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Buddhismus-Crashkurs Erleuchtetes Wesen

Wer ist eigentlich der Dalai Lama? Und was sind die Hintergründe der Demonstrationen gegen den religiösen Führer? Die FR gibt Antworten.

13.07.2015 16:21
Von Timur Tinç
Unversöhnlich: Anhänger des Dalai Lama (links) und Buddhisten aus der Shugden-Bewegung stehen sich auf dem Römerberg gegenüber. Foto: peter-juelich.com

Was ist der Buddhismus?
Der Buddhismus ist vor ungefähr 2500 Jahren in Indien entstanden. Der Begründer war der indische Prinz Siddharta Gautama, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte. Er soll bei seinen Reisen vom Leid vieler Menschen so erschüttert gewesen sein, dass er Mönch wurde. Das führte ihn zur wahren Erkenntnis aller Dinge. Damit war er der Buddha. Buddha heißt „der Erleuchtete“. Im Buddhismus gibt es keinen Gott. Jeder Mensch kann sich selbst erlösen, wenn er der Weisheit Buddhas folgt.

Was unterscheidet den tibetischen Buddhismus von dieser Lehre?
Der tibetische Buddhismus ist ein Zweig des Mahayana-Buddhismus. Die Lehrautorität beruht auf zwei Institutionen: dem Schriftenkanon Buddhas, aber auch der authentischen mündlichen Überlieferung durch den reinkarnierten Dalai Lama.

Wer ist der Dalai Lama?
Der Dalai Lama – meist mit ozeangleicher Lehrer übersetzt – ist das geistige Oberhaupt des tibetischen Buddhismus. Er wird als erleuchtetes Wesen verstanden, das wiedergeboren wurde. Der aktuelle und 14. Dalai Lama ist Tendzin Gyatsho. 1950 übernahm er im Alter von 15 Jahren die Regierungsverantwortung, nachdem chinesische Truppen in Tibet einmarschiert waren.

Was verbirgt sich hinter dem chinesisch-tibetischen Konflikt?
Aus Sicht der chinesischen Regierung ist Tibet seit mehreren hundert Jahren ein fester Bestandteil Chinas. Die tibetische Exilregierung vertritt die Auffassung, dass Tibet zum Zeitpunkt der Invasion durch die chinesische Volksbefreiungsarmee ein unabhängiger und voll funktionsfähiger Staat gewesen sei.

Was passierte in den Jahren danach?
Die Besatzer begannen in den 1950er Jahren, Klöster zu zerstören und Mönche einzusperren. Anfangs versuchte der Dalai Lama zu vermitteln. Als 1959 ein Aufstand ausbrach, bei dem schätzungsweise 90 000 Tibeter ums Leben kamen, floh der Dalai Lama nach Indien. Dort gründete er im April 1959 die tibetische Regierung im Exil, die „Central Tibetan Administration“ (CTA). 1960 wurde sie nach Dharamsala verlegt, wo sie noch heute ihren Sitz hat.

Die sogenannten Shugden haben in Frankfurt gegen den Dalai Lama demonstriert. Wer sind sie?
Shugden ist im Glaubenssystem des tibetischen Buddhismus ein übernatürliches Wesen, das seit dem 17. Jahrhundert als Schutzgottheit verehrt wird. Der Dalai Lama hat diesen Kult verboten. Zuerst für sich selbst, 1976 und 1996 auch öffentlich. Das hat die Situation verschärft. Protestierende Mönche wurden wegen Widerstandes gegen das Gelübde des Gehorsams aus der Mönchsgemeinschaft ausgeschlossen.

Was sind die Hintergründe dieser Auseinandersetzung?
„Das Problem reicht bis zu den Anfängen des Buddhismus in Tibet zurück“, schreibt Michael von Brück von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der tibetische Buddhismus kennt seit Jahrhunderten vier Hauptschulen oder „Konfessionen“: Nyingma, Kagyü, Sakya und Geluk. „Sie haben vieles gemeinsam und in ihrer Geschichte miteinander kooperiert, nicht selten aber erbittert um geistliche wie wirtschaftliche Macht und politischen Einfluss gekämpft“, so von Brück.

Wie sind die Rollen verteilt?
„Shugden“ gilt als Beschützer der Gelukpa, die stärkste und mächtigste Gruppierung. Aus dieser Gruppe gehen die Dalai Lamas hervor. Die anderen Traditionen fühlen sich durch die Shugden-Verehrung bedroht, zumal dieser Kult in der tibetischen Geschichte Abgrenzung statt Kooperation bewirkt haben soll. Ein Buddhismus, der seine geistige Kraft zur Befreiung vom Ego verliert, mutiert zu bloßem Schamanismus oder Geisterglauben, begründet der Dalai Lama seine Haltung.

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