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Brexit Der Zuzug der Briten beginnt erst

Viele internationale Banken wollen ihr Geschäft in Frankfurt ausbauen. Das könnte die Stadt internationaler machen - und teurer.

Skyline
In den Hochhäusern der Frankfurter Skyline könnten bald deutlich mehr Briten arbeiten. Foto: rtr

Noch sind die Auswirkungen des Brexits, der im Juni vergangenen Jahres mit dem Referendum für den EU-Austritt eingeleitet wurde, in Frankfurt kaum zu spüren. Doch Makler, Finanzbranche und Politik rechnen damit, dass bald die ersten Banken ihren Ankündigungen Taten folgen lassen könnten und größere Büroflächen anmieten, um Arbeitsbereiche von der Themse an den Main zu verlagern. Schon in diesem Jahr könnten nach Schätzung der Standortinitiative Frankfurt Main Finance etwa 1000 Arbeitsplätze von London nach Frankfurt wandern, in den kommenden fünf Jahren weitere 10.000 Jobs hinzukommen.

Die US-amerikanischen Großbanken Goldman Sachs, J.P. Morgan, Morgan Stanley und Citigroup, vier der fünf größten japanischen Banken sowie die britischen Banken Standard Chartered und Lloyds wollen infolge des Brexits ihr Geschäft in Frankfurt ausbauen. Als offenes Geheimnis gilt etwa, dass Morgan Stanley sich mehrere Etagen im Omniturm gesichert hat, der an der Großen Gallusstraße entsteht.

10.000 Arbeitsplätze könnten nach Frankfurt gehen

Noch allerdings stocken die Banken ihre Arbeitsplätze nach Beobachtungen von Hubertus Väth, dem Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance, in vergleichsweise geringer Anzahl auf. Die große Welle könne kommendes Jahr beginnen, schätzt er.

Sobald die ersten Abschlüsse getätigt werden, Unternehmen wegen des Brexits neue Mietverträge abschließen, werde ein Stein ins Rollen kommen, nimmt Oliver Barth an, Geschäftsführer und Frankfurter Niederlassungsleiter von BNP Paribas Real Estate Deutschland. Schon jetzt sei viel Bewegung zu sehen. Sehr viele internationale Banken interessierten sich für Büroflächen in der Stadt. Eine Verlagerung von 10.000 Arbeitsplätzen hält er durchaus für möglich, nicht auf einmal freilich, sondern eher nach und nach oder in zwei Wellen. Auch im Central Business District, wie das Bankenviertel in der Maklersprache heißt, gebe es selbst für diese Zahl an Mitarbeitern noch genügend Möglichkeiten, sagt er.

Barth weist etwa auf die großen Flächen hin, die in den Türmen Winx, Omniturm, Marienturm, One und dem Projekt Frankfurt Four entstehen. Ob das Angebot nur rechnerisch oder tatsächlich ausreiche, hänge allerdings auch von der Bereitschaft von Banken ab, unter ein Dach zu ziehen.

Selbst wenn in den kommenden Jahren zunächst nur 5000 statt 10.000 Arbeitsplätze verlegt würden, werde Frankfurt das spüren, glaubt Barth. „Und zwar positiv.“ Der Zuzug von Bankern aus London könne dazu beitragen, dass die Stadt noch internationaler werde.

Auch Oliver Schwebel, Geschäftsführer der städtischen Wirtschaftsförderung, hält die Verlegung von Arbeitsplätzen von der Themse an den Main für eine große Chance. Schon weil der Zuwachs an Jobs den unter anderem mit der Digitalisierung verbundenen Abbau von Stellen am Finanzplatz kompensieren könne. Als Entscheidung von großer Tragweite sieht Schwebel die Frage, ob Frankfurt Sitz der Europäischen Bankenaufsicht EBA wird. Um den Sitz der europäischen Behörde bewerben sich außer Frankfurt etwa Paris und Luxemburg. Nicht nur, weil die Europäische Zentralbank und die europäische Versicherungsaufsicht bereits ihren Sitz am Main haben, zeigt sich Schwebel zuversichtlich, dass die für November erwartete Entscheidung für Frankfurt ausgeht. Das könne dann auch für Unternehmen, die über eine Verlagerung von Arbeitsplätzen nachdenken, eine Signalwirkung haben, sagt er.

Weiter steigende Mieten befürchtet

Viele Frankfurter sehen die Vorstellung, dass mehrere Tausend Banker zuziehen könnten, nicht nur positiv. Sie befürchten, dass der Druck auf den ohnehin seit Jahren angespannten Wohnungsmarkt noch steigen wird. Der Verein Mieter helfen Mietern geht etwa davon aus, dass sich der Trend zu möblierten Mikro-Apartments, Boarding Houses und Luxuseigentum noch verstärken wird. Schon die Verlegung des EZB-Sitzes ins Ostend habe zu steigenden Mieten und zu Verdrängung geführt, heißt es.

Im Planungsdezernat rät man, die Brexit-Effekte auf den Wohnungsmarkt auch nicht zu überschätzen. Noch sei schließlich nicht nur offen, wie viele Beschäftigte zuziehen, sondern auch, wie viele von diesen in Frankfurt und wie viele in der Region wohnen werden, sagt Mark Gellert, Sprecher von Planungsdezernent Mike Josef (SPD) Für Menschen, die überdurchschnittlich gut verdienen, sei das Angebot groß. Einen hohen Nachholbedarf in Frankfurt gebe es dagegen bei günstigem Wohnraum. Um diesen zu schaffen, müsse man unter anderem neues Bauland ausweisen. Doch das mache die Stadt ja ohnehin, sagt Gellert.

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