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Bücherschränke in Frankfurt Bücher für alle

In Frankfurt steigt die Zahl der offenen Bücherschränke rasant, aber nicht jedermann freut es.

Bücherschrank am Merianplatz
Drive hin: Wer sich an einem Bücherschrank bedient, wie hier am Merianplatz, muss nicht mal sein Fahrrad abschließen. Foto: Renate Hoyer

Es werden immer mehr. Die Zahl der offenen Bücherschränke im Frankfurter Stadtbild steigt rasant. Ende November wurde der 56. Bücherschrank an der Lukaskirche in Sachsenhausen eingeweiht, genehmigt sind bereits 62. Federführend im Genehmigungsprozess ist das Straßenbauamt, denn die Schränke machen bei der Aufstellung mehr Arbeit, als mancher denkt.

„Die Herausforderung ist ganz oft der Untergrund, denn die Schränke haben unten eine Wanne, die im Boden versenkt werden muss“, erläutert Katrin Stelzer vom Straßenbauamt. Oft sei es schwer, einen Standort zu finden, da im Boden Leitungen oder Rohre verlegt sind oder der gewünschte Platz untertunnelt ist.

Das Prozedere läuft folgendermaßen ab; Ein Bürger, eine Initiative oder ein Verein tritt an den zuständigen Ortsbeirat heran und schlägt einen Standort für einen Bücherschrank vor. Der Ortsbeirat prüft die Sinnhaftigkeit des Vorschlags und ob er den etwa 6700 Euro teuren Schrank finanzieren kann. Falls er beides bejaht, wendet sich der Ortsbeirat an das Straßenbauamt. „Wir prüfen dann, ob der Standort umsetzbar ist“, sagt Stelzer.

Weltliteratur im Höhenblick

Das Straßenbauamt steht auch im Austausch mit den Buchpaten. Denn für jeden Bücherschrank gibt es einen Paten, der sich um den Erhalt und den Bücherbestand kümmert. Rachid Rawas, stellvertretender Vorsteher im Ortsbeirat 9, betreut gleich vier Bücherschränke. „Das ist eine tolle Geschichte, man findet immer Bücher, die man gerne in die Hand nimmt“, sagt der studierte Theologe. Bei den einzelnen Bücherschränken gebe es durchaus Unterschiede, was die Frequenz und die Qualität der Bücher angeht.

Der Schrank auf dem Ginnheimer Kirchplatz etwa werde stark frequentiert. Dort und auch beim Bücherschrank im Höhenblick in Ginnheim sei die Qualität der Bücher beachtlich. „Der Schrank im Höhenblick ist immer voll, und 40 Prozent der Bücher sind Weltliteratur“, findet der 57-Jährige. Im Bücherschrank vor der Astrid-Lindgren-Schule in der Platenstraße hingegen habe er manchmal den Eindruck, dass Menschen dort Bücher eher entsorgen. „Ich habe schon Bücher rausgenommen, die einfach nur noch gammelig waren“, sagt Rawas. Ebenso raus fliegen alte Diplomarbeiten oder Bücher über Betriebswirtschaftsführung aus dem Jahr 1987. „Wir wollen Bücher, die auch andere noch haben wollen, das kann ich mir bei einem solchen Buch nicht vorstellen.“

Gut möglich, dass Rawas bald noch weitere Schränke betreuen wird, denn das Gebiet des Ortsbeirats 9 erhält zwei weitere Schränke, die bereits genehmigt sind: im Dornbusch in der Albert-Schweitzer-Siedlung und in der Niedwiesenstraße. Dort war es mit der TSG 51 Eschersheim übrigens erstmals ein Fußballverein, der sich an den Ortsbeirat mit dem Anliegen wandte, einen Bücherschrank betreuen zu wollen. „Der Neuner wird der Bezirk mit den meisten Bücherschränken“, sagt Rawas nicht ohne Stolz.

Antiquar klagt: Wie Freibier vor der Kneipe

„Der Neuner“ liefert sich dabei allerdings ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem „Fünfer“. Denn die beiden jüngsten Schränke wurden kurz hintereinander in Sachsenhausen eingeweiht. Dort bricht übrigens nicht jeder in Jubel aus angesichts immer neuer Bücherschränke. Antiquar Wolfgang Rüger sieht darin eher eine Konkurrenz. „Bücherschränke sind der Sargnagel des Antiquariats“, sagt Rüger. Die Leute, die früher in seinen Bücherkisten gestöbert hätten, durchwühlten jetzt die Bücherschränke.

Einer davon steht direkt vor seinem Laden in der Dreieichstraße. „Das ist, als würde ich Freibier vor einer Kneipe ausschenken“, so Rüger. Dabei ärgern ihn nicht die Leute, die sich dort ein Buch ausleihen, sondern diejenigen, die alle Schränke systematisch durchkämmen und die Bücher dann im Internet verhökern.

In der Tat kann auch Bücherschrankpate Rawas von regelrechtem Bücherklau berichten, etwa beim Bücherschrank in Seckbach, der nur 30 Meter von seinem Büro entfernt steht. „Die Leute nehmen kistenweise Bücher mit und machen sie auf Flohmärkten zu Geld“, sagt er und spricht von „positiver Kriminalität“. Antiquar Rüger kann dem nichts Positives abgewinnen. „Ich muss in Konkurrenz treten mit Leuten, die sich kostenlos bedienen“, klagt Wolfgang Rüger und spricht von „Schattenwirtschaft“. Die Zahl der Antiquariate in Frankfurt habe sich seit der Etablierung der Bücherschränke von zehn auf fünf halbiert.

Rüger selbst hat die Öffnungszeiten seines Antiquariats stark eingeschränkt, weil bei ihm deutlich weniger los sei als früher. Sein Problem habe er schon vor etwa zwei Jahren im Kulturdezernat der Stadt vorgetragen. Das Dezernat habe ihm zugesichert, bei der künftigen Wahl der Standorte das letzte Wort zu haben. Doch auf Anfrage der FR hieß es dort jetzt nur: „Wir sind bei dem Thema nicht involviert, wenden Sie sich bitte an das Straßenbauamt.“ Doch dort werden nur die baulichen Voraussetzungen geprüft.

Es werden weitere Bücherschränke hinzukommen. Am Donnerstag, 14. Dezember, um 17 Uhr wird an der Friedberger Warte der 57. der Stadt eingeweiht.

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