburgen der Parteien finden Sie auch für CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke.

 

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